Tabgha/Jerusalem

Vier Dollar kostet das bunte Poster im Andenkenladen von Tabgha am See Genezareth. Die Pilger kaufen es gern. Es zeigt eine Luftaufnahme der Idylle rund um die Brotvermehrungskirche und das ihr angeschlossene Benediktinerkloster. Nach christlicher Überlieferung soll sich hier die "Speisung der Fünftausend" ereignet haben. Abgebildet sind unter anderem das lachende Gesicht eines behinderten Kindes und badende Jugendliche. Im Schaukasten am Eingang zur Kirche weist ein Schild in deutscher Sprache die vielen Besucher darauf hin, daß Tabgha seit etlichen Jahren auch eine "Jugend- und Behindertenbegegnungsstätte" beherbergt. Doch wer in diesen Tagen danach fragt, bekommt seltsam gestrickte Antworten.

Pater Winfried aus dem Unterallgäu ist erst im vergangenen Dezember nach Israel gekommen. Deshalb habe er selbst "das Highlife auf dem Zeltplatz nicht mehr miterlebt", sagt der Mönch, während er über das Gelände wandert. Um die Pilger nicht zu stören, müsse in Zukunft alles "ein wenig reduziert" werden. Das heißt, es werde keinen Zeltplatz mehr geben, auf dem Gruppen bis zu hundert Jugendlichen Platz gefunden hatten. Pater Winfried zeigt den nagelneuen Zaun, der um das kleine Selbstversorgerhaus und den mineralhaltigen Salzwasserpool gebaut wurde. Diese "Umstrukturierung" sei einfach notwendig gewesen, betont er. Doch am besten könnte das natürlich der Superior Pater Remigius selbst erklären.

Weil an diesem Nachmittag ein Ausflug ins nahegelegene Tiberias auf dem Programm steht, trägt Pater Remigius statt schwarzer Kutte Freizeitkleidung: Jeans und Nickipullover. Nach wie vor, so sagt er, würde Tabgha Behinderten und Waisenkindern aus Israel und aus der West Bank sowie Jugendlichen aus Deutschland offenstehen. Von "Umstrukturierung" möchte er nicht sprechen, sondern lieber von einer "Akzentuierung des geistlichen Anliegens". Seit der Ankunft des neuen Oberen aus Sankt Ottilien am Ammersee vor eineinhalb Jahren weht ein neuer Wind in Tabgha. Er bläst all denen ins Gesicht, die seit zwölf Jahren versucht haben, das biblische Ereignis in die Gegenwart umzusetzen und einen Ort des Miteinander-Teilens zu gestalten, unabhängig von Nationalität oder Religionszugehörigkeit.

Den Anfang hatte der damalige Prior des Klosters in Tabgha, Immanuel Jacobs, gemacht. Als der Wiederaufbau der Kirche 1982 beendet war, erinnert er sich, "stellten wir uns als benediktinische Gemeinschaft die Frage, was wir dem Land und seinen ärmeren Bevölkerungsschichten anbieten können". Die Antwort traf in Form einer Bitte des SOS-Kinderdorfes in Bethlehem ein: Palästinensische Kinder würden gerne ein paar Tage Ferien in Tabgha machen. "Das Ganze bekam eine Eigendynamik, die schließlich zur Begegnungsstätte führte", sagt Immanuel Jacobs, der die Kutte abgelegt hat und heute in Marburg lebt. Sogar ein Treffen zwischen israelischen Veteranen des Jom-Kippur-Krieges und Intifadaopfern konnte in Tabgha stattfinden. Solche Orte sind in Israel rar. Daß die Vermittlerfunktion ausgerechnet von Deutschen wahrgenommen wurde, habe man "gar nicht gespürt".

Pater Remigius hingegen definiert seine Aufgabe auf diesem biblischen Gelände, das dem deutschen Verein des heiligen Landes gehört, etwas anders. Sie bestehe vor allem in der "Betreuung der Pilger". Den Gästen soll ein Ort angeboten werden, "der zum Beten, zum Verweilen, zum Meditieren einlädt". Die vielen Jugendlichen seien den wenigen Mönchen über den Kopf gewachsen.

Deshalb hat das Kloster auch erstmals in diesem Jahr darauf verzichtet, eine Förderung des Bonner Jugendministeriums in Anspruch zu nehmen. Seit 1989 waren jährlich 72 000 Mark im Rahmen der deutsch-israelischen Jugendbewegung bewilligt worden, wobei beide Seiten stillschweigend akzeptieren, daß auch palästinensische Gruppen aufgenommen wurden. Die Mittel wurden für die Leitung der Begegnungsstätte, für Zivildienstleistende und Volontäre verwendet. Die Bundestagspräsidentin und ehemalige Jugendministerin Rita Süssmuth, die Tabgha aus eigener Anschauung kennt, hofft dennoch, "daß die bisherige gute Kooperation durch das Wegbleiben der Gelder nicht gefährdet ist" und daß "gerade unter den jetzigen Bedingungen einer Annäherung zwischen Israelis und Palästinensern die Zielsetzung beibehalten und verstärkt wird".