Moskau

Michail Gorbatschow hat viele Enttäuschungen und Selbsttäuschungen erlebt. Doch bitterer als in diesem Monat konnte er kaum daran erinnert werden, daß selbst einer, der die Veränderung der Welt bewirkte, der Vergänglichkeit des Ruhms unterliegt. Im März vor zehn Jahren hatte der Mittfünfziger die Gerontokraten aus dem Kreml vertrieben und den fassungslosen Westen eingeladen, den Kalten Krieg zu beenden, um die Sowjetunion zu modernisieren. Am 1. März dieses Jahres, einen Tag vor Gorbatschows 64. Geburtstag, fiel der 38jährige Journalist und Fernsehdirektor Wladislaw Listjew dem kriminellen Krieg zum Opfer, der die Perestrojka zur Ruinenlandschaft macht.

Listjew, via Bildschirm beliebtester Gast in Millionen Familien, war eine Art letztes Medium der ersten Botschaft Gorbatschows, daß nur Öffentlichkeit Rußland zu verändern vermöge. Der milde Aufklärer, nie aggressive Talkmaster und geschäftig umbauende Manager verkörperte, was Gorbatschow nach seinem Amtsantritt der Bevölkerung verheißen hatte: den unternehmerischen Bürger, dem - befreit von den Systemfesseln - alles zu Gold werden sollte, was er anfaßte. Listjew, der sozial engagierte Entertainer und En-trepreneur, demonstrierte auf allen Kanälen, wie durch Arbeit und Innovation nicht nur das Mehrprodukt, sondern auch der Selbstwert menschlicher Existenz anzuheben war.

Mit ihm ist Gorbatschows nie endender Traum, der die neuen Russen schließlich doch alle Türen öffnen sah, zu Grabe getragen worden. Noch einmal gingen mehr als 100 000 Menschen - viele mit selbstverfaßten Abschiedsversen - für den ermordeten Nachfahren der versunkenen Reformen auf die Straße.

Listjews Karriere umspannte in steilem Bogen alle Stationen des zehnjährigen Wandels vom Aufbruch bis zum Untergang. Der Journalist praktizierte Glasnost seit 1987 mit dem damals durch Form und Fakten atemberaubenden Politmagazin Blick, dem auch Gorbatschow wiederholt mit Zensur drohte. Der Manager betrieb die Perestrojka des grauen Staatsfernsehens mit Unterhaltungsshows, die aus dem Westen importiert, aber für den russischen Bürger doch welterweiternd konzipiert waren. Der Programmchef profitierte von der Kommerzialisierung ohne rechtliche Schranken, als er mitmischte im Millionengeschäft der Fernsehwerbung, die er am Ende ganz vom Schirm verbannen wollte. Der Direktor des neugeordneten Öffentlichen Russischen Fernsehens (ORT) schließlich fiel der Kriminalisierung ohne Grenzen zum Opfer, die sogar den gezielten Mord an einem der letzten Hoffnungs- und Glücksbringer der Bevölkerung zuließ.

Russische und westliche Medien rätseln: Verübten die bestellten Killer einen Racheakt für gekündigte Werbeverträge? Paßte der Mord nicht auch genau ins Konzept der Hintermänner in Kreml und "Kraftministerien", die den physisch und psychisch verfallenden Jelzin schneller zum Polizeistaat treiben wollen, um ihr eigenes politisches Überleben durch eine Diktatur abzusichern? Mafia-Kreise verweisen auf politische Motive, staatliche Instanzen beschuldigen pauschal die Geschäftswelt.

Die weiterführende Frage lautet, wie es dazu kommen konnte, daß Rußland zehn Jahre nach Gorbatschows großem Aufbruch ein Stadium erreicht hat, das Georg Jellinek einst in seiner "Allgemeinen Staatslehre" als Menetekel beschrieb: "Despotien ohne Gesetz und Richter sind vorstellbar, der verwaltungslose Staat wäre Anarchie."

Es ist ja nicht die durch Italien und den Fall Andreotti gerade wieder vor Augen geführte und Westeuropa längst vertraute Vermischung von Politik, Korruption und politischem Verbrechen, von Macht und Mafia, die das eigentliche Entsetzen über Rußland verursacht. Es ist die viel schlimmere Befürchtung, daß der russische Staat aufhört, die Gesellschaft zu einem organischen Ganzen zu verbinden. Das von Autokratie und Kommunismus tradierte Machtprinzip ist zerstört. Eine Rechtsordnung, die an seine Stelle treten könnte, hat Rußland nicht hervorgebracht.

Der Staat fällt auseinander wie Perlen, wenn die Schnur zerreißt, so hat es der Politologe Abdusalam Gussejnow jüngst plastisch formuliert. In der Tat: Ohne die Ideologie, die eine überdimensionale Zukunft als Gegenwartskoordinate verhieß (auch wenn dies Illusionstheater war), ohne die Kommandowirtschaft, die koordinierte Ziele vorgab (auch wenn sie nie erreicht wurden), ohne Parteikomitees, die der Hochbürokratie eine Hierarchie gaben (auch wenn die Verwaltung ineffektiv war) - ohne dieses sowjetische Bezugssystem hat die Gesellschaft jeden organisatorischen Zusammenhalt verloren.

Wenn schon bei der industriellen Kapitalbildung im Westen, wie Karl Marx einst konstatierte, "Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt die große Rolle" spielten - dann mußte der russische Staat bei seiner "Privatisierung" ohne abfedernde Rechtskultur allerdings zur Beute nackter Gewalt werden. Der profitorientierte Terror, der den Totalitarismus ablöste, hat ein solches Ausmaß angenommen, daß die vielzitierte ursprüngliche Akkumulation des Kapitals in Rußland keine produktive Wirkung entfalten kann.

Investitionen in Industrie und Infrastruktur sind auf ein Minimum gesunken. Statt zu Gorbatschows Modernisierung vorzustoßen, fällt das Land hinter jene Errungenschaften zurück, die in Westeuropa im 19. Jahrhundert für den säkularen Rückgang der Sterblichkeit gesorgt hatten: von der verbesserten Vitamin- und Wasserversorgung über die Wohnverhältnisse bis zur Wissenschaft. Und Jelzins Kremlgarde ergänzt den kriminellen Terror, dem sie jetzt wieder einmal scheinheilig den Kampf angesagt hat, durch staatlichen Bomben- und Kriegsterror, der Tod und Flüchtlingsströme bringt, mittelalterliche Epidemien heraufbeschwört und eine weitere Generation entwurzelter Kriegsheimkehrer schafft, für die Töten und Gewalt alltäglich werden.

Konnte Gorbatschows umwälzender Versuch, die Einparteiherrschaft durch Pluralisierung und das Plansystem durch Dezentralisierung zurückzudrängen, anders ausgehen? Hätte er sich besser absichern müssen, bevor er den Geist aus der Flasche ließ? Werfen Gorbatschows Blutbäder in Baku und im Baltikum, die heutigen Katastrophen in und um Rußland Schatten auf seine historischen Friedensleistungen, als er mit der halben Revolution im eigenen Land ganze Revolutionen in Osteuropa in Gang setzte - und sie bis zur Vereinigung Deutschlands 1990 beschirmte?

Ohne Zweifel hielt die russische Sozialgeschichte mahnende Lehren bereit. Der berühmte Historiker Alexander Grabowskij hatte schon im 19. Jahrhundert aus erweiterter Selbstverwaltung und dem Abbau zentraler Herrschaftsinstrumente "Machtentzweiung und Handlungsunfähigkeit" für den späten Zarismus erwachsen sehen. Der zaristische Finanzminister Witte verfaßte eine lange, hellsichtige Denkschrift darüber, daß die Idee der Selbstverwaltung der russischen Herrschaftstradition entgegenstehe und unabsehbare Gefahren berge.

Doch Gorbatschow hatte wenig Muße und kaum eine andere Wahl. Mit dem extensiven Modell der Rohstoffausbeutung und Schwerindustrie, das Stalin dem Land aufgezwungen hatte, stand Moskau nach dem Verfall der Ölpreise auf dem Weltmarkt vor dem Offenbarungseid. Der Abbau des Obrigkeitsstaates war für den neuen Mann die erste Voraussetzung für wirtschaftliche Umgestaltung. Was er mit dieser Option vollbrachte, galt zuvor als nahezu undenkbar: Für die Modernisierung zerstörte Gorbatschow das Machtmonopol der Partei binnen weniger Jahre. Wie er es bewerkstelligte, war bisweilen weniger überzeugend. So legte er den Grundstein dafür, daß die Privatisierung zur Bereicherung von KP- und KGB-Elite führte, aber der Wirtschaft keinen Aufschwung brachte: Schon 1987 lud der Generalsekretär die Parteifreunde diskret zur Gründung von Banken und Gemeinschaftsunternehmen ein.

Machtzwänge und Machtinstinkte ließen Michail Gorbatschow immer wieder die Kombination des Unvereinbaren suchen. Er hatte eine neue Generation von Reformern in Regionen und Institutionen auf die politische Bühne gerufen - aber er umgab sich selbst im Zentrum mit einer ähnlich sinistren Garde wie einst Chruschtschow und wie heute Jelzin. Chruschtschow stürzte, Gorbatschow fand aus seiner Isolierung im August-Putsch 1991 nicht zurück.

Heute verkündet er zwar: "Die Ära Gorbatschow beginnt erst." Und tapfer hat er sogar seine Präsidentschaftskandidatur angemeldet. Doch der epische Memoirenschreiber und Werbeträger für einen westlichen Computermulti ist im eigenen Land inzwischen sogar aus der allmonatlich veröffentlichten Skala der hundert einflußreichsten Persönlichkeiten gerutscht. Am Runden Tisch der Gorbatschow-Stiftung fehlten zum Rückblick auf zehn Jahre Perestrojka jetzt all ihre kompetenten Erben: Jawlinskij und Jassin, Gajdar und Popow. "Die Gorbatschowisten", bedauerte das führende Wirtschaftsblatt Kommersant, "besitzen keinerlei positives Programm für die Weiterentwicklung des Landes."

Auch Boris Jelzin hat es längst verloren. Im Gegensatz zu Gorbatschow, für den die Partei die Arena blieb, in der er seine Balanceakte betrieb, hatte Jelzin gespürt, daß er auf den Schwingen der damals aufsteigenden demokratischen Bewegung eher zur höchsten Macht gelangen konnte. Nach dem August-Putsch legte er alle Kraft in einen einzigen Schlag: Die Privatisierung sollte das ganze Land von der Parteienbürokratie befreien. Der Schlag traf das Land, aber nicht die auf Finanzgeschäfte ungestiegene Funktionärselite.

Nur für einen Moment schienen 1991 das Ende des Sowjet-Imperiums und der Start mit freien Preisen die Reform und den neuen Staat zusammenzuführen. Rußlands Modernisierung triumphierte kurzfristig über die Reichsidee, Außenminister Kosyrew posierte als Taube vom Balkan bis zum Baltikum. Doch schnell wurde wieder getrennt, was nach Ansicht der Reformgegner nicht zusammengehört. Jelzin bestätigte alsbald die Erfahrung, daß russisches Staatswesen und radikales Reformkonzept unvereinbar bleiben. Das Pendel schwang zurück vom neuen Mythos der Marktwirtschaft zur alten Großstaatsideologie. Jelzins Romanze mit den Demokraten ging zu Ende - nur der Westen glaubt noch an Versöhnung.

Mühelos ist im Kreml inzwischen die "liberal-kosmopolitische Phraseologie" (Gussejnow) durch die national-patriotische ersetzt worden. Die Bereitschaft, sich auf beliebige Gesellschaftsschichten zu stützen, erscheint unbegrenzt. Die Entschlossenheit, jede Krise alleine zum eigenen Machtausbau zu nutzen (wie jetzt die Ermordung Listjews zur Abrechnung mit der Moskauer Stadtregierung), wirkt beklemmend. All das macht deutlich, daß die jetzige Kremlgarde die Perestrojka nur noch als Opferstock für westliche Kredite betrachtet.

Unbeeindruckt aber von der neuen Einschüchterung, mit der Jelzins Bewacher seine Führungsschwäche decken und nutzen, bahnen sich Regionen und Geschäftspartner ihre eigenen verschlungenen Pfade. Aus dem Verfall wachsen auch Vielfalt und Eigenständigkeit. Was das für die Zukunft des Staates bedeutet, ist noch unvorhersehbar.