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Der Koffer war gepackt, die Abfahrtszeit stand fest, die Termine waren gemacht. Dann dieses merkwürdige Fax aus Port Harcourt. "Die Lage ist äußerst angespannt. Es gibt Unruhen, die Armee ist in den Dörfern. Wir können für Ihre Sicherheit nicht mehr garantieren." Die Botschaft unserer Kontaktperson war unmißverständlich: Bleiben Sie, wo Sie sind.

Die Reise von Lagos ins Nigerdelta mußte ausfallen. Zu diesem Zeitpunkt - es war im Juni 1994 - hätten wir Ken Saro-Wiwa ohnehin nicht mehr angetroffen. Geheimpolizisten hatten ihn wieder einmal an einen unbekannten Ort verschleppt. Ein Anwalt bezweifelte damals sogar, daß Saro-Wiwa noch am Leben sei. Die Soldaten waren über dreißig Dörfer hergefallen; sie hatten zahllose Hütten niedergebrannt und 85 Bewohner umgebracht: Bilanz einer der brutalen Strafaktionen der nigerianischen Militärs, die den Widerstand der Ogoni brechen sollen.

Ken Saro-Wiwa ist der Führer dieses Völkchens, das etwa 500 000 Menschen zählt und zu seinem Unglück im Nigerdelta lebt. Dort wird seit drei Jahrzehnten Erdöl gefördert, jenes schwarze Gold, das dem Staat 95 Prozent seiner Deviseneinnahmen beschert und Nigeria zum fünftgrößten Erdölproduzenten der Welt macht. Drei Multis - Shell, BP und Agip - beuten die Ölvorkommen ohne Rücksicht auf Verluste aus.

Das Ogoniland ist unterdessen vollkommen abgeriegelt, Augenzeugen sind unerwünscht. Der britische Agronom Nick Ashton-Jones war einer der letzten Ausländer, die sich ein Bild von der Situation machen konnten. Er berichtet von verrotteten Pipelines, die die Dörfer und Äcker durchschneiden, von zahllosen Leckagen, aus denen Öl rinnt und das Grundwasser verseucht. Flußarme, Mangrovenwälder, die einst fischreichen Gewässer seien schwer geschädigt. Die deutsche Ethnologin Sibylle Pohly hat ganze Ölseen photographiert. "Die Gasabfackelungsanlagen", schreibt Saro-Wiwa, "verbreiten Ruß und giftigen sauren Regen, der unsere Ernten vernichtet."

Den Einheimischen bleibt nichts vom Reichtum ihrer Erde. Im Schatten der Bohrtürme und Raffinerien stehen ihre armseligen Hütten. Sie haben kaum Schulen und nur ein Krankenhaus. Auf 70 000 Menschen kommt ein Arzt. Ihre Lebenserwartung liegt bei 51 Jahren, drei Jahre unter dem Landesdurchschnitt. 85 Prozent sind arbeitslos. Zunächst wehrten sich die Ogoni gerichtlich gegen die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen, vergeblich. Im Jahre 1990 gründeten sie Mosop, die "Bewegung für das Überleben des Ogonivolkes". Vorsitzender wurde der Schriftsteller Ken Saro-Wiwa. Es kam zu Sabotageakten. Das Regime schlug mit aller Härte zurück. Armeetrupps und die berüchtigten "Kill & Go"-Kommandos der Polizei räumten in den aufsässigen Dörfern auf. Zeugen berichteten von Plünderungen, Hinrichtungen, Vergewaltigungen. Was ein zorniger Diplomat aus Kanada als "Staatsterrorismus" bezeichnet, nennen die Ogoni Völkermord. "Shell & Co bringen uns um!" sagt Saro-Wiwa.

Im November haben ihn die Behörden wieder einmal verhaftet. In diesen Tagen steht er wegen Hochverrats vor Gericht; wird er verurteilt, droht ihm die Todesstrafe. Seinen Anwalt Gani Fawehinmi - auch er ein unerschrockener Streiter für die Menschenrechte, der uns vor Jahresfrist auf den Fall aufmerksam machte - konnten wir leider nicht mehr sprechen. Er wurde ohne Angabe von Gründen verhaftet. Ein kleines Volk gegen die allmächtige Militärjunta und internationale Großkonzerne: Ken Saro-Wiwa ist zur Symbolgestalt dieses Kampfes geworden. Wäre er nur ein Stammesführer der Ogoni, hätte ihn der Staat wahrscheinlich längst zum Schweigen gebracht. Aber der 53jährige Schriftsteller ist in ganz Nigeria ein Star. Die kleinen Leute lieben seine Seifenoper "Basi & Company", die seit 1985 im Fernsehen läuft. Als Autor machte er sich einen Namen mit seinen Roman "Sozaboy" (Soldatenjunge); Mene, der Held, ist ein nigerianischer Simplicissimus, der die Grausamkeiten des Biafrakrieges erzählt. Im Ausland wurde der Vorsitzende des nigerianischen Schriftstellerverbandes erst durch die Verfolgung bekannt, durch die Berichte von amnesty international und sein Gefängnistagebuch, das er der britischen Times zuspielen konnte. Saro-Wiwa beschreibt den verrotteten Karzer, den stinkenden Waschraum, den Saufraß, die Schreie in den Nachbarzellen, die Verhöre und Folterungen. Er schildert, wie sein Gesundheitszustand nach dem dritten Herzinfarkt immer schlechter wird. Eines Tages gelingt es ihm, ins Büro des wachhabenden Offiziers zu stürmen. Auf dem Tisch liegt Machiavellis "Fürst", das Handbuch für Machtmenschen. Er kann den Offizier überreden, ihn zu verlegen. Saro-Wiwa erhält besseres Essen und dringend benötigte Medikamente. Er überlebt, kommt frei - und kämpft weiter.

