Als die Bilder laufen lernten, begannen sie gleich zu stolpern. Die Brüder Max und Emil Skladanowsky filmten zuerst sich selbst, dann eine Schleiertänzerin und schließlich ein boxendes Känguruh, das nicht so recht boxen wollte. Am Anfang war das Kino eine Zirkusnummer, und seine Krise begann spätestens mit diesem Tier. Hundert Jahre später eröffnete das Berliner "Wintergarten-Programm" der Gebrüder Skladanowsky die 45. Internationalen Filmfestspiele von Berlin. Der Täter kehrt immer an den Ort seiner Tat zurück.

Der Erzähler liegt blutend am Boden, Neonazis haben ihn erschlagen. Sterbend berichtet er einem Polizisten, wie alles anfing, damals, vor fünfzig Jahren, mit einem tanzenden Ghettokind namens Ismael, mit Mundraub und mit Leichen im Massengrab. "Gibst du mir fünf Mark für die Geschichte?" Aber der Polizist will erst wissen, wie sie zu Ende geht. Und Ismael alias Hades alias Herbert Achternbusch verrät den Schluß. Der kleine Jude gab sich als deutscher Knabe namens Otto aus, und weil ein SS-Filmer ihn mochte, versteckte er den Jungen in der Kamerakiste. "Hades" von Herbert Achternbusch: Der Tod ist ein Meister aus Deutschland und das Kino ein Trick, ihm zu entkommen. Das Kind Hades verdankt sein Überleben einer Nazi-Kamera; nach Kriegsende übernahm es die Firma des Vaters und wurde Bestattungsunternehmer. Und Achternbusch zeigt: Ich bin dieses Kind.

Die Dokumentarbilder vom Ghetto, vom Totentanz des zerlumpten jüdischen Kindes und von den abgemagerten Skeletten der Opfer sind NS-Propagandamaterial. Achternbusch hat sie im Münchner Filmmuseum gefunden und den inszenierten Aufnahmen, die damals die kriminelle Energie der Juden beweisen sollten, ihre Wahrheit abzuringen versucht. Deshalb muß man zweimal hinschauen. Denn die Bilder zeigen keineswegs nur, was sie zeigen sollen: daß die Opfer angeblich schlechte Menschen sind. Achternbusch wiederholt den Tanz des Kindes und den Anblick der Leiche, die über ein Holzbrett in das Massengrab rutscht, so oft, bis die Entwürdigten ihre Würde wiedererlangen. Sein Film ist ein Bestattungsunternehmen, ein Totenlied (mit Paganini- Variationen) für wenigstens diese zwei namenlosen Juden. Deshalb erschüttern die Bilder. Aber was uns erschüttert, ist eine Lüge, ein doppelter Fake. Billiger ist die Wahrheit nicht zu haben.

Fünfzig Millionen Amerikaner sitzen gebannt vor dem Bildschirm. Wird der Kandidat die Antwort wissen oder nicht? Es ist Showtime: Schweiß perlt von der Stirn des Mannes in der Kabine, er faßt sich an den Kopf, schließt die Augen, konzentriert sich. Rasende Stille, dann die Erlösung, die richtige Antwort: Die TV-Nation jubelt.

Die Szene aus "Quiz Show", dem neuen Film von Robert Redford, spielt Ende der fünfziger Jahre. Die Ratesendung aus der Frühzeit der Fernsehunterhaltung heißt "Twenty One" und der neue Quiz-Champion Charles van Doren (Ralph Fiennes). Als Intellektueller aus besserem Hause entthront der smarte Universitätsdozent über Nacht seinen Vorgänger, den Bronx-Juden Herbie Stempel (John Turturro), der zwar genausoviel weiß, dazu aber die schlechtere Figur macht. Van Doren - pädagogisch wertvoll und hygienisch einwandfrei, gut für TV-Sponsoren und Einschaltquoten - eignet sich besser zum Volkshelden.

"Quiz Show" erzählt, wie es mit van Doren wieder bergab geht. Herbie Stempel, zu Tode gekränkt, rückt mit der Wahrheit heraus: alles Lüge. Die Kandidaten kennen die Antworten im voraus, inszenieren das effektvolle Zögern und kommen bloß deshalb ins Schwitzen, weil pünktlich zum Showdown die Klimaanlage ausgeschaltet wird. Mit der wahren Geschichte vom Aufstieg und Fall des Charles van Doren erinnert Redford an den Augenblick, als das Fernsehen seine Allmacht verlor und jedes Kind lernen mußte, daß das Gewissen der Nation nur ein abgekartetes Spiel zum Profit seiner Macher ist. Das Problem dabei: Redford rennt offene Türen ein. Wir wissen längst, daß die Bilder lügen, und glauben ihnen trotzdem. "Quiz Show" kombiniert den Gratismut einer verspäteten Moralpredigt mit ein paar Krokodilstränen über den Verlust der amerikanischen Unschuld. Als ob Amerika erst mit "Twenty One" seine Unschuld verloren hätte.

Auch Bertrand Tavernier sorgt sich um die Moral. Für ihn steht fest: Die Medien sind schuld. In "L`appât" ("Der Lockvogel") beraubt das Mädchen Nathalie (naiv und raffiniert: Marie Gillain) mit ihren Freunden vermeintlich reiche Männer und macht sich des Mordes mitschuldig, weil sie zuviel Fernsehen sieht. Vor der Tat zeigt Tavernier immerhin den Realitätsverlust, den Unterschied zwischen der eleganten Gewalt in den US-Filmen und den manchmal grotesken Schwierigkeiten der Jugendlichen bei ihrem Versuch, ein reales Verbrechen zu begehen. Aber im Augenblick der Gewalt schließt der Regisseur die Tür und erläßt ein Bilderverbot. Die Jury unter Leitung von Lia van Leer aus Israel belohnte ihn dafür mit dem Goldenen Bären.