Der Tod kam plötzlich, im Juni 1938 während einer Ferienreise in den bayerischen Bergen beim Abstieg vom Watzmann bei Berchtesgaden. Erst nach Wochen wurde der Verunglückte gefunden und identifiziert: Friedrich Thimme, Historiker und Publizist, in den zwanziger Jahren als Mitherausgeber der Aktenedition "Die Große Politik der Europäischen Kabinette" eine Schlüsselfigur im Kampf gegen die sogenannte "Kriegsschuldlüge" des Versailler Vertrages. Siebzig Jahre war er alt geworden, und er hinterließ außer vielen unfertigen Projekten, darunter eine seit langem geplante Biographie des deutschen Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg, eine umfangreiche Korrespondenz.

Annelise Thimme hat aus der Fülle der Briefe eine sorgfältig kommentierte Auswahl zusammengestellt und diese mit einer ausführlichen biographischen Einleitung versehen. Natürlich weiß die 1918 geborene Tochter, die als Historikerin an amerikanischen und kanadischen Universitäten lehrte, um die Problematik des Unternehmens: Steht sie nicht in einer zu nahen Beziehung zu ihrem Vater und seinem Lebenswerk? Und wirkt diese Befangenheit nicht als Erkenntnisschranke bei der Kommentierung, ja schon bei der Auswahl der Briefe?

Dennoch ist bemerkenswert, zu welcher Distanz die Herausgeberin, bei aller Nähe, fähig ist. Dort, wo Friedrich Thimme als Publizist gefehlt hat - etwa in seiner wüsten Polemik gegen Maximilian Harden 1919 -, findet sie scharfe Worte der Kritik. Nicht um Apologie ist es ihr zu tun, wohl aber um Verständnis für ein an Widersprüchen reiches Gelehrtenleben.

Was die Figur Friedrich Thimmes wissenschaftsgeschichtlich interessant macht, ist in der Tat eine merkwürdige Paradoxie: Einerseits kann er in seinem Werdegang durchaus als repräsentativ für das konservative Bildungsbürgertum des Kaiserreichs und der Weimarer Republik gelten; andererseits besaß er jedoch immer auch ein hohes Maß an innerer Unabhängigkeit, die ihn - darin atypisch - davor bewahrte, 1933 zu den Nazis überzulaufen.

Wie viele andere Historiker seiner Generation entstammte Friedrich Thimme dem protestantischen Pfarrhaus. Zu dessen Grundausstattung gehörten Gottvertrauen, Sparsamkeit und ein geradezu asketisches Arbeitsethos. Obwohl er seit frühester Kindheit an progressiver Schwerhörigkeit litt - eine Behinderung, die ihm zeitlebens zu schaffen machte -, zählte der älteste Sohn des Pastors Gottfried Thimme aus Lohe (bei Nienburg) in der Schule immer zu den Besten. Nach der Reifeprüfung auf dem Domgymnasium Verden 1887 begann er das Geschichtsstudium an der Landesuniversität in Göttingen, begleitet von der väterlichen Ermahnung: "Du mußt täglich mindestens 8 Stunden angestrengt arbeiten, weil Du eine Aussicht auf Erfolg nur hast bei vorzüglichen Leistungen."

Bereits im vierten Semester erklärte sich Thimme bereit, an einem von der Universität ausgeschriebenen Wettbewerb zu einem Thema der hannoverschen Landesgeschichte in der Napoleonzeit teilzunehmen. Nach drei Jahren intensiver Archivforschungen schloß er die Arbeit ab und gewann den ersten Preis in Höhe von 3400 Mark - eine damals recht hübsche Summe. Mit einem Kapitel der umfangreichen Arbeit wurde er 1892, mit 24 Jahren, promoviert. (Heute haben Historiker in Deutschland in der Regel bereits das 30. Lebensjahr überschritten, bevor sie ihre Dissertation abliefern!)

In den Briefen an die Eltern und die Brüder spiegelt sich die Unsicherheit des jungen Doktors über seine berufliche Zukunft wider: Sollte er die Hochschullaufbahn einschlagen oder, was ihn auch reizte, Journalist werden? Thimme entschied sich für die akademische Karriere - und erlebte eine furchtbare Enttäuschung: Im Mai 1895 fiel er durch das Habilitationskolloquium, vermutlich aufgrund von Verständigungsschwierigkeiten während der Prüfung. Noch in dem Brief an den Bruder Karl zwei Monate nach diesem Fiasko zittert die Empörung über die Niedertracht der Prüfer nach.

Der hochbegabte, aufgrund seiner Behinderung aber ein wenig eigenbrötlerische Historiker sah sich auf ein Abstellgleis geschoben. Er schlug sich mit Forschungsstipendien durch, übernahm eine Stelle an der Stadtbibliothek in Hannover, schrieb Rezensionen für Friedrich Meineckes Historische Zeitschrift - bis er schließlich im Herbst 1913 als Direktor der Bibliothek des preußischen Herrenhauses nach Berlin berufen wurde. Mit dem Umzug "aus dem sterilen Hannover in die Hauptstadt Preußens" hoffte er, wie er Meinecke gestand, aus seiner Außenseiterrolle heraustreten und "in der Reihe der Historiker allmählich etwas vorrücken" zu können.