Ken Saro-Wiwas Fall ist längst über die Region der Ogoni hinausgewachsen und zu einer nationalen Frage geworden. Es geht um die Zukunft eines fragilen Vielvölkerstaates, um das Zusammenleben von rund 400 ethnischen Gruppen in der Bundesrepublik Nigeria. In dieser künstlichen, auf den Reißbrettern der Kolonialherren entstandenen Nation dominieren drei große Volksgruppen: Yoruba, Igbo und Haussa-Fulani. Letztere kontrollieren die politische Macht und damit die ökonomischen Ressourcen. Die korrupten Eliten bereichern sich schamlos an den Ölmilliarden, die Mehrheit der Bevölkerung geht leer aus.

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Im Juni 1993 wurde der Milliardär Moshood Abiola in einer demokratischen Wahl zum Präsidenten gewählt. Seine Zivilregierung sollte den Militärregenten Ibrahim Babangida ablösen. Doch der annullierte kurzerhand das Wahlergebnis, ehe er im Kampf der Diadochen selber unterging. Der Wahlsieger Abiola wurde in der Zwischenzeit eingesperrt. Und im November 1993 putschte der Infanteriegeneral Sani Abacha und setzte eine lange Tradition fort: Nach 34 Jahren Unabhängigkeit, sechs Staatsstreichen und vier Umsturzversuchen ist er der siebte Militärherrscher Nigerias.

In Abachas Augen sind die Ogoni Sezessionisten, die die Einheit bedrohen. Wole Soyinka, der unlängst aus dem Land geflohene Literaturnobelpreisträger, spricht vom "ersten Experiment mit ethnischen Säuberungen". Das Ogoniland sei ein "Modellraum für den totalitären Schlag gegen die liberalen, politisch gebildeten Teile des Staates". Das Regime ist dabei, die letzten Reste der Demokratie zu schleifen. Vor zwei Wochen entließ Abacha alle dreißig Minister der von ihm installierten Marionettenregierung.

Diese Posse könnte dem Roman "Prisoners of Jebs" entnommen sein. Saro-Wiwa zeichnet darin ein bitterböses Sittenbild Nigerias. Auf einer Gefängnisinsel sitzen ruchlose Politiker, Generale im Dauerrausch und Halunken jeder Couleur. Sie spielen gerne den "Jo-Jo-Tanz", einen Poker mit Wechselkursen. Ziel ist die Plünderung öffentlicher Haushalte und die private Bereicherung. "Es ist die schlimmste Sünde auf Erden, seinen Kopf nicht zu gebrauchen", schreibt Saro-Wiwa am Ende dieser Realsatire. "Die Gedankenlosigkeit hat Afrika reduziert auf Bettlertum, Hunger, Armut und Krankheit." Man entkomme dem mentalen Gefängnis nur, wenn man seine Hirnzellen gebrauche.

Wer denkt, lebt gefährlich. Saro-Wiwas Leben ist bedroht wie das so vieler Schriftsteller und Künstler in aller Welt, die ihre Stimme gegen Unterdrückung, Ausbeutung oder fundamentalistischen Wahn erheben: Taslima Nasrin, Salman Rushdie oder der Tadschike Bozor Sobir sind nur die berühmtesten Schicksale. Auf weniger bekannte Fälle wird die "China-Regel" angewandt: Je lukrativer das Geschäft, desto nebensächlicher die Menschenrechte. Jakob von Uexküll, der Stifter des alternativen Nobelpreises, sprach es offen aus, als Saro-Wiwa vorigen Dezember diese Ehrung erhielt: "Der Shell-Konzern hat für das, was in Nigeria geschieht, genausoviel Verantwortung wie der Staat selbst."

Shell Nigeria Ltd. will von alledem nichts wissen. Es sei "total ungerechtfertigt", das Unternehmen auf eine Stufe mit der Regierung zu stellen, verteidigt Pressesprecher David Williams seinen Konzern. Man gehe in Nigeria dem "legitimen Geschäft" der Ölförderung nach. Die Lage im Ogoniland mache Shell "tief betroffen"; aber die Ursachen der Misere seien bei ethnischen Konflikten und Landstreitigkeiten zu suchen. Ganz unbeteiligt scheint sich Shell jedoch nicht zu fühlen: Die nigerianische Filiale des Weltkonzerns zweigt ein Prozent ihrer Investitionssummen für die soziale Entwicklung der Region ab - ein lachhafter Obulus angesichts der Schäden.

Nirgendwo in Europa könnte der Multi derart verantwortungslos sein Geschäft betreiben. In Nigeria, geschützt von einer Halbdiktatur, hat er wenig Probleme. "Gegen das Volk der Ogoni wird ein ökologischer Krieg geführt", klagt Saro-Wiwa an. "Der Westen macht sich Sorgen um das Leben von Elefanten und stoppt den Export von Elfenbein. Aber es kümmert niemanden, wenn Menschen sterben."