ZEIT: Sie sind nach langer Zeit wieder in Wien, der Stadt Ihrer Kindheit, von wo Sie und Ihre Familie nach Theresienstadt und später nach Auschwitz deportiert wurden. Wie fühlen Sie sich?

Ruth Klüger: Mit wem sollte ich hadern? Es ist niemand mehr da. Aber diese Hausmauer vor dem Fenster meines Hotelzimmers bedrückt mich. Ich habe keine guten Erinnerungen. Da sind Straßen, da weiß man, da ist man gelaufen, da vor dem Burgtheater. Da sind die großen Statuen, an die ich mich erinnere, wo ich dachte, die fallen auf mich drauf. Da ist die Erinnerung an das Josefstädter Theater, wo ich mit meinem Vater, der den Theaterarzt vertreten mußte, "Rumpelstilzchen" angeschaut habe. Meine Erinnerungen und Sehnsüchte gelten nicht eigentlich den Orten selbst, eher den Zuständen, Befindlichkeiten, Situationen. Als ich - nach Auschwitz - das erste Mal wieder nach Wien kam, bin ich froh gewesen, wieder nach Deutschland, wo wir in dieser Zeit lebten, zurückzukehren. Denn Wien war für mich eine Stadt geworden, in der kein Platz mehr war für die dazwischenliegenden Jahre.