Hausherr bleibt Hausherr. Erst recht, wenn er zugleich einem Staate vorsteht. Wollen neugierige Journalisten einen Blick hinter die Kulissen des Pariser Elysée-Palastes werfen, brauchen sie den Segen des Präsidenten der Republik persönlich. Höchst selten erteilt er ihn. "Ihr Gesuch ist in den allerbesten Händen", teilen beflissene Mitarbeiter auf ungeduldiges Nachbohren mit. Keine Frage, wem diese Hände gehören.

Frankreich ist, gewiß, eine Republik. Und François Mitterrand gewiß ein Sozialist. Dennoch fühlt man sich an Nummer 55, Rue du Faubourg-Saint- Honoré wie bei Hofe. Wer auch immer demnächst im Mai den Regenten ablöst und den Thron besteigt - daran wird sich nichts ändern. Der Elysée-Palast ist nicht 10, Downing Street und nicht das Kanzleramt - bewahre! Selbst das Knirschen der Dienstwagen im Kies des Innenhofs klingt irgendwie royal.

Der Palast ist eine der geheimnisumwittertsten Stätten Frankreichs. Ein Ort der Arbeit, der Macht, aber auch der Selbstdarstellung. Ein halbes Jahrhundert ist es her, seit Präsident Vincent Auriol im Morgenmantel über den Innenhof schlurfte, um sich vom Generalsekretär frische Rasierklingen zu borgen, und ein ganzes Jahrhundert, seit Félix Faure in seinen Dienstgemächern in den Armen seiner Geliebten Madame Steinheil verschied. Dienstboten mußten sie freischneiden, hatte Monsieur le Président doch liebend seine Hand in ihre Frisur gekrallt. Seit General Charles de Gaulle und mit ihm die Fünfte Republik im Elysée Einzug hielt, gibt es kaum noch pikante Histörchen. Mit ihm kamen Ernst und Würde, vor allem aber kam die Macht. Seither herrscht Geschäftigkeit. Es werden die Geschicke der Nation, ja, noch lieber jene der Welt gelenkt. Staatsschauspiel statt Operette.

Darauf war der Elysée-Palast leider schlecht vorbereitet. Erbaut hat ihn 1718 in damals noch heiler Landschaft vor den Stadttoren der reiche Adlige Henri de la Tour d`Auvergne, Comte d`Evreux. Im Garten wurden Tomaten und Zwiebeln gezüchtet. Später mußte der in Geldnöte geratene spleenige Comte seinen Landsitz verkaufen, an eine Marquise de Pompadour, die sich ihr Renommee als Mätresse Seiner Majestät Ludwigs XV. erwarb. An der Außenmauer tauchten Schmierereien der Art "Haus der Hure des Königs" auf.

Es dauerte lange Jahre, bis sich der Palast den Ruf der Wohlanständigkeit erwarb. Wiederholt diente er der Lustbarkeit, als Tanzlokal, als Edelbordell, als Spielhölle und als Ort spiritistischer Sitzungen. Dazwischen nutzten ihn zeitweilig Kaiser, Napoleon Bonaparte und Napoleon III. Ersterer unterzeichnete hier seine Abdankung, letzterer brauchte ihn als militärisches Hauptquartier.

An Paläste wie den Louvre oder Versailles reichte der Elysée nie heran. 1873 wurde er "verbürgerlicht" und zum Amtssitz der Präsidenten. Weil diese allerdings bis 1958 kaum über Vollmachten verfügten, fiel er zugleich in einen jahrzehntelangen Dornröschenschlaf, dann und wann unterbrochen von ein paar skandalösen, tragischen oder burlesken Episoden.

Nicht verwunderlich, daß Charles de Gaulle abschätzig über seinen Amtssitz sprach: "Man macht keine Geschichte im achten Arrondissement!" Tatsächlich bieten die (bisweilen) frivolen Champs-Elysées und die feinen Couturiers nicht die passende Umgebung für den Ort, wo die Macht zu Hause ist. Wenigstens ist die Nachbarschaft fein: Gleich neben dem Elysée wohnen so reputierliche Leute wie die Rothschilds und die Cardins. Doch von Esprit erfüllt empfand kein Präsident der Fünften Republik die Stätte seines Wirkens. De Gaulle wohnte zwar darin, aber flüchtete, sooft er konnte, in sein Landhaus in Colombey-les-Deux-Eglises. Georges Pompidou und Valéry Giscard d`Estaing zog es wie auch François Mitterrand abends in ihre Privatdomizile. Das mag auch daran liegen, daß die Dienstwohnung des obersten Mannes im Staat recht bescheiden ist. Sie mißt kaum 200 Quadratmeter - kein Vergleich zu den Gemächern, die dem Pariser Bürgermeister im Hôtel de Ville zustehen: 1800 Meter im Quadrat.