Was wohl, fragt Volker Ullrich, bringt einen Mann dazu, der ein Reporter und Jude ist, das Buch "Auge um Auge" zu schreiben, die Geschichte von Juden, die Rache für den Holocaust suchten? Ist das Antisemitismus? fragt Ullrich. Oder ist es Sensationslust? Da ich der Reporter und Jude bin, werde ich Volker Ullrich gerne antworten. Die Gründe sind: 1. Ich bin ein Reporter, und 2. Ich bin ein Jude.

Ich bin ein Reporter. Wenn Dinge geschehen, schreibe ich darüber. So schockierend "Auge um Auge" auch manchmal erscheinen mag, die Geschichte, die das Buch erzählt, ist wirklich geschehen, wie Helga Hirsch in der ZEIT selbst bestätigt hat ("Die Rache des Kommandanten", Nr. 49/ 1994). Diese Reporterin und ich sind keine Historiker, wir täuschen das auch nicht vor. Wir sind Personen wie Elie Wiesel, der nicht der Sensationslust erlegen war, sondern nur Genauigkeit anstrebte, als er in "Night" Worte wie "His eyes were petrified, his lips (were) withered, decayed" schrieb. Reporter liefern den Historikern das Rohmaterial, welches die Historiker hoffentlich sinnvoll interpretieren werden.

Zweitens, ich bin ein Jude. Ich glaube an den Grundsatz der Torah, wenn jemand sündigt, und ich weiß davon und sage es nicht an, dann mache ich mich ebenso schuldig. Ich bin kein Serbe oder Somalier, die nur Mitleid mit den Ihrigen haben - ich bin ein Jude, und mein Herz öffnet sich den Deutschen, die ich getroffen habe, welche als unschuldige Kinder im Konzentrationslager gelitten haben, auch wenn die Lagerkommandanten Juden waren wie ich selbst. Außer in "Auge um Auge" sind die Leiden dieser Leute, im Gegensatz zu denen der Juden, nach fünfzig Jahren immer noch uneingestanden und unbekannt.

Eine weitere Frage von Ullrich ist, wo in "Auge um Auge" die Grenze zwischen Fakten und Fiktion verläuft. Der Leser überschreitet die Grenze am Ende von "Auge um Auge" und am Beginn von Ullrichs eigenen "SS-Juden". In "Auge um Auge" sind die Personen, Geschehnisse und Gespräche die Resultate derselben fleißigen Recherchen, die Ullrich lobt: Es sind alles Fakten. Die einzige Fiktion ist Ullrichs Behauptung, "Auge um Auge" sei ein Elaborat.

Mit einer Sache, die Ullrich sagt, stimme ich überein: Das deutsche Publikum wird nicht in Versuchung kommen, dieses Buch zu lesen. Warum auch. Es weiß ja bereits, was es enthält, weiß aus der ZEIT, daß mein Buch von "SS-Juden" erzählt, weiß aus der Frankfurter Rundschau, daß meine Botschaft "Juden=Nazis" ist. Die Tragödie ist, daß das Publikum falsch informiert wurde, und jetzt, da der Piper Verlag die Auslieferung des Buches gestoppt und alle 6000 Exemplare vernichtet hat, kann das Publikum nirgendwo mehr die Wahrheit erfahren: daß nur in zehn Prozent meines Buches Juden Deutsche mißhandelt haben.

Nie wird das Publikum über die anderen neunzig Prozent erfahren. Es wird nie über Juden wie Zlata, Moshe, Mania und Pola hören, welche sich geweigert haben, polnische Gefängnisse anzuschauen oder gar darin zu arbeiten; auch wird es nichts über Juden wie Ada erfahren, die ein Gefängnis nur einmal besucht hat und dann in eine bessere Welt nach Deutschland geflohen ist. Das Publikum wird niemals über Juden wie Pincus hören, der Leuten, die Deutsche mißhandelt haben, gesagt hat, daß Hillel das nicht gutheißen würde, oder über Juden wie Shlomo, der unter Gefahr für sein Leben den Leuten gesagt hat: "Ihr müßt damit aufhören." Auch wird das Publikum niemals über Juden wie Lola, eine Kommandantin, erfahren, die anfangs die Deutschen geschlagen hat, später aber, unter Lebensgefahr, diese beschützt und ihnen sogar Essen zugesteckt hat.

Der Anfang von Ullrichs Artikel zitiert einen amerikanischen Rezensenten, einen Rabbi, der in einer jüdischen Zeitung geschrieben hat: "Tun Sie mir einen Gefallen - lesen Sie dieses Buch nicht." Weit weniger liebenswürdig und weitaus hochmütiger hat der Piper Verlag jetzt der deutschen Bevölkerung befohlen: "Lesen Sie dieses Buch nicht. Und wenn es Sie reizt, werden wir Sie daran hindern. Wir werden es vernichten."