Köln/Mainz Die Lage war noch nie so ernst. Eine Geschichte über den Karneval kommt an diesem Satz Konrad Adenauers einfach nicht vorbei. Er selbst, ein Kölner, zählte sich übrigens gern zu den Jecken.

Es herrscht Karneval, im wahrsten Sinne des Wortes. Bonn ist sonst das Sinnbild für Ordentlichkeit und leidliches Funktionieren. Aber an Weiberfastnacht sieht das ganz anders aus. Im Bundestag scheitert jeder ab 11 Uhr 11, der ernsthaft versuchen wollte, einen Gesprächspartner zu erreichen. Und der eigenen Redaktion in Hamburg ist einfach nicht zu erklären, daß an diesem tollen Tag in Bonn nichts mehr geht.

Auf der Funktionärsetage ist Karneval, wie es in der guten alten Bundesrepublik eben immer so war, im Prinzip Männersache. Der Chef des Kölner Festkomitees, Gisbert Brovot, ist gerade gestürzt worden. Das hing auch mit dem Groll der Jecken darüber zusammen, daß dieser Modernist sich nicht genierte, Frauen im Vorstand zu dulden.

Den Ausschlag allerdings für die Trennung gab ein noch ärgerer Sündenfall. Brovot hat sich nämlich bei der "Stunksitzung" des Kabarettisten und Kleinkünstlers Jürgen Becker ("Mitternachtsspitzen"), die seit 1984 für eine Art Alternativkarneval sorgt, leibhaftig blicken lassen. Und dabei trug er auch noch die Kappe vom eigenen Verein. Unsere Narrenkappe! So viel Nestbeschmutzung war nie. Setzt man für die Kölner Ehrengarde die CDU, die Roten Funken für die SPD, zeigt sich die Parallele - auch diese Vereine haben lange verboten, mit den Schmuddelkindern, den Grünen, zu spielen. Nur die CSU drängt heute noch auf Artenreinheit, wie das Kölner Festkomitee.

"Ich fordere die Abschaffung der Bundesregierung im Namen der ARD. Helmut Kohl ist ein konzernähnliches Gebilde . . ." Jürgen Becker plaudert munter drauflos. Er ist ein Naturtalent aus dem Biotop Rheinland.

Über Helmut Kohl redet er sonst nicht mehr viel. Nicht, weil der Kanzler out wäre, er ist einfach zu lange da. Das zermürbt jeden Narren. Den Karnevalisten geht es mit Kohl wie mit der Bundesrepublik überhaupt: Was in der "Politik erster Ordnung" veranstaltet werde, seufzt der Kabarettist Herbert Bonewitz, der ein legendärer Dissident des Mainzer Karnevals ist, das komme einem doch zu den Ohren heraus. Paragraph 218, Steuern, Kohl, wer will das denn noch hören? Und KoKolores über die Ossis? Ach, laß mich in Ruhe damit!

Junge Kabarettisten (es fehlt nicht an Nachwuchs) flüchten häufig in puren Nonsens, der Zeitgeist weht in Richtung Varieté. "Bar jeder Vernunft" heißt Berlins neuester Treffpunkt, und Kabarettisten altpolitischer Art wie Dieter Hildebrandt oder Hanns Dieter Hüsch wirken wie Dinos ihrer Zunft. Könnte es sein, daß sich die Bundesrepublik selbst zu sehr kennt, als daß sie sich noch genauer betrachten wollte? Gäbe es nicht den Schürmann-Bau oder Frau Schwaetzer, die Tränenreiche, Bonn lieferte fast keinen Stoff mehr für Pointen. Ach, wie war es doch vordem . . . Dr. Willi Scheu als Bajazz mit der Laterne, Dr. Dieter Brandt als Till (der "Dr." gehörte noch fest zum Namen, bei Narren erst recht) und die Mainzer Hofsänger mit ihren politischen Andeutungen im Tenor haben das amorphe Wirtschaftswunderland (West) durchaus mit zusammengehalten. Neunzig Prozent Einschaltquote waren üblich, seit der ersten TV-Übertragung am 17. Februar 1955. Aber immerhin, wenn "Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht" am Freitag zum vierzigstenmal Mal ausgestrahlt wird, schalten sich vermutlich erneut sagenhafte vierzig Prozent wie im letzten Jahr ein. So zerfleddert die Republik auch sonst ist, Karneval und der Zoch, sie halten die Bildschirmnation zusammen.