Dostojewskij ist kein Klassiker. Dazu fehlt ihm alles Monolithische. Als Dichter der Kontroverse, der Krise, des Widerspruchs ist ihm die Frage wichtiger als das Programm, die Suche wichtiger als die Wahrheit, die Ungesichertheit wichtiger als Norm und Ordnung. Seine Figuren, ruhelose "Erniedrigte und Beleidigte", Spieler und Gottesnarren, Mörder und Huren, Revolutionäre und grandiose Zweifler, verlieren sich in Exzessen, aus denen weder Glaube, Geld noch Utopie herausführen. Vor allem künstlerisch hat es Dostojewskij darauf angelegt, durch seine Vielstimmigkeit (Bachtin sagte "Polyphonie") auktoriale oder ideelle Eindeutigkeit zu vermeiden. Das macht ihn modern und aktuell.

Dostojewskijs Rezeption reicht, hysterisch wie einige seiner Helden, von heftigster Ablehnung bis zu hymnischer Verherrlichung. Jede Epoche, jede Nation hat sich seiner "bedient", wobei die Deutschen eine besondere Affinität zum "Propheten der Krise" zu haben scheinen. Seit Nietzsche ("Dostojewskij gehört zu den schönsten Glücksfällen meines Lebens"), vor allem aber während des Ersten Weltkriegs und bis in die späten zwanziger Jahre, herrschte in Deutschland ein Dostojewskij-Boom, mit zahlreichen Übersetzungen (Gesamtausgaben bei Piper und Insel), mit Aufsätzen und Monographien von Hermann Hesse, Stefan Zweig, Thomas Mann, Julius Meier-Graefe und vielen andren. Obwohl heute noch unbedingt lesenswert, konzentrieren sich die Studien jener Zeit auf inhaltlich-weltanschauliche Fragen. Ästhetische Werkanalysen sind kaum zu finden. Dasselbe gilt, unter andern Vorzeichen (und mit der Ausnahme eines Michail Bachtin), auch für Sowjetrußland. Dostojewskij ist ein ideologisches Thema und aus ideologischen Gründen teilweise tabu. Man schätzt das Frühwerk des Sozialrevolutionärs, der als Mitglied des Petraschewskij- Kreises 1849 zum Tode verurteilt und schließlich, begnadigt, in die sibirische Katorga verschickt wurde; man lehnt das Spätwerk des "Reaktionärs" ab, allen voran seine publizistischen Werke aus dem "Tagebuch eines