Am 15. Oktober 1994 hat sie sich umgebracht. Nachruf in Le Monde, Nachruf in Libération. Der Selbstmord war angekündigt. Er hängt zusammen mit dem Erscheinen eines Buches: "Rue Ordener, Rue Labat, autobiographisches Fragment", 1994 erschienen in Paris, soeben auf deutsch in Tübingen.

Die französische Philosophin Sarah Kofman hat Bücher über Freud, Comte, E. T. A. Hoffmann, Nerval, Derrida und Rousseau geschrieben. Sie hat gelehrte Werke über die Melancholie der Kunst und das Lachen, über Shakespeares Dramen und die Metapher bei Nietzsche verfaßt. Umwege, Ablenkungen.

Eigentlich wollte sie immer nur die Geschichte eines kleinen jüdischen Mädchens erzählen, das in der Rue Ordener aufgewachsen und sich in der Rue Labat abhanden gekommen ist - ihre Autobiographie. Vielleicht, spekulierte sie einmal, habe sie überhaupt nur deshalb so viele Bücher geschrieben, um sich "einen Namen" zu machen, einen Namen, der sie berechtigen würde, ihre Autobiographie zu schreiben. "Möglicherweise", sagte Sarah Kofman 1991, "werde ich eines Tages meine Autobiographie schreiben. Gleichzeitig schiebe ich die Entscheidung vor mir her, als ob ich damit mein Todesdatum verschieben würde." Und: "Für mich sind diese Dinge so wichtig, daß ich den Eindruck habe: wenn es gesagt ist, werde ich nichts anderes mehr schreiben können." Wünsche, Ankündigungen.

Ist es jetzt gesagt? Die Autobiographie ist geschrieben, das Todesdatum ist bekannt. Es wird nach diesem Buch kein anderes Buch von Sarah Kofman mehr geben. Was ist das für ein Buch?

Ein gescheitertes Buch. Keine Autobiographie, wenn man unter einer Autobiographie versteht: ein Selbstportrait, ein Selbstbildnis. Dieses Buch erklärt nichts. Es zeichnet kein Lebensbild. Es nennt keine Gründe und enthält keine Kommentare. Ihm fehlt die Inszenierung der erwachsenen Philosophin und der verwirrte, staunende Blick des Kindes. Ähnlich wie in Ruth Klügers Überlebensbericht aus Wien und Auschwitz, "weiter leben", läßt der Text keinen Raum zum Deuten, Interpretieren und Verstehen. Er ist ein dürres Koordinatenkreuz aus Ereignissen, frei von Zutaten, frei von Kunst. Ein nacktes, ein bedrückend unscheinbares Buch, dem man die Bedeutung, die es für die Autorin hatte, nicht ansieht.

Sarah Kofman hat oft darüber nachgedacht, wie über das Leid, das den Juden zugefügt wurde, zu erzählen sei. Und sie kam zu dem Schluß, daß davon überhaupt nicht zu erzählen sei. "Der Tod in Auschwitz war schlimmer als der Tod." Und dieser Tod dauert fort. Erzählen, glaubte sie, könne man nur von Ereignissen, die einen Sinn ergeben, so schrecklich er auch sei. "Das Glück, das in der erzählenden Stimme wohnt, selbst wenn sie die schlimmsten Unglücksfälle erzählt", mache eine Erzählung vom Holocaust unmöglich. Dennoch hat sie ihren Freund Robert Antelme und sein Buch "Das Menschengeschlecht" bewundert, weil er das Unmögliche versucht und aus dem Konzentrationslager berichtet hat.

"Rue Ordener, Rue Labat" ist das Skelett einer Autobiographie. Notizen, Protokolle aus der Kladde eines müden, altgewordenenen Kindes, ein geruchs- und geschmacksneutraler Bericht, im Sauseschritt durch eine jüdische Kindheit im Paris der dreißiger und vierziger Jahre. In der Rue Ordener schlachtet der Vater die Hühner mit einer Rasierklinge. Die Mutter ist stolz auf den Vater und darauf, wie er den Schofar bläst. Die Familie feiert den Schabbat und das Purimfest. Zu besonderen Festtagen tanzt der Vater durch die Synagoge. Die Kinder dürfen die Torarollen küssen. An die Rue Ordener hatte Sarah Kofman die glücklichsten Erinnerungen ihres Lebens.