Warschau In der vorigen Woche war in der polnischen Hauptstadt ein höchst ungewöhnlicher Vorgang zu beobachten. Zwei Staatsgäste waren zur gleichen Zeit gekommen, aber keiner der beiden Einladenden hatte eine Ahnung von diesem Zusammentreffen. Ministerpräsident Pawlak hatte ohne Wissen von Präsident Walesa den russischen Ministerpräsidenten Tschernomyrdin eingeladen, und Präsident Walesa, ohne Ministerpräsident Pawlak zu informieren, den litauischen Präsidenten Brasauskas. Schließlich ist Walesa dann - die Visiten waren kaum beendet - angeblich ohne Wissen des Außenministeriums nach Südamerika abgeflogen. Die spottlustigen Polen - an Chaos gewöhnt - machten sich lustig darüber, wie schwierig es gewesen sei, stets die richtige Flagge aufzuziehen und nicht zu vergessen, die des anderen Staatsgastes wieder einzuholen.

Der Präsident und seine Rechtsbeugungen hingegen geben Anlaß zu Sorgen und giftigen Bemerkungen. Das reicht von der herablassenden Bemerkung eines Intellektuellen: "Der Präsident hat ein Buch geschrieben, aber keins gelesen", bis zu der zornigen Feststellung eines anderen: "Er gehört nicht ins Schloß Belvedere, sondern in eine Heilanstalt." Ich fragte einen Bekannten: "Wird es jetzt nicht besser werden, nachdem Walesas offenbar unzulänglicher juristischer Berater, Professor Falandysz, in der vorigen Woche zurückgetreten ist?" Seine Antwort: "Die Art, in der sich das abspielte, ist wieder so eine provinzielle Peinlichkeit." Und dann erzählt er: "Wachowski, der ehemalige Fahrer des Präsidenten, den dieser zu seinem Stellvertreter - also zum Vizepräsidenten - gemacht hat, hatte das Dienstauto jenes Juristen, einen schönen, weiß-blauen Lancia, einfach kassiert und durch einen unansehnlichen, kleineren Wagen ersetzt. Daraufhin beschloß der Professor, das Haus zu verlassen."

Für die Polen, die so viel Wert auf Stil und Allüren legen, ist das kleinbürgerliche Gebaren an der Spitze wirklich quälend, ganz abgesehen von den gravierenden Schnitzern, die dem Staatsoberhaupt unterlaufen. So hat er kürzlich eine Gruppe von Richtern um sich versammelt und ihnen erklärt, Recht und Gesetz seien wichtig, aber unter Umständen behinderten sie die Dynamik der Entwicklung, darum müßten sie gelegentlich "gedehnt" werden. Der dies berichtete, fügte hinzu: "Vielleicht kann man von ihm nicht mehr erwarten. Aber daß der Primas Glemp wenig später das formale Recht in ähnlicher Weise relativierte, das ist bedenklich."

"Unterstützt denn die Kirche den Präsidenten, beispielsweise bei den bevorstehenden Wahlen?" fragte ich einen Politiker. "Nun, wir haben in diesen Wochen miterlebt, daß der Präsident das Parlament auflösen wollte, weil er sich davon Nutzen für seine Wiederwahl versprach. Sein Argument: Der Haushalt ist nicht fristgemäß verabschiedet worden. Dies aber war nur deshalb nicht möglich, weil er selber das Gesetz nicht unterzeichnet hatte."

"Ist unter solchen Umständen die Demokratie gefährdet?" - "Nein, sicher nicht. Wenn das Parlament in dieser prinzipiellen Frage nicht so eisern zusammenhalten würde, dann wäre Walesa längst Diktator. Außerdem ist die Pressefreiheit in Polen ganz unangefochten. Aber Demokratie im Alltag zu praktizieren, beispielsweise Spielregeln zu respektieren, das wird noch lange dauern. So meinte der Präsident neulich: ,Warum soll ich Steuern zahlen?` Man muß bedenken, daß in Polen stets Beziehungen und nicht Strukturen das wichtige waren."

"Wie haltet ihr es denn mit der Vergangenheitsbewältigung?" fragte ich einen alten Freund. Seine Antwort: "Die interessiert das Publikum überhaupt nicht - man blickt nur nach vorn." - "Und die Opfer, was sagen die dazu?" - "Es kursieren gewisse Listen, und es gibt auch Privatklagen, aber keine öffentliche Verfolgung. Bei uns war es anders als in der DDR. Bei uns fand schrittweise eine gewisse Selbstreinigung statt. Als Gomulka 1956 wieder in Ehren eingesetzt wurde, hat er die Stalinisten nicht vor Gericht gestellt, sie aber aus allen führenden Stellungen entfernt; dasselbe fand dann noch einmal 1968 und 1970 statt."

In der Wirtschaft Polens geht es wesentlich ordentlicher zu als in der Politik. Ein von mir seit langem sehr respektierter Professor der Wirtschaftswissenschaft: "Ja, es geht nicht schlecht, wir haben jetzt 2 Millionen kleine und mittlere Unternehmen (1988 waren es erst 700 000). 71 Prozent unseres Exports gehen in den Westen, nur noch 5 Prozent nach Rußland (1988 waren es 44 Prozent). Und dann 15 Prozent Produktivitätssteigerung! Sorgen macht uns nur die stetig zunehmende Inflation." Der Professor sagt, seine Studenten seien ganz zuversichtlich; überhaupt könne man generell feststellen, daß zwei Drittel der Jungen - anders als die Älteren - optimistisch in die Zukunft schauen.