KÖLN. - Vor sechzig Jahren, im Februar 1935, sah man im Rosenmontagszug einen Festwagen mit der Aufschrift: "Die letzten ziehen ab". Die Jecken am Zugweg schrien "Alaaf" und "Kamelle" und beklatschten die Flucht der letzten jüdischen Einwohner aus der Stadt des rheinischen Frohsinns und der Toleranz.

Auch das Hänneschen Theater, mitten in der Kölner Altstadt am Eisenmarkt gelegen und gleichfalls Symbol rheinischen Humors, hielt mit der ideologischen Stimmung im Reich mit. Dichtgedrängt saßen - und sitzen heute - die Menschen auf langen Holzbänken dieses 1802 gegründeten Stockpuppentheaters und ließen sich von Hänneschen, Bärbelchen, Tünnes und Schäl unterhalten. Auf diese Stammbesetzung der Puppenbühne, die in Köln als Nationalheilige verehrt werden, wurden von jeher die Stücke zugeschrieben - immer auf der Höhe des politischen und gesellschaftlichen Zeitgeistes. Aus der Zeit zwischen 1934 und 1941, das Theater wurde im Krieg zerstört, nahm aber schon 1948 in unveränderter Besetzung (bis auf die jüdische Puppenspielerin Fanny Meier) seinen Spielbetrieb wieder auf, sind zahlreiche Stücke antisemitischen und rassistischen Inhalts erhalten. Auf kölsche Art und Weise wurden damals alle Widerwärtigkeiten auf die Bühne gebracht, die die Ideologie der Nazis vorsah. Neben Zigeunern, Franzosen und Engländern waren vor allem Juden dem Spott des kölschen Humors ausgesetzt. Sie wurden als rassisch minderwertig, hinterhältig, gewinnsüchtig und in betrügerischer Absicht Handelnde dargestellt. Der Kölner bezeichnet solche Personen als "Stiefledder".

"Mister Stiefledder" heißt denn auch ein Puppenspiel von 1936, in dessen Mittelpunkt der Jude Chaim steht, der in der Kölner Altstadt einen Laden hat. Er spricht gebrochen deutsch und heißt, offensichtlich Ausdruck rheinischen Humors, mit Nachnamen "Knoblauch". ("Jetzt werd` ich machen e Geschäftche, ich werde beschummele der Goi.") Tünnes, dem Chaim Knoblauch ein Hemd ohne Rücken verkauft hat, beschimpft ihn "Ferkesstecher", "Unkruck" und droht: "Do bess zo schlääch för des Blootwoosch. Om dr Balg schlonn ich dich." Das ist im Nazideutschland unmißverständlich: draufschlagen, mißhandeln, totschlagen. Das Publikum jubelte.

Vier Wochen vor der Reichspogromnacht hatte im Hänneschen Theater "Et Soorampes-Ööschel" Premiere. Tenor des Stücks: "Jüdde Geld reget de Welt". Und neun Wochen bevor auch in Köln die Synagogen brannten, war Premiere von "Kreppchensmächer", einem Stück um die Entstehung des Hänneschen Theaters selbst. Der jüdische Pferdehändler Abraham Schmul, der zu Wucherzinsen Geld verleiht, kranke Pferde als gesunde verkauft, will den Besitz der Puppenspieler beschlagnahmen. Die Philosophie der Volksstücke ist platt, aber wirkungsvoll. Es gibt gute und schlechte Menschen. Die guten erhalten ihren verdienten Lohn, die schlechten werden bestraft: "Wä brav eß, kritt Luhn, wä schlääch, kritt`s geschnaaf." Wer gut und wer schlecht ist, bestimmten die Nationalsozialisten, und die Stückeschreiber und Spielleiter des Hänneschen Theaters wußten, wonach sie sich zu richten hatten.

Die von jeher kolportierte Meinung, die Kölner "fürchten keinen Papst und keinen Erzbischof, keinen Kaiser und keinen Kanzler und überhaupt keine Obrigkeit", ist ein Gerücht, das sie selbst in die Welt gesetzt haben. Warum auch sollten sie die Obrigkeit fürchten, haben sie doch seit 2000 Jahren Erfahrung, sich mit fremden Herrschern und Obrigkeiten zu arrangieren.

Der Intendant der Kölner Puppenspiele, Heribert Malchers, beauftragte den Theaterwissenschaftler Hans-Peter Beyenburg, eine Dokumentation über alle vorhandenen Hänneschen-Stücke aufzustellen. Die Publikation, besser die Nichtpublikation dieser Arbeit ist wiederum ein Lehrbeispiel für Kölner Toleranz.

Im Archiv der Puppenspiele gibt es einige gebundene Exemplare, die nur mit Genehmigung des Herrn Intendanten eingesehen werden dürfen - zu wissenschaftlichen Zwecken. In der Hauszeitschrift des Hänneschen Theaters Hinger dr Britz veröffentlichte Beyenburg Auszüge seiner Arbeit. Das war`s! Man verhindert nicht, hat aber auch kein Interesse, daß die Öffentlichkeit allzuviel über das Hänneschen Theater erfährt.