NECKARWESTHEIM. - Es gibt sie auch, die reichen Gemeinden, die nicht wissen, wohin mit dem Geld. Neckarwestheim zum Beispiel, an den sonnigen Rebhängen des Neckars gelegen, galt als das reichste Dorf Baden-Württembergs. Reich hieß in diesem Fall: Die Gemeinde hatte dank des auf der Markung gelegenen Atomkraftwerks nicht nur keine Schulden, sondern im Gegenteil: Die Kraftwerksbetreiber überwiesen jährlich eine Gewerbekapitalsteuer in Millionenhöhe an das 3000-Seelen-Dorf, in rund zwanzig Jahren insgesamt 126 Millionen Mark. Dazu noch einmal zehn Millionen Mark als Spende für ein bisher nicht gebautes Warmwasserschwimmbad, es regnete sozusagen die Atomtaler nur so vom Himmel.

Die zufriedenen Bürger gingen kostenlos baden in vier Schwimmbädern der Umgebung, sie pinkelten auf einer mit poliertem Naturstein eingefaßten öffentlichen Toilette gegenüber dem neuen, protzigen Rathaus, und wenn es ihnen danach war, dann schlugen sie auf dem gemeindeeignen Golfplatz mit Schloß ein Bällchen in den Märchenhimmel. Am Mittwoch, den 8. Februar, wurde der 62jährige Bürgermeister Horst Armbrust (FDP) verhaftet und nach Stammheim verfrachtet. Er hatte tags zuvor den Gemeinderat davon unterrichtet, daß er vierzig Millionen Mark vom Gemeindekonto abgehoben habe, um sie gewinnbringend irgendwo im Pazifik anzulegen. Aber leider sei da etwas schiefgegangen und das Geld nun nicht mehr da. Seinen Informationen nach müßte ein großer Teil des Geldes auf der Insel Nauru lagern, sicher wisse er das aber nicht, denn er hätte den Überblick über die Geldtransaktion verloren.

Die Stellung eines baden-württembergischen Bürgermeisters ist mächtig und nahezu unkontrollierbar. Er ist nicht nur Chef des Gemeinderats, auch die Verwaltung ist ihm untertan. Was er anordnet, ist Gesetz, Geldgeschäfte kann er alleine tätigen und braucht den Kämmerer davon nicht einmal in Kenntnis zu setzen. Er soll eben, empfiehlt die großzügige Gemeindeordnung, bei Kapitalgeschäften auf eine "ausreichende Sicherheit" und einen "angemessenen Ertrag" achten. Spekulationsgeschäfte von Rathauschefs sind daher im Südwesten nichts völlig Ungewöhnliches. Erst im November war bekannt geworden, daß die Stadtwerke Ludwigsburg mit Devisenspekulationen einen Verlust von 130 000 Mark gemacht hatten, und der Bürgermeister von Beilstein hatte so nebenher mal zwanzig Millionen Mark Gemeindegeld an allen Aufsichtsorganen vorbeijongliert.

Bürgermeister Armbrust, so vermutet die Staatsanwaltschaft, ist entweder einem betrügerischen Anlageberater aufgesessen oder aber ist selbst aktiv in die Vertuschungen des Millionentransfers verwickelt. Der Vermittler, mit dessen Hilfe Armbrust in Genf einen Scheck in Höhe von 25 Millionen Mark auf ein Konto einzahlte, sitzt jedenfalls inzwischen in Koblenz in Haft. Er soll mindestens 400 deutsche Kapitalanleger betrogen haben. Im Steuerparadies Nauru weiß man indes nichts von Geld aus Neckarwestheim. Martin Weston, "Repräsentant" im Londoner "Nauru Government Office", bezeichnete den Bürgermeister gar als "swindler" (Schwindler), der den guten Ruf der kleinen Pazifik-Republik beschädige.

In dem rund 14 000 Kilometer entfernten Mini-Staat lebt die Bevölkerung ausschließlich von Bankgeschäften und vom Phosphatabbau. Nachrichten wie die aus Neckarwestheim, so fürchtet Weston, könnten den Geschäften schaden, die in den vergangenen Jahren das Bruttosozialprodukt pro Kopf der Bevölkerung über dasjenige Schwedens oder der USA steigen ließen. Die "Thalia-Bank auf Nauru", auf der Bürgermeister Armbrust bisher das Gemeindevermögen vermutete, gibt es allerdings nicht, wie inzwischen die Staatsanwaltschaft erfuhr.

Die Millionen scheinen vorerst für die Gemeinde Neckarwestheim perdu. Vizebürgermeister Martin Hofelich kann sich mit dieser Vorstellung allerdings nur schwer abfinden. Fünf Kilo hat der Mann in einer Woche abgenommen, seit er von dem Coup erfuhr. "Das ist eine Katastrophe", wiederholt Hofelich immer wieder, "o Gott, ich kann`s nicht fassen." Mehr als 35 Jahre war Armbrust Chef auf dem Rathaus, "der hätte doch als Ehrenmann in den Ruhestand gehen können".

Wilde Gerüchte, wo die Millionen des Bürgermeisters gesichtet wurden, erheitern die weinseligen Runden im Atomdorf, und in den Vereinen plant man den nächsten Jahresausflug schon einmal nach Nauru. Die relative Gelassenheit der Betrogenen gründet auf die Gewißheit, daß trotz des möglichen Verlustes noch immer viele, viele Millionen Mark auf dem Sparkonto des Schlaraffendorfes liegen. "Wir sind auch weiterhin liquide", sagt Hofelich.