Begonnen hat sie mit Kinderbüchern, Jugendbüchern und mit Hörspielen. Die Bücher wurden gedruckt, die Hörspiele gesendet. Doch als Autorin war Inge Müller kaum ein Begriff. Man kannte sie als die zweite Ehefrau von Heiner Müller, mit dem sie gemeinsam "Die Korrektur", "Der Lohndrücker" und die "Klettwitzer Berichte" geschrieben hatte. Sie notierte, was ihr die Leute erzählten, sie sprach mit ihnen, er fiktionalisierte. Ihre ersten lyrischen Versuche fallen in die frühen fünfziger Jahre.

1985 erschien ihr erster und einziger Gedichtband. "Wenn ich schon sterben muß" - so der Titel des Buches, doch Inge Müller hatte damals das Sterben schon hinter sich: eine Überdosis Tabletten und dazu noch Gas. Sie wollte auf Nummer Sicher gehen, einige Versuche waren bereits gescheitert. 1985 - knapp zwanzig Jahre nach ihrem Tod - beurteilte man ihre Gedichte neu. Wolfgang Emmerich, DDR-Literaturexperte, zählt sie neben Günter Kunert zu den wenigen bedeutenden DDR-Lyrikern vor 1960. Richard Pietraß, ebenfalls Lyriker und Herausgeber von "Wenn ich schon sterben muß", reiht sie vor die DDR-Klassiker: "Bei keinem DDR-Autor, deren Klassiker eingeschlossen, ist, was manche ungenau die Stunde Null nennen, so eindringlich Gestalt geworden wie bei ihr."

Genau diese eindringliche Gestaltung der Stunde Null brachte sie um die verdiente Anerkennung. Während andere Lyriker Ende der fünfziger und zu Beginn der sechziger Jahre vorwärts stürmten, euphorisch den Aufbau der jungen DDR vorantrieben und "Fortschriftt und Vergessen" riefen, drehte sie sich immer wieder um, sah den Krieg, die Zerstörung, den Tod und schrieb darüber - für die Ulbricht-Zeit eine maßlose Provokation. "45 war jeder ein Greis", schrieb sie. Viele ihrer Texte sind mit 1945 überschrieben: "Exekution 45", "Soldaten 45", "Trümmer 45", "Heimweg 45", "Liebe 45". Die Gedichte sind spröde. Ihre Sprache ist kunstlos, karg. Die Literaturwissenschaft spricht von einem "Verismus" ohne Metaphern. Zunächst verwendete sie noch häufig Vers- und Reimformen: "Meine Mutter wollt mich nicht haben / Sie wollte einen Sohn / Und da kam ich schon / Und mein Bruder war noch nicht begraben."

Viele ihrer frühen Gedichte erinnern an Abzählreime und Kinderverse: "Sie hatten kein Haus / Sie hatten kein Bett / Sie liebten sich draußen vorm Tor / Hinter ihnen die Stadt starb den Bombentod / Rot überm Rauch kam der Mond hervor." Die Sprache ihrer späteren Gedichte klingt automatisiert, mechanisch. Nicht zuletzt durch diese Sprache werden statt des Intellekts die Nerven anvisiert.

Am 13. März 1925 wurde sie als Inge Meyer geboren, Tochter eines schlesischen Zuwanderers und einer preußischen Offizierstochter - Genauigkeit und Ordnung sagte man der Tochter zeit ihres Lebens nach. 1942 beendete sie die Handelsschule, 1943/44 war sie Sekretärin, bis sie zum Kriegshilfsdienst eingezogen wurde. Den "Reichsarbeitsdienst" versah sie in der Steiermark als Erntehelferin. Wieder in Berlin war sie wenige Tage vor Kriegsende für drei Tage gemeinsam mit einem Hund verschüttet. Drei Gedichte mit dem Titel "Unterm Schutt" berichten von ihrem lebenslänglichen Trauma: "Unterm Schutt III / Als ich Wasser holte fiel ein Haus auf mich / Wir haben das Haus getragen / Der vergessene Hund und ich / Fragt mich nicht wie / Ich erinnere mich nicht / Fragt den Hund wie."

Kurze Zeit darauf holte sie die Leichen ihrer Eltern aus den Trümmern. Als sie eine Karre holte, um die Eltern zu einem Massengrab zu bringen, schnitt jemand in der Zwischenzeit der toten Mutter den Ringfinger ab. An dem Finger hatte noch der Ehering gesteckt. Nach dem Krieg arbeitete Inge Meyer bei Siemens. Sie heiratete einen Schulfreund namens Lohse. 1946 bekam sie einen Sohn. Kurze Zeit darauf trennte sie sich von ihrem Mann, um wenig später den nächsten zu heiraten. Es war der Verwaltungsdirektor Schwenkner des Zirkus Busch. Mit ihm zog sie nach Lehnitz, nordwestlich von Berlin, in jene Siedlung, die von Insassen des Konzentrationslagers Sachsenhausen für das Wachpersonal gebaut worden war und die man nach dem Krieg den Repräsentanten und Funktionären des neuen Staates zur Verfügung stellte. Friedrich Wolf lebte dort sowie seine Frau, mit der Inge Schwenkner sich anfreundete. 1953 lernte sie im Schriftstellerverband Heiner Müller kennen.

"Der eigentliche Anfang unserer Beziehung war, daß wir in eine Kneipe in der Zetkinstraße gingen, sie hatte eine grüne, gestreifte Bluse an, der oberste Knopf dieser schönen, teuren Bluse war auf, sie erzählte von zu Hause, und ich erfuhr, daß sie zu den oberen Zehntausend gehörte, und ich weiß noch diesen Moment, als meine proletarische Gier auf die Oberschicht sich regte", erinnert sich Heiner Müller in seiner Autobiographie "Krieg ohne Schlacht". Ein Jahr später heirateten sie, er zog nach Lehnitz, wohnte mit ihr und ihrem Exmann Schwenkner unter einem Dach. Es begann eine intensive Zusammenarbeit, sie schrieben gemeinsam an ihren Stücken. Daß Inge Müller Coautorin war, hat Heiner Müller allerdings später in seiner Autobiographie bestritten. Bei "Die Korrektur" hätte er sie nicht als Mitautorin nennen sollen, "denn es entsprach nicht den Tatsachen". Auch bei seinem ersten großen Stück, "Der Lohndrücker", erschien Inge Müller als Mitautorin, aber auch hier behauptet er: "Geschrieben habe ich es allein . . ." 1959 verlieh die Akademie der Künste ihr und Heiner Müller den Heinrich-Mann-Preis. Im selben Jahr noch zogen sie nach Berlin-Pankow. Dort begann die finanzielle Not: Sie wurden öfter gepfändet, weil das Geld für die Miete fehlte. Es war auch der Anfang von Inge Müllers Isolation, von ihren ersten Schüben von Traurigkeit, die in Depressionen übergingen. Alkohol spielte eine zunehmend größere Rolle. Es folgten mehrere Selbstmordversuche. Die meisten Gedichte entstanden in dieser Pankower Zeit neben Heiner Müller.