Arisierung

Ein Erlaß vom 4. Januar 1938 definierte als jüdische Unternehmen diejenigen, die in jüdischem Besitz waren oder von Juden beherrscht wurden. Dieser Fall war gegeben, wenn entweder ein Mitglied des Vorstands oder ein persönlich haftender Gesellschafter oder auch ein Viertel des Aufsichtsrats im Sinne der "Nürnberger Gesetze" jüdisch war. Am 14. Juni 1938 bestätigte die "3. Verordnung zum Reichsbürgergesetz" noch einmal im einzelnen die Kriterien, nach denen ein Unternehmen als "jüdisch" zu bezeichnen war. Im Verlauf des Jahres nahmen die Angriffe deutlich zu, bis sie im Pogrom der Reichskristallnacht vom 9. November 1938 ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten. Es folgte am 12. November eine "Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben", und noch am selben Tag wurde allen Juden eine "Sühneleistung" in Höhe von 25 Prozent ihres Vermögens auferlegt.

Immer mehr jüdische Unternehmen standen im Verlauf des Jahres 1938 zum Verkauf, und meistens vermittelten Banken diese Verkäufe. Diese Transaktionen fanden üblicherweise nicht in der Öffentlichkeit statt, sondern wurden durch die Vermittlung der Banken möglichst diskret abgewickelt. Schon vor 1938 waren Banken das eine oder andere Mal am Transfer jüdischen Eigentums beteiligt gewesen. 1935 etwa war der Besitzer der Aronwerke Elektrizitäts-AG in Berlin massiven Belästigungen durch die Partei ausgesetzt, anschließend festgenommen und schließlich in ein Konzentrationslager deportiert worden. Er verkaufte seine Unternehmensanteile über die Deutsche Bank an Siemens. Ende 1935 hatte die Mannheimer Filiale der Deutschen Bank auf eigene Initiative hin einen Brief an die Zentrale gesandt, in dem sie anfragte, "ob es nicht ,zweckmäßig` wäre, daß unsere Bank von jeder Filiale ein Verzeichnis der nichtarischen Firmen des in Frage kommenden Bezirks aufstellen läßt". Anfang 1938 verlangte der Vorstand in einem von Hans Rummel und Karl Kimmich unterzeichneten Brief an die Filialdirektoren "eine weitere Aufstellung Ihrer nichtarischen debitorischen und kreditorischen Kundschaft, und zwar derjenigen, die für die Arisierung in Frage kommen. . . . Hierbei interessiert uns im einzelnen, wieweit der Arisierungsprozeß des betreffenden Unternehmens gediehen ist und wieweit Sie selbst hierbei mitwirken." In dem Brief wurde in Übereinstimmung mit dem Erlaß vom 4. Januar ausgeführt, daß Unternehmen auch dann als jüdisch zu gelten hatten, wenn nur ein Mitglied des Vorstands Jude war.

Die Ausweitung des Kreditgeschäfts, die sich im Zuge der "Arisierung" ergab, beeinflußte wiederum die Wettbewerbslage der deutschen Großbanken. Auf einer Sitzung der bayerischen Filialdirektoren wurde im Juni 1938 die zunehmende "Großzügigkeit" der Dresdner Bank diskutiert, Unternehmen, die sich an der "Arisierung" beteiligen wollten, Kredite zu gewähren. Der Vorstand der Deutschen Bank mahnte in dieser Frage zur Vorsicht: "Herr Rummel weist noch einmal nachdrücklich darauf hin, daß wir uns in unserer Kreditpolitik nicht aus unserer Bahn treiben lassen wollen. Ansicht des Vorstands sei es, daß in absehbarer Zeit die an die Banken herangetragenen Kreditwünsche noch so groß sein würden, daß wir genügend Gelegenheit hätten, gute Kredite hinauszulegen." Aber natürlich ließ sich auch die Deutsche Bank in der Praxis auf derartige Kreditanträge ein, obwohl sie in manchen Fällen - wie in Leipzig - überhaupt keine Kredite für "Arisierungszwecke" gewährte. Im November 1938, kurz vor der Reichskristallnacht, berichtete Kimmich, daß die Deutsche Bank an der "Arisierung" von 330 Unternehmen beteiligt gewesen sei. Laut Protokoll erklärte Kimmich: "Die Schwierigkeiten, insbesondere die Personalfrage, seien nicht gering. Fachleute, die Kapital hätten, seien dünn gesät." Zu diesem Zeitpunkt schätzte er das gesamte jüdische Kapital in Deutschland auf 6-8 Milliarden RM.

In manchen Fällen erfolgte der Transfer des Unternehmens über die Bank, weil die alten Besitzer die Unterstützung eines angesehenen Geldinstituts wünschten. Sie versuchten, ihr Lebenswerk zu erhalten und ihre Stellung zu sichern, falls es durch irgendein Wunder zu einem Regimewechsel kommen sollte. Darüber hinaus gaben sie sich große Mühe, ihre alten Angestellten zu schützen. Im Falle der Bankhäuser Mendelssohn, Berlin, und Simon Hirschland, Essen, arbeitete die Deutsche Bank mit den Geschäftsleitungen zusammen, um eine Übernahme durch die staatliche Reichs-Kredit-Gesellschaft zu verhindern, die den Unternehmen feindselig gegenüberstand. Georg Hirschland, der geschäftsführende Gesellschafter von Hirschland, trat nach einer Unterredung mit einem Mitarbeiter der Reichsbank an die Deutsche Bank heran. In beiden Fällen, Hirschland wie auch Mendelssohn, wehrten sich die Nationalsozialisten entschieden gegen einen Verkauf an die Deutsche Bank. Der Gauleiter von Essen, Josef Terboven, beharrte auf seiner Position, daß Hirschland unbedingt hätte liquidiert werden müssen. Aus der Sicht der Banken war vor allem auf die wesentlichen Kreditlinien zu achten, die von ausländischen Instituten eingeräumt wurden und die unter die Bestimmungen des Abkommens über kurzfristige deutsche Kredite im Ausland, das sogenannte "Stillhalte-Abkommen", fielen. Emigrierten die Gesellschafter der deutschen Banken, so waren sie rechtlich gesehen weiterhin persönlich den ausländischen Gläubigern (Briten oder Amerikanern) verpflichtet. Daher war es dringend erforderlich, das freiwillige Einverständnis der ausländischen Kreditoren einzuholen, wenn die Kreditlinien auf andere Institute übertragen wurden. Aber die ausländischen Gläubiger verlangten für ihre Forderungen die bestmögliche Sicherheit, nämlich die Haftung eines Kreditinstituts mit erstklassigem Ruf, wie etwa der Deutschen Bank, und nicht die einer nach politischen Grundsätzen geführten und staatlich kontrollierten Bank wie der Reichs-Kredit-Gesellschaft. Die Deutsche Bank hatte in den Verhandlungen über das Stillhalte-Abkommen eine besonders einflußreiche Stellung, weil ihr Vorstandsmitglied Schließer die Delegation deutscher Bankiers führte.

Um die Reichs-Kredit-Gesellschaft von der "Arisierung" auszuschließen, unterstützte die Deutsche Bank die rechtmäßigen Besitzer von Mendelssohn oder Hirschland: Gleichzeitig trug sie aber auch dazu bei, die Erwartungen einer schnellen "Arisierung" des Bankensystems seitens der Regierung zu erfüllen. Schon Anfang 1939 konnte das Reichssicherheitshauptamt berichten: "Die Arisierungen sind im Bankgewerbe mit Hilfe der Privatbanken, insbesonders der Deutschen Industriebank, Reichs-Kredit-Gesellschaft und der Deutschen Bank zum Abschluß gekommen."

Ein weiteres Beispiel für die gemeinsame Durchführung der "Arisierung" war das Engagement der Deutschen Bank im Hinblick auf den deutschen Teil des Petschek-Konzerns. Hierbei handelte es sich um ein riesiges Kohle-Imperium (primär Braunkohlefelder), das von den vier deutschtschechischen Brüdern Ernst, Wilhelm, Karl und Frank Petschek geleitet wurde. Der bedeutendste Grundbesitz der Petscheks in Deutschland lag in Oberschlesien und wurde von einer Treuhandgesellschaft verwaltet, der Deutschen Kohlenhandelsgesellschaft m.b.H. Ihre Vermögenswerte zogen die größten und mächtigsten Gesellschaften der Montanindustrie an: Wintershall, Salzdetfurth, Mitteldeutsche Stahlwerke, Bubiag (Braunkohlen- und Brikett-Industrie AG), Henckel von Donnersmarck-Beuthen, Gräflich Schaffgotsch`sche Werke, Deutsche Erdöl-AG, I. G. Farben und vor allem die Flick-Gruppe - sie alle traten an die Treuhänder heran. Die Braunkohlefelder wurden schließlich zum größten Teil an Flick verkauft. Sie waren Teil eines Grundstückstausches, in dem Flick Steinkohlevorkommen an die Reichswerke "Hermann Göring" veräußerte.

Aber es gab auch noch einen wesentlich kleineren Petschek-Besitz in Westdeutschland. Dort gab es offenbar keine starke Nachfrage von Unternehmen. Von den Stammaktien der zu Petschek gehörenden Hubertus Braunkohlen AG waren 73,6 Prozent im Besitz der Helimont AG Glarus und der Deutschen Industrie AG, die einen Teil des ausgedehnten Industrieimperiums der Petschek-Dynastie auf tschechischer Seite bildeten. Minderheitsbeteiligungen in Höhe von 16,2 Prozent wurden von der Familie Abs aus Bonn gehalten: Justizrat Josef Abs und seine Söhne Clemens Abs und Hermann J. Abs (der 1938 in den Vorstand der Deutschen Bank eintrat). Die "Arisierung" begann mit dem Vorwurf des Oberfinanzpräsidenten in Hannover, daß die Hubertus AG eine Kapitalflucht in Höhe von 70 Mio. RM organisiert habe. Im Oktober 1938 wurde das Unternehmen gezwungen, eine vollständige Liste aller Konten, Passiva und Aktiva im Ausland vorzulegen. Eine Verfügung des Reichswirtschaftsministeriums vom Januar 1939 verpflichtete die Petschek-Gruppe dann, Hubertus bis Ende Februar zu verkaufen. Diese Transaktion wurde von der Deutschen Bank durchgeführt. Sie verkaufte die Hubertus AG an die Interessengemeinschaft der Familie Abs, die in der Erft-Bergbau AG organisiert war, zu dem nicht unangemessenen Gesamtbetrag von 575 000 RM. Dieser Betrag entsprach einem Tageskurs der Hubertus-Aktie am Börsenmarkt von 205 RM (der durchschnittliche Börsenkurs hatte in dem Zeitraum zwischen Juli 1938 und März 1939 bei 203 RM gelegen). Für ein Unternehmen, dessen Reingewinn 1937 327 000 RM betragen hatte, scheint diese Bewertung am Börsenmarkt adäquat. 1950 entschied ein westdeutsches Gericht, daß dieser Betrag den Wert von Hubertus um gut 860 000 RM unterschätzte. Es besteht jedoch kein Zweifel daran, daß die Petscheks während des Verkaufs Vertrauen in den Charakter und die Seriosität von Vater und Sohn Abs hatten, ihren früheren Partnern, und daß Hermann J. Abs ihnen nach 1945 half, ihre frühere Stellung wiederzuerlangen.

Auch der Staat verlangte von den Banken, in seinem Auftrag zu arbeiten und Informationen über jüdische Vermögen zu sammeln. Gleichwohl verwendete die Deutsche Bank die zu diesem Zweck gesammelten Daten dazu, wenn möglich selbst Anteile von jüdischen Kunden zu erwerben und an andere Bankkunden wieder zu verkaufen. Bis Anfang 1939 waren die vom Staat geforderten Listen in den meisten Deutsche-Bank- Filialen zusammengestellt, obwohl nur sehr wenige jüdische Kunden tatsächlich die vorschriftsmäßige Mitteilung gemacht hatten, die Paragraph 11 des Gesetzes über den "Einsatz des Jüdischen Vermögens" verlangte. Zwar weigerten sich einige Filialen zunächst, die Namen bekanntzugeben, und beriefen sich auf das Bankgeheimnis. Aber nach der massiven Anwendung von Gewalt im November 1938 war dieser Widerstand, der unter Berufung auf gesetzliche Normen erfolgte, gebrochen. Schätzungen über den Umfang des Geschäfts mit jüdischen Kunden liefern die Zahlen der Frankfurter Filiale. Aus ihnen geht hervor, daß 1938 Depots im Wert von 35 Mio. RM und Kreditoren in Höhe von 15 Mio. RM "nicht-arisch" waren. 16,5 Prozent des gesamten Geschäftsumfanges der Filiale wurden damit als "nicht-arisch" eingestuft. Zweifellos sah man in dieser Filiale in der "Arisierung" eher eine Gefahr denn eine Chance. Sie schwächte die Bank und ließ die Politik weiter in die Finanzwelt eindringen.

Mit ihrer Beteiligung an der "Arisierung" lud die Bank eine schwere moralische Schuld auf sich. Auf der einen Seite half sie zwar manchen jüdischen Unternehmern - insbesondere jenen, die innerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches von 1937 lebten, aber im besetzten Europa agierte sie später oftmals rücksichtsloser. Hätte die Bank nicht in Deutschland den Verkauf von Vermögenswerten vermittelt, wäre es für die Opfer nationalsozialistischer Verfolgung noch schwieriger gewesen, wenigstens den sehr dürftigen Anteil zu retten, den sie nach den staatlichen Bestimmungen behalten und ins Ausland transferieren durften. Auf der anderen Seite war die Bank durch den Abschluß dieser Gechäfte nicht nur an einem recht rentablen Provisionsgeschäft beteiligt, sondern sie erleichterte dem Staat auch die Realisierung seiner politischen, rassisch motivierten Ziele. Auf diese Weise wurden die Banken in eine "dienende Rolle" gedrängt, wie dies schon 1933 von nationalsozialistischen Parteiideologen gefordert worden war. Ihre Handlungsweise mochte zwar in einzelnen Fällen - etwa bei Mendelssohn, Hirschland oder Petschek - so erscheinen, als sei sie von Mitgefühl mit früheren Geschäftspartnern bestimmt gewesen, aber insgesamt trug sie ohne Zweifel dazu bei, die Prinzipien von Eigentum und Moral zu unterlaufen.

Professor Harold James lehrt Geschichte an der Princeton University