ELSTERWERDA. - Wo liegt die Wahrheit in Elsterwerda? Dort, wo der Spiegel sie gefunden hat? 828 Zeilen umfaßt das journalistische Aufschwungwerk Ost, das die Republik gespalten hat, Elsterwerda als Beispiel mittendrin: Die Stadt in Brandenburg habe für 10 000 Einwohner eine Kläranlage gebaut, groß genug, um die Fäkalien von 240 000 Menschen zu verarbeiten. An das Personal sei gedacht worden (6 Duschen für 4 Mitarbeiter), an das Geld aber nicht: 60 Millionen Mark seien dort versickert, 65 Milliarden Mark insgesamt im Osten.

"Der Spiegel-Bericht ist ein übles Machwerk", schimpft der Bürgermeister. "Im Osten wurde noch mehr Geld verschwendet", kontert die Bürgerinitiative, die gegen das Klärwerk kämpft.

Diese deutsch-deutsche Geschichte ist nicht so einfach. Man könnte mit dem Milliardenkredit für die DDR beginnen, abgeschlossen von Franz Josef Strauß und Alexander Schalck-Golodkowski. Der bayerische Unternehmer Josef März hatte die beiden zusammengebracht. März war groß im Ost-West-Geschäft, über Schalcks Außenhandel kaufte er auch im DDR-Milchwerk Elsterwerda ein. Nach der Wende zog es den März-Konzern nach Osten. Gleichzeitig warb Wolf-Dieter Schwarz, Bürgermeister von Elsterwerda, um Investoren: "Hier brach ja alles zusammen."

Seine Kommune bekam als eine der ersten ein Gewerbegebiet - und dazu das Milchreiter-Werk des März-Konzerns, 95 Millionen Mark teuer, zu rund einem Viertel durch Fördermittel finanziert. 800 Bauern liefern Milch, 207 Mitarbeiter produzieren Joghurt und Quark.

März sei nach Elsterwerda gekommen, weil dort eine Kläranlage gebaut wurde, sagt Geschäftsführer Axel Walter; die Kläranlage wiederum sei gebaut worden, um das Milchwerk herzuholen, sagt Bürgermeister Schwarz. Doch in den Wirren der Einheit wurden Fehler gemacht: So befindet das Stadtparlament, unerfahren im neuen Recht, über 300 Beschlußvorlagen pro Jahr - fünf bis achtmal soviel wie in West-Gemeinden; Zeit zum Diskutieren fehlt, ein neuer Straßenname ist fast so wichtig wie eine Kläranlage.

Die Stadt Elsterwerda schließt sich für den Bau mit der Cottbusser Wasser und Abwasser AG (COWAG) zusammen und bürgt für deren Kredite. Die Hoffnung: Bis zu neunzig Prozent der Baukosten werden staatlich gefördert. Die Hoffnung trügt. Der erste Antrag wird vom Land zwar bewilligt, dann aber eingefroren: Im Vergabeverfahren habe die COWAG nicht der billigsten Baufirma den Zuschlag gegeben. Der zweite Antrag geht an das falsche Ministerium, Umwelt statt Wirtschaft. Darauf habe man zeitig hingewiesen, heißt es im Umweltministerium; uns hat keiner geholfen, heißt es in Elsterwerda. Erst 1993 erreichen die Anträge den Wirtschaftsminister. Zu spät für eine Förderung, der Bau hatte bereits begonnen. Deshalb konnte im Klärwerk keine Fördermark versickern.

Die COWAG ist inzwischen pleite, weil einige Städte ausgestiegen sind: Sie wurden schon von der DDR mit einem Klärwerk verwöhnt, jetzt wollen sie nicht andere mitfinanzieren. Notgedrungen übernahm ein kommunaler Abwasserzweckverband die Kläranlage nebst Schulden. Ohne Hilfe vom Land droht der Kollaps: Die Anlage ist nur zu einem Viertel ausgelastet, und es würde über hundert Millionen Mark kosten, alle Haushalte an die Kanalisation anzuschliessen.