Als der kleine Heinrich Hegg 1945 mit seiner Mutter nach Schweden flieht, ist er gerade fünf. Noch sind die Erinnerungen an den toten Vater nicht verblaßt, sitzt die Angst vor den Bombenangriffen tief. Doch im neuen Land erwartet ihn ein neuer Krieg, der Krieg der Kinder gegen ihn, die "Nazisau". Er wird geprügelt und gequält. Seine Mutter sitzt am Tisch, zeichnet und will an ihre Karriere als Künstlerin anknüpfen. Sie kehrt seinem Unglück den Rücken. Und wann immer Heinrich - als ordentlicher Schwede wird er bald Henrik heißen - eine Freundschaft findet, kappt der Tod die Verbindung. Zuerst der Großvater, dann Fredde, schließlich Uffe und am Ende auch Ylva. Henrik versinkt im nächsten Trauma. In "Der Regenbogen hat nur acht Farben", dem ersten Band einer Trilogie mit autobiographischem Hintergrund, entläßt Peter Pohl den Leser - man kann es nicht anders sagen - schockiert.

Peter Pohl gilt als schwieriger Autor. Das mag an seinen Themen liegen: Verletzung und Verstümmelung der kindlichen Psyche, die Zertrümmerung noch der kleinsten Hoffnung. Er seziert diese Vorgänge bis zum letzten Nerv, setzt sie in Literatur und produziert doch keine Ästhetik des Leidens. Vordergründig sind seine Bücher Spurensammlung, Ausweg- und Identitätssuche. Hintergründig liefern sie das Spiegelbild erwachsener Macht- und kindlicher Ohnmachtsverhältnisse. "Die Erwachsenen, die Klugen, die Blinden", heißt es einmal. In solchen Fällen spricht man gern von "schwierig".

Nun ist Band zwei der Trilogie erschienen: "Während der Regenbogen verblaßt". Er beginnt mit Kapitel Null. Null für den Erinnerungsverlust an die Vergangenheit. Null für den Neuanfang bei Pflegeeltern. "Mikael Stenberg heiße ich. Alter: neun Jahre. Eingekauft von Herrn Oberbuchhalter Stenberg und seiner Gattin Gudrun."

Der Oberbuchhalter liebt Zahlenkolonnen und Alkohol, seine Frau Gudrun den Hausfrieden. Und Henrik/Mikael, der alles durchschaut, geht den einzig möglichen Weg: macht sich klein und dünn, schweigt viel und nickt brav. Die Krähe Krackse wird sein Gesprächspartner, die Sehnsucht sein stiller Begleiter. Denn "die Sehnsucht ist die stärkste Kraft der Welt". Und diese Kraft entfaltet ihre Wirkung in Gestalt von Sanna. Dem Mädchen mit den "Schneehaaren", mit einer Stimme "wie ihre Handschrift". Schön, klar, ungewöhnlich. Die Freundschaft entschädigt nicht für die Zustände beim Oberbuchhalter, doch sie schenkt Mikael große Glücksmomente.

Peter Pohl zeichnet das Bild eines Jungen, den das Leben im Würgegriff hält. Doch seine literarische Qualität gewinnt der 1940 in Deutschland geborene Autor nicht durch die dramatische Inszenierung des Grauens, sondern durch die Konfrontation von häßlicher Realität und kleinen Fluchten. Die Atmosphäre bei den Stenbergs wird im knappen Protokollton wiedergegeben. Das sagt mehr als genug. Die Begegnungen mit Sanna dagegen holen das gesamte Sinnespotential des kleinen Mikael ans Licht. Farben, Geräusche, Düfte, Berührungen. Sind die Brüche allzu abrupt, schaltet sich der erwachsene Erzähler Pohl ein. "Daheim bei Sanna liegt ein zehnjähriger Junge im Gästebett und verhärtet seine Seele, während sein Rücken heilt", sagt dieser Erzähler, als Mikael nach wochenlangen "Züchtigungen" durch den Oberbuchhalter zu Sanna Zuflucht nimmt.

Mikael verliert Sanna, aber die Sehnsucht bleibt. Er kommt zu neuen Pflegeeltern. "Der Alte heißt Rolf, teilt er mit. Die Tante heißt Gerda, berichtet sie. Na gut. Damit ist die Vorstellung beendet." Diesmal behält Mikael seinen Namen. Wieder eine neue Umgebung, aber sind die Erwachsenen anders? Der Arbeiter Rolf liebt seine Plattensammlung, den Alkohol und eine andere Frau als Gerda. Die wiederum liebt den Hausfrieden und bangt um ihre eigene Zukunft. Mit der Ehe ging es schon vor Mikael abwärts.

Wiederholungen mit kleinen Abweichungen. Der große Bruch kommt mit dem Sommercamp in den Ferien. Zweieinhalb Monate mit Regeln, die von allen eingehalten werden. Mit Spielen, in denen keiner Außenseiter bleibt. Mit Freundschaft, die niemand zerstört. Mikael ist verwirrt. Als der Campleiter ihm abends mit einem "Gute Nacht, Mickemann" durchs Haar streicht, flüstert er zurück: "Keine Ursache." Immer unverbindlich bleiben. Schließlich hat Gerda ihm schon eröffnet, daß die Scheidung bevorsteht. Wie es dann mit Mikael Stenberg weitergeht, weiß niemand. Hier endet das zweite Regenbogenbuch. In Schweden erhielt es den wichtigsten Jugendbuchpreis, den Heffaklumpen.

Peter Pohl:

Der Regenbogen hat nur acht Farben

Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer; 1993; 288 S., 29,80 DM

Während der Regenbogen verblaßt

Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer; 1995, beide bei Hanser Verlag, München;

352 S., 29,80 DM