Das "überwältigende Erlebnis" liegt rund fünf Jahre zurück. Der bis dahin mäßig bekannte "Versandhaus-Erbe" und Schlagzeuger Frank Otto hatte sämtliche Anteile am Hamburger Lokalsender OK Radio übernommen und aus dem chaotischen Kanal, der mit Rockmusik und schrägen Wortbeiträgen kaum Zuhörer gefunden hatte, einen gestylten Hitparaden-Dudelfunk gemacht. Jetzt sollte für das neue Programm geworben werden, "aber wir hatten kein Geld". Ottos sparsame Idee: Über OK Radio lud er die Hörer zum Happening vorm Sender ein. Gegen alle Erwartungen kamen einige tausend Menschen. Ein Photograph lichtete einige ab, die Portraits wurden gedruckt und plakatiert - fertig war die Werbekampagne.

Überwältigt hat ihn nicht der gelungene Reklamecoup, sondern daß so viele Hörer sich dafür interessierten, was hinter dem Mikro des jüngsten Hitsenders der Hansestadt geschah. Stromlinienmusik, Immer-gut-drauf-Moderatoren und Hauruck-News - mit diesem Konzept köderten Kommerzstationen in der ganzen Republik zwar schon einige Jahre lang Hörer, doch das schmälerte Ottos Freude am Erfolg nicht. Er hatte Spaß daran gefunden, "Radio von unten" zu machen, obwohl er damals glaubte, davon "keine Ahnung" zu haben.

Inzwischen ist Frank Otto ein Medienmanager, der Beteiligungen an Radio- und Fernsehstationen sammelt. Der 37jährige mischt bei Hörfunksendern in Berlin und Saarbrücken mit, engagiert sich beim Musik-TV Viva und will den lokalen Fernsehsender Hamburg 1 starten, sobald das Unterhaltungsprogramm Super RTL, das die lokalfernsehfreie Zeit bei Hamburg 1 mit Serien füllt, auf Sendung geht (vgl. Graphik). Seit zwei Jahren hat er immer irgendwo in Deutschland oder Österreich einen Lizenzantrag laufen. Meist macht er mit den Großen der Branche gemeinsame Sache - mit Time Warner und dem Springer Verlag bei Hamburg 1, mit Plattenkonzernen bei Viva, inzwischen auch mit der Europe Development bei OK Radio. "Als Kleiner", kokettiert er gern, "muß man bestimmen, wo es langgeht." Seine größte Stärke sieht er darin, die Vertragspartner an einen Tisch zu bekommen. Bei alldem hilft sein jungenhafter Charme - und das angeborene Selbstvertrauen, ein Otto zu sein.

Frank, Sohn von Werner Otto, dem Gründer des inzwischen weltweit operierenden Otto-Versandes, Katalog-König, Mäzen und Milliardär. Frank, einer der reichsten Erben Deutschlands. Frank Otto, "`n ganz normaler Typ", wie er sich selbst beschreibt.

Die Gelassenheit paßt zu ihm, er pflegt sie auch. Arbeit müsse Spaß machen, sagt er; aber er sei kein Workaholic, "ich beschäftige ein paar". Ausbeuter will er deshalb noch lange nicht sein. Als es OK Radio schlechtging, habe er die Angestellten in Gehaltsfragen auf später vertröstet, inzwischen gebe es einen Tarifvertrag. Zu Ottos heiler Welt gehört sein kleines Büro unterm Dach, das andere Medienmanager als Abstellkammer nutzen würden. Otto bringt hier neben seinem Schreibtisch vorübergehend auch den Kopierer unter. Zum Gespräch bittet er zwanzig Minuten zu spät und telephoniert dann noch eine Viertelstunde. Und er verkündet, keine Strategie zu haben, sondern sich nur für die Produkte zu interessieren. Lebensstationen vom Versandhaus-Sproß zum Medienunternehmer. Dreimal flog der poor little rich boy von Internaten - weil er nachts mit einem Mädchen durch den Park gezogen war oder gezecht hatte. Das Abitur ließ er sausen, machte eine Lehre als Restaurator im Museum, "ich wollte nicht von Beruf Erbe sein". Später studierte er Malerei bei Harald Duve in Kiel. Doch dessen Kritischer Realismus sei ihm irgendwann auf den Geist gegangen, "ich wollte mich nicht festlegen". Er ging nach Hamburg zurück und erfüllte sich seinen "Jugendtraum", Musik zu machen. Otto trommelte in Bands, die in den Achtzigern angesagte Neue Deutsche Welle brachte "bescheidenen Erfolg": kleine Konzerte, Platten. Begleitet wurden die Jahre von Diskussionen mit dem Unternehmer-Vater, der letztlich die Extratouren des Sohnes akzeptierte. Vielleicht auch, weil in Franks älterem Bruder Michael Otto ("keine laue Nummer") schon früh der neue Versandhaus-Chef gefunden war.

Glück hatte Frank Otto auch, das verhehlt er nicht. Das Glück zum Beispiel, über seine Band Kontakte zum gerade gestarteten privaten Rundfunk zu bekommen. Das Glück, in einem Hamburger Gesprächskreis über das "andere" Radio Ingo Borsum wiederzutreffen - den Kumpel aus dem alternativen Kinderhaus, in dem Otto seinen Zivildienst geleistet hat. Borsum wird sein Intimus und ist heute Geschäftsführer von Hamburg 1. Und irgendwann macht er seinen Frieden damit, "auf die eine Seite des Lebens geboren" zu sein, wie er es formuliert. Apo fand Otto zwar gut, aber "nachdem ich mich eine Weile geziert hatte, habe ich akzeptiert, daß reich geboren zu werden bedeutet, Verantwortung zu tragen".

Als bei OK Radio anfangs - Otto war erst mit zehn Prozent dabei - "alles schiefging" und Hamburgs Medienszene spottete, der bringe da wohl sein Erbe durch, nahm er beim maroden Sender das Heft in die Hand, drängte den Szeneblatt-Verleger Klaus Schulz gar nicht so leise, wie er auftritt, sondern mit lautem Getöse hinaus - und krempelte OK Radio nach einem Jahr Abwarten um. Der Musikfreak will seither mit Pop Hörer binden - illusionslos und marktkonform; Informationen dürfen bloß Häppchen sein. "Wegen des Vorwurfs, Dudelfunk zu machen, habe ich nie ein schlechtes Gewissen gehabt", sagt Otto. Musik für junge Leute pur ist ihm Programm genug, "ich bin kein Jounalist". Und auch kein sonderlich politischer Mensch. Die politische Vokabel "Anarchie" benutzt er zwar manchmal. ("Kiss FM in Berlin, das ist so ein anarchistischer Sender, den hätte doch außer mir keiner gerettet.") Doch er meint eine formale Auflehnung, eine äußerliche. Beispiele von OK Radio: Hier hat Otto den Reportern abgewöhnt, am Ende des Beitrags "Damit gebe ich zurück ins Funkhaus" zu sagen, weil die technische Notwendigkeit für den Satz längst nicht mehr bestand; und er läßt die Hörer duzen. Na ja.