Wer Déja-vu-Erlebnisse liebt, wird im Saal E II des Frankfurter Oberlandesgerichts gut und regelmäßig bedient. Jeden Dienstag- und Donnerstagmorgen tut das immer gleiche Personal so, als müsse es ein altes Terroristen-Verfahren aus den achtziger Jahren nachstellen. Es ist, als fühlten sich die Beteiligten von Mythen umstellt, als würden sie beherrscht von kollektiver Erinnerung, als müßten sie antrainiertes Verhalten ständig reproduzieren. Wie zwanghaft inszenieren sie einen Prozeß als Ritual - als ob sich die Zeiten nicht geändert hätten.

Das Spiel beginnt, sobald Birgit Hogefeld, die kurz vor der wilden Schießerei auf dem Bahnhof von Bad Kleinen festgenommen wurde, den Gerichtssaal durch die Seitentür betritt. Aus dem Publikum, das hinter einer Glasscheibe sitzt, gedehnte "Oooohs" und "Aaaahs" und "Hallo Birgit"-Rufe. Es ist die buntscheckige Unterstützerszene, die seit zwanzig Jahren beharrlich mutmaßlichen Mitgliedern der Rote Armee Fraktion Trost spendet und ideologische Seelenmassage bietet. Die Angeklagte, eine zerbrechlich wirkende Frau von 38 Jahren, winkt und wirft den Genossen ihr offenes, unverstelltes Lachen zu. Das schafft die gewünschte Atmosphäre der Verbundenheit. Schon während der ersten Prozeßtage im November hat Birgit Hogefeld ihre Rolle gefunden. Sie gibt sich als verfolgte Unschuld und spielt auf der Klaviatur linker Erinnerungen. Sie versucht, Nähe zu den frühen Stammheim-Häftlingen herzustellen, wenn sie von der "Methode Isolationshaft" spricht, die man ihr zugemutet habe. Gewiß, Birgit Hogefeld saß monatelang in Einzelhaft. Doch rechtfertigt das den Vergleich mit südamerikanischen Folterregimen oder die Erinnerung an Jean Améry mit seinen Auschwitz-Erlebnissen? Sogar der linken tageszeitung war das zuviel: "Fast erschreckend intensiv hat sich Birgit Hogefeld (. . .) in die Rolle des heldenhaften Opfers hineingeträumt."

In Wahrheit sind die Opfer andernorts zu suchen. Birgit Hogefeld ist des Mordes in vier Fällen und des Mordversuches in zehn Fällen angeklagt, ferner der "Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion". Dabei geht es um einige der spektakulärsten und abstoßendsten Verbrechen in der RAF-Geschichte: etwa den Mord an einem US-Soldaten im August 1985. Er wurde regelrecht hingerichtet, weil die RAF seinen Ausweis haben wollte; die beiden Morde von Frankfurt, wo auf der Rhein-Main-Air-Base ein Auto in die Luft flog; das mißlungene Attentat auf den damaligen Staatssekretär Hans Tietmayer; den Anschlag auf die Justizvollzugsanstalt in Weiterstadt vom März 1993. Schließlich wird Birgit Hogefeld auch Mittäterschaft an der Ermordung des jungen Polizeibeamten Michael Newrzella auf dem Bahnhof von Bad Kleinen zur Last gelegt.

Die Anwälte von Birgit Hogefeld haben lange Erfahrung mit Terroristen- Prozessen; sie tragen seit dem ersten Tag das Ihre bei, um das Hogefeld-Verfahren zum RAF-Klassiker zu machen. Man kennt das: Besetzungsrüge, Befangenheitsantrag, Prozeßerklärung, Antrag auf Einstellung des Verfahrens, Antrag auf Unterbrechung - ein absurd-komisches Repertoire.

Richter kann das zur Weißglut treiben. Und prompt reagiert der Vorsitzende, auch er - wie alle im Saal - ein RAF-Routinier, reflexhaft. Voller Ärger läßt er sich auf kleinkarierte Scharmützel mit der Verteidigung ein. Was folgt, ist nur ein weiterer Befangenheitsantrag und ein weiterer Protest der Bundesanwälte, die kompromißlos hart auftreten, wie sie es aus der Geschichte der RAF-Verfahren gelernt haben und für ihre Pflicht halten.

Dabei ist in Sachen RAF eigentlich nichts mehr so, wie es einmal war. Niemand weiß genau, ob es die RAF überhaupt noch gibt, und wenn es sie noch gibt, wer dazugehört. Birgit Hogefeld freilich möchte weiterhin dazugehören. Das hat sie vor dem Oberlandesgericht erklärt. Doch welche RAF ist das, zu der Birgit Hogefeld gehören möchte?

Seit April 1992 liegt eine "Deeskalationserklärung" vor, wonach auf Attentate gegen "führende Repräsentanten aus Wirtschaft und Staat" verzichtet wird. Das Papier war und ist innerhalb der RAF heftig umstritten. Birgit Hogefeld gilt als eine der Autorinnen der Erklärung, die das Scheitern des "bewaffneten Kampfes" bekennt und vorsichtig den Weg zurück in die Gesellschaft weist. Sogar in der Haft, nach der Schießerei von Bad Kleinen, bei der ihr Lebensgefährte Wolfgang Grams starb, blieb Birgit Hogefeld bei dieser Haltung.