Hat Stalin im Sommer 1941 wirklich eine Offensive gegen das Deutsche Reich geplant? Ist ihm die deutsche Wehrmacht mit ihrem Angriff am 22. Juni 1941 nur um ein paar Wochen zuvorgekommen, wie in letzter Zeit wieder einige Historiker und Publizisten behauptet haben? Soeben hat eine internationale Konferenz in Moskau die alte Debatte - Überfall oder Präventivkrieg - auf eine neue Basis gestellt. Vor allem die Repräsentanten der russischen und der amerikanischen Generalstabsakademien und andere Militärhistoriker sehen sich anhand neuer Quellenstudien in ihrer Ansicht bestärkt: Die Rote Armee hat 1941 weder eine Offensive vorbereitet, noch wäre sie zu einer Offensive fähig gewesen. Denn unzureichend waren Waffen und Munition, mangelhaft die Schulung an neuem Kriegsgerät, völlig unzulänglich das Transport- und Kommunikationssystem, besonders in den annektierten Gebieten im Baltikum und in Ostpolen. Der gewaltige sowjetische Aufmarsch war seinem Charakter nach defensiv. Diese Details bestätigen, was in der Bundesrepublik längst erforscht worden ist: Auch die deutsche Führung ist im Juni 1941 von keiner akuten Bedrohung durch die sowjetischen Streitkräfte ausgegangen. Die Debatte um die Präventivkriegsthese, die im deutschen "Historikerstreit" wieder aufgeflammt war, hatte längst auch Rußland erfaßt, seit Viktor Suworows umstrittene Publikation "Der Eisbrecher" dort zu einem Bestseller geworden ist. Seine Popularität hat Suworow dem Bedürfnis zahlloser Russen zu verdanken, den Stalinismus einer schonungslosen Kritik zu unterziehen, die auch die defensive Haltung der Roten Armee am Vorabend des deutschen Überfalls in Frage stellt. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Präventivkriegsthese krankte in Rußland bislang daran, daß die deutsch- und englischsprachigen Kritiken noch nicht aufgenommen wurden. Darum hielten es die Organisatoren - Wissenschaftsinstitute in Tel Aviv und Moskau - für dringend, renommierte Experten aus Europa, Israel, den USA und Kanada mit russischen Historikern zusammenzubringen, nicht länger gehemmt vom "Lagerdenken". Enttäuscht waren sie nur, weil maßgebliche Verfechter der These wie die Deutschen Joachim Hoffmann und Werner Maser ihre Teilnahme verweigert hatten.

Im Ergebnis hat sich die russische Geschichtsinterpretation weitgehend den Positionen in der westlichen Historiographie angenähert. Einmütig ist die Konferenz von der These abgerückt, daß die UdSSR in der ersten Phase des Zweiten Weltkrieges eine defensive Außenpolitik betrieben habe. Vielmehr wurden mit der Konsolidierung autoritärer Machtstrukturen im Stalinismus auch die Begriffe von proletarischer Außenpolitik und Revolution neu besetzt. Die Sowjetführung kehrte zum klassischen Großmachtdenken zurück.

Im geheimen Zusatzprotokoll zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom August 1939 wurden zudem Interessensphären abgesteckt, die es der UdSSR ermöglichten, Seite an Seite mit Deutschland auf dem Weg der territorialen Expansion ihre Machtposition auszubauen. Als Großbritannien und Frankreich Deutschland den Krieg erklärt hatten, ließen maßgebliche sowjetische Vertreter keinen Zweifel daran, daß die UdSSR mit Deutschland gegen Großbritannien als "Stütze des Weltimperialismus" kooperierte. Noch nach dem deutschen Sieg über Frankreich, der Besetzung des Baltikums und des damals rumänischen Bessarabiens samt der nördlichen Bukowina sprach der sowjetische Außenkommissar Molotow vom geostrategischen Nutzen der deutsch-sowjetischen Freundschaft für beide: Die Sowjetunion war sich bewußt, daß sie Deutschland im Krieg gegen die Westmächte eine ruhige Ostgrenze sicherte.

Das Interesse Stalins, die Zusammenarbeit mit den faschistischen Staaten auf eine neue Stufe zu stellen, zeigten dann im November 1940 die Verhandlungen Molotows mit Hitler und Außenminister von Ribbentrop in Berlin. Auch russische Historiker bezweifeln nicht mehr, daß die Sowjetunion damals ernsthaft einen Beitritt zum Dreimächtepakt erwogen hat, sofern ihre hegemonialen Interessen von Deutschland, Italien und Japan anerkannt würden. Doch Hitler hatte bereits im geheimen auf Krieg gesetzt, denn er glaubte, daß ein Sieg über die Sowjetunion noch leichter als über Frankreich zu erringen sein würde.

Die tragische Situation, in welche die Rote Armee durch den deutschen Überfall am 22. Juni 1941 geriet, wurde wesentlich von dem Mißtrauen mit heraufbeschworen, mit dem Stalin die britische Politik bis zum Kriegsausbruch beurteilte. Aus den Akten des Foreign Office geht hervor, daß der Flug des Hitler-"Stellvertreters" Rudolf Heß nach Schottland im Mai 1941 von britischer Seite ausgespielt wurde, um Stalin unter politischen Druck zu setzen. Stalin argwöhnte, Großbritannien wolle die Sowjetunion in einen Krieg gegen Deutschland verwickeln, und mißtraute auch Winston Churchills Warnung vor einem deutschen Angriff.

Gemäß der Imperialismustheorie galt es daher für Stalin um so mehr, das "kapitalistische Lager" zu spalten und auf eine Verständigung mit Hitler hinzuarbeiten. Entsprechend führte die Sowjetführung ihre Beschwichtigungspolitik gegenüber Deutschland bis zum Tag des Überfalls konsequent fort, weil sie wahrscheinlich den Truppenaufmarsch der deutschen Wehrmacht als gigantisches Erpressungsmanöver betrachtete. Den Befürwortern der Präventivkriegsthese wurde in der Moskauer Diskussion jetzt entgegengehalten, es sei methodisch unzulässig, sich auf einzelne militärische Maßnahmen oder Instruktionen der Armeeführung zu berufen, ohne diese der Politik zuzuordnen. Nicht länger hingenommen werden kann die Praxis privilegierter russischer Historiker, einzelne Dokumente an die Öffentlichkeit zu bringen und zu interpretieren, ohne daß eine wissenschaftliche Überprüfung durch freien Archivzugang möglich wäre.

Aber noch immer werden viele wichtige Dokumente zu den sowjetischen Entscheidungsprozessen unter Verschluß gehalten, zum Beispiel im eigens eingerichteten Präsidenten-Archiv, wo die Akten höchster politischer Instanzen untergebracht werden, die vom Vorläufigen Archivgesetz der Russischen Föderation ausgenommen sein sollen. Deshalb haben mehrere Historiker zum Ausklang dieser Konferenz dafür plädiert, die russischen Bestände zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges völlig freizugeben.