Wild und ungezügelt soll sie sein - die neue jüdische Kunst, die John Zorn im Sinn hat. Als der New Yorker Komponist und Altsaxophonist vor einigen Jahren mit dem Slogan "radical new jewish culture" an die Öffentlichkeit trat, glaubte man vorerst nur an eine weitere Maske des notorischen Verwandlungskünstlers. Doch das Projekt scheint dauerhaft zu sein: Seit einigen Jahren ist John Zorn mit seiner Band Masada, benannt nach dem Symbol jüdischen Widerstands gegen die römische Besatzung vor 2000 Jahren, permanent auf Tournee. Vor kurzem erschien nun das erste Tondokument des Ensembles. Wer mit einer Neudeutung traditioneller Klezmer-Folklore gerechnet hat, wie vom New Klezmer Trio oder von den Klezmatics, sieht sich allerdings getäuscht. Die Konturen eines osteuropäischen Schtetls zeichnen sich nur schwach hinter einer Wand aus hitzigen Trompete- Saxophon-Duellen und den kraftstrotzenden Schlagzeugstakkati Joey Barons ab.

Zwar hat John Zorn seinen Kompositionen hebräische Titel gegeben, zwar zitiert er eine Bemerkung des jüdischen Philosophen Gershome Scholem, die besagt, daß man eine Tradition nur durch ständige Veränderung ohne Rücksicht auf Orthodoxie bewahren könne - doch die Musik scheint sich gar nicht sehr für jüdische Traditionen zu interessieren. Sie erinnert vielmehr an die geradlinigen Jazz- Hommagen John Zorns, an den Free-Jazz-Pionier Ornette Coleman und den Bop-Pianisten Sonny Clark aus den achtziger Jahren. Der zwischen New York und Tokio pendelnde Zorn, Weltmeister im Zappen und Switchen zwischen Stilen und Genres, verpaßt seinen aktuellen Klängen einen historischen Rahmen und überschreitet ihn nie. So zwingt er sich innerhalb der Grenzpfosten zu größtmöglicher Kreativität. Masada würdigt aber nicht einen einzelnen Großmeister, sondern zeigt eine Gesamtschau des Westcoast-Jazz der fünfziger Jahre. Schon die Besetzung Trompete, Saxophon, Baß, Schlagzeug ruft die beiden markantesten Improvisationskollektive dieser Epoche in Erinnerung: das sogenannte "pianolose" Chet-Baker-Gerry-Mulligan-Quartett und die Ornette-Coleman-Gruppe um 1960. Von Baker-Mulligan borgt sich Masada die Lust an der Improvisation und an polyphonen Melodieverflechtungen, von Coleman die leicht asynchron gespielten, abgehackten Themenkürzel. Frappierend ist vor allem, daß sich John Zorn in diesem Kontext als flüssiger Legato-Saxophonist in bester Westcoast-Tradition profiliert und nur an markanten Eckpunkten der Kompositionen auf das bewährte Knurren, Heulen, Quietschen und Pfeifen aus seinem Post-Free-Jazz zurückgreift. Selten hat man so flamboyante Dialoge und Interaktionen von Solisten gehört wie bei Zorn und seinem Trompeter Dave Douglas: Da wechseln die beiden Melodieinstrumente ständig in Lead- und Begleitfunktion ab, spielen die Ideen entfesselt hin und her, verschmelzen manchmal zu jubilierenden Ostinati, um gleich darauf wieder auseinanderzufallen und sich aneinander zu reiben - wie Baker und Mulligan, aber in einem Hexenkessel bis zum Siedepunkt aufgeheizt. Doch wo die beiden Vorfahren von der Westküste mit vibratolosem Edelsound apollinische Klangvollkommenheit anstrebten, geben sich Zorn und Douglas, unterstützt vom Bassisten Greg Cohen, einem dionysischen Grunzen und Schmatzen hin; Joey Baron läßt sich davon zu wuchtigen Querschlägereien im Stile von John Zorns früherer Band Naked City verleiten.

Masada ist ein erstes wichtiges Statement im Jazzjahr 1995 und führt vor, daß Traditionalismus nicht wie bei den jungen schwarzen Löwen um Wynton Marsalis in die Sackgasse der sklavischen Reproduktion führen muß. John Zorn, der ewige Homo ludens, hat ein neues Kartenspiel gezückt und seine Trümpfe ausgespielt.