Ohne Zweifel zählt sie zu den Großen des amerikanischen Kinos. Noch vor Melanie Griffith und Michelle Pfeiffer oder den älteren Kim Basinger und Susan Sarandon spielte sie die interessantesten Rollen, die Hollywood seinen jüngeren Frauen zu bieten hatte. Doch ihr stardom war nie auf Glanz und Glamour aus. Ihr Image folgt dem Bild des netten Mädels von nebenan. Sie ist fein, ohne edel zu wirken, hübsch, ohne schön zu sein, sensibel, ohne überempfindlich zu wirken. Das Wunderkind Jodie ist das Chamäleon, das immer neue Farben anlegt, um immer andere Facetten des Alltäglichen schillern zu lassen.

In ihren ersten großen Jahren, 1975/76, da war sie gerade mal zwölf, ging ihre Faszination aus von ihrer kindlich selbstgewissen Aura, weibliche Raffinesse zu imitieren (in "Bugsy Malone"), sexuelles Glück zu verheißen (in "Taxi Driver") oder frühe Eigenständigkeit zu demonstrieren (in "Das Mädchen am Ende der Straße"). Später, als ihre Rollen größer und differenzierter wurden, blieb dieses Moment des Kindlich-Offenen, gepaart mit Neugierde und Selbstsicherheit, der Ausgangspunkt ihrer Ausstrahlung. Jodie Foster verkörperte Frauen am Rande des Übergangs: mal eher mädchenhaft lasziv, mal eher weiblich selbstbewußt.

Ihr ganzes Leben lang war sie in Filmen zu sehen, vom dritten Jahr an, zunächst in Fernsehserien, dann im Kino. Sie war die pfiffige Becky Thatcher in Don Taylors "Tom Sawyer" (1973), die junge freche Hure Iris in Scorseses "Taxi Driver" (1976), die fragile Franny Berry in Tony Richardsons "Hotel New Hampshire" (1984), das Opfer einer Vergewaltigung, das auf Sühne pocht, in Jonathan Kaplans "Angeklagt" (1988), die ehrgeizige FBI-Agentin Clarice Starling in Jonathan Demmes "Das Schweigen der Lämmer" (1991) und schließlich die geduldige, charakterstarke Mutter eines hochbegabten Kindes in ihrem ersten eig enen Film "Little Man Tate" (1992).

Ihre Images schwanken zwischen verruchten und hochmoralischen, zwischen schlampigen und höchst professionellen Figuren. Doch bei allen Unterschieden haben ihre Frauen eines gemeinsam: Sie suchen stets die eigene Integrität zu wahren. Eines ihrer Prinzipien sei es, erklärte sie einmal, nur Rollen anzunehmen, die "mit persönlichen Merkmalen ausgestattet" seien, mit denen sie sich "identifizieren" könne. "Das muß nicht bedeuten, daß ich das Leben dieser Figur schon einmal gelebt oder überhaupt irgend etwas mit dieser Person zu tun haben muß, sondern ich brauche nur irgend etwas, das ich als sehr persönliche Verbindung zwischen dem fiktiven Leben dieser Figur und meinem eigenen Leben betrachten kann."

Nun, in "Nell" von Michael Apted, spielt sie eine Einsiedlerin, die in den entlegenen Wäldern North Carolinas groß geworden ist. Die einzigen Menschen, mit denen sie Kontakt hatte, waren ihre Zwillingsschwester, die schon lange tot ist, und ihre Mutter, die sie gerade beerdigt, als sie von einem Arzt aufgespürt wird.

Es folgt, oft melodramatisch zugespitzt, wie sie sich der fremden Umgebung nähert, mit einer eigenen, zunächst unverständlichen Sprache, wie sie den Agenten unserer Zivilisation begegnet, Journalisten und Wissenschaftlern, Politikern und Polizisten, und wie sie dabei entdeckt, daß nicht alles so ist, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Nach Dustin Hoffman in "Rain Man" und Robert De Niro in "Awakenings", nach John Malkovich in "Von Menschen und Mäusen", Al Pacino in "Duft der Frauen" und Tom Hanks in "Forrest Gump" darf nun Jodie Foster in der Rolle einer anormalen Außenseiterin brillieren. Doch anders als bei ihren männlichen Kollegen hat ihr Spiel überhaupt nichts Exhibitionistisches. Sie beweist nicht unentwegt, was sie alles kann, sondern sie präsentiert eine ungewöhnliche Person so präzise, als sei sie in eine fremde Haut geschlüpft. Das heißt, sie ordnet sich der Kontur dieser Frau unter, nicht um etwas Fremdes auszustellen und uns vorzuführen, sondern um für uns etwas Unbekanntes zu entdecken.