Nicht als Historiker, wohl aber als Publizist machte sich Thimme bald nach Beginn des Ersten Weltkrieges einen Namen. "Kann man dem Vaterland nicht mit dem Schwert dienen, so soll es wenigstens mit der Feder sein", schrieb er im Oktober 1914. Nachdrücklich engagierte er sich für den Gedanken der innenpolitischen "Neuorientierung", das heißt für die Abschaffung des preußischen Dreiklassenwahlrechts und eine Aussöhnung mit der Sozialdemokratie. Gemeinsam mit dem Gewerkschaftsvorsitzenden Karl Legien gab er 1915 einen vielbeachteten Sammelband "Die Arbeiterschaft im neuen Deutschland" heraus - in den Augen der Parteikonservativen, die stur auf ihren Privilegien beharrten, ein unverzeihlicher Tabubruch. Durch dezente Winke, bald auch massive Ermahnungen, er möge doch als Beamter einer so konservativen Institution wie des preußischen Herrenhauses mehr Zurückhaltung üben, ließ sich Thimme nicht einschüchtern. "Der wackere Schwabe forcht sich nicht", lautete sein in den Briefen wiederkehrender Leitspruch.

Im Juni 1917 startete er in einer Serie "offener Briefe" einen Frontalangriff auf den konservativen Parteiführer Ernst von Heydebrand und der Lasa. Nicht ohne Stolz berichtete er seiner Frau, Reichskanzler Bethmann Hollweg habe ihn wissen lassen, die Artikel hätten "eine ausgezeichnete Wirkung getan und sozusagen die innenpolitische Situation gerettet". Tatsächlich aber wurde Bethmann Hollweg im Juli 1917 von den Militärs gestürzt - für Thimme ein schwerer Rückschlag in seinen Bemühungen, das Kaiserreich durch rechtzeitige Reformen vor dem Untergang zu bewahren. Noch in einem Brief an Hermann Oncken vom Dezember 1918 sah er eine der Ursachen der Novemberrevolution "in der Art, wie B(ethmann) H(ollweg) angegriffen wurde. Das hat die Staatsautorität mehr erschüttert wie man denkt."

Die Revolution vom November 1918 war für Thimme - wie für große Teile des deutschen Bürgertums - ein Unglück. Der Republik von Weimar stand er innerlich distanziert gegenüber. Man würde ihm "wirklich ein großes Unrecht antun", schrieb er im Juli 1924 an die Schriftleitung einer konservativen Zeitung, ihn "mit der Demokratie oder gar der Sozialdemokratie in einen Topf zu werfen". Er blieb im Herzen ein Monarchist, was nicht ausschloß, daß, wie er Meinecke wissen ließ, "man sich aus Vernunftgründen und schon, um den Bürgerkrieg zu vermeiden, für die Erhaltung der Weimarer Verfassung einsetzt".

Den Versailler Vertrag, vor allem den Artikel 231, in dem die deutsche Kriegsschuld festgestellt wurde, hat Thimme von Anfang an leidenschaftlich bekämpft. Auf die Nachricht von der Unterzeichnung des Vertrages am 28. Juni 1919 schrieb er seiner Frau: "Ich war so verzweifelt, wie kaum je in meinem Leben. Die Not und die Schande unseres Volkes hatte mich so gepackt, daß ich immer wieder aufstöhnte und ins Weinen hineinkam." Ob das, was er so lebhaft beklagte, nicht von den deutschen Führungsschichten selbst verschuldet war - diese Frage stellte sich Thimme nicht ein einziges Mal.

Nur wenige Wochen nach Unterzeichnung des Versailler Vertrages beschloß die Reichsregierung, zur Entkräftung der von Karl Kautsky gesammelten "Deutschen Dokumente zum Kriegsausbruch" (deren Veröffentlichung sie bislang verhindert hatte) eine Aktenedition in Auftrag zu geben, welche die deutsche Vorkriegspolitik umfassend dokumentieren sollte. Für diese Edition, die später den Titel "Die Große Politik der Europäischen Kabinette 1871 bis 1914" erhielt, wurden als Herausgeber der Völkerrechtler Albrecht Mendelssohn Bartholdy, der Orientalist Johannes Lepsius und - auf Vorschlag Meineckes - Friedrich Thimme gewonnen. Das Projekt, das ursprünglich vier Bände umfassen sollte, weitete sich mehr und mehr aus - am Ende waren es vierzig Bände (inklusive zwölf Doppelbände).

Die Briefe Thimmes an Mendelssohn Bartholdy zeigen, welche enormen Schwierigkeiten zu überwinden waren. Zwischen den Herausgebern kam es immer wieder zu Querelen. Lepsius, der langsamste unter den dreien, fiel wegen Krankheit bald ganz aus. Da Mendelssohn Bartholdy als Leiter des Instituts für Auswärtige Politik zumeist in Hamburg weilte, ruhte die Hauptlast der Arbeit auf Thimmes Schultern. Er zog zu seiner Unterstützung einige junge Wissenschaftler heran, unter ihnen Felix Gilbert, der später, nach seiner Emigration, in den USA als Historiker Karriere machte. In seinen Erinnerungen "Lehrjahre im alten Europa" (Siedler-Verlag, 1989) hat Gilbert die Arbeit im Auswärtigen Amt unter der strengen Leitung von Thimme anschaulich beschrieben.

Keine Meinungsverschiedenheiten gab es über die politisch-propagandistische Stoßrichtung der Aktenpublikation. Sie sollte, wie Thimme zum Abschluß des Projekts im März 1927 an Außenminister Gustav Stresemann schrieb, "einen Wahrheitsbeweis allergrößten Stils für Deutschlands Friedensliebe führen", also den Kriegsschuldartikel des Versailler Vertrages widerlegen. Zu diesem Zweck, daran läßt auch der hier veröffentlichte Briefwechsel keinen Zweifel, wurde die Wahrheit manipuliert - durch selektive Auswahl von Dokumenten, durch apologetische Fußnoten, durch Unterdrückung von die deutsche Politik belastenden Äußerungen, etwa den Marginalien Wilhelms II. Diese "ganz zu bringen" - so Thimme in einem Brief an Hermann Oncken vom August 1922 - würde "den ganzen sachlichen Erfolg der Publikation unterminieren".

Zu Recht macht Annelise Thimme auf einen fundamentalen Widerspruch im Wirken ihres Vaters aufmerksam: Er wollte die innenpolitischen Gegensätze versöhnen und trug durch seinen Kampf gegen die "Kriegsschuldlüge" dazu bei, sie zu verschärfen. Denn diese Agitation war Wasser auf die Mühlen der Rechten; sie half, die Weimarer Republik zu destabilisieren, war insofern eine wesentliche Voraussetzung für den Sieg Hitlers im Jahre 1933.

Allerdings: Friedrich Thimmes Ablehnung des NS-Regimes war vom ersten Tage an eindeutig und kompromißlos. Gegenüber seinem Bruder Karl bekräftigte er am 14. Februar 1933: "An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen; und diese Früchte heißen eben Mord, Totschlag, Gewalttaten jeder Art, Postenjägerei."

Zu den Geschwistern, die Sympathien mit dem Nationalsozialismus bekundeten, brach Thimme die Beziehungen ab, und auch zur evangelischen Kirche ging er auf Distanz. Deren Gleichgültigkeit "gegenüber dem organisierten Haß, dem Morden und Davonjagen" nannte er bereits im Februar 1933 "einfach schandbar", und dem englischen Historiker George Peabody Gooch teilte er im Oktober 1933 mit: "Ich kann es auf keine Weise gut heißen, daß man die angebliche Arische Rasse zum Götzen erhebt und daß man die Juden, unter denen ich viele geistig hochstehende Freunde habe, aus allen Ämtern und Würden jagt und ihnen ein Leben in Deutschland fast unmöglich macht."

Mit dieser konsequenten, zu keinem Zeitpunkt irritierten Gegnerschaft zum Nationalsozialismus stellt Friedrich Thimme fast eine Ausnahmeerscheinung im Lager der konservativen deutschen Historiker dar. Und allein dies sichert ihm einen Ehrenplatz in den Annalen der Zunft.

Was befähigte Thimme, im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen immun zu bleiben gegenüber allen Verlockungen der Nationalsozialisten? Annelise Thimme meint, daß es die Erfahrung des Außenseiters gewesen sei, die ihm nicht nur zu einem höheren Maß an persönlichem Mut und moralischer Integrität, sondern auch zu einer größeren Distanz verholfen habe. "In mir lebt ein zäher Niedersachsentrotz, ein Drang zur Freiheit und zur Gerechtigkeit", bekannte er einmal. Daraus wuchs sein Credo, das er in dem bereits erwähnten Brief an Gooch in die Worte faßte: "Ich beuge mich geistig und seelisch niemals."

Sein Tod in den bayerischen Bergen im Juni 1938 war für ihn eine Gnade. Denn so blieb ihm erspart mitzuerleben, wie die Nazis das Deutschland, das er geliebt hatte, zugrunde richteten.

Annelise Thimme (Hrsg.):

Friedrich Thimme 1868-1938

Ein politischer Historiker, Publizist und Schriftsteller in seinen Briefen; Harald Boldt Verlag, Boppard am Rhein 1994; 485 S., 80,- DM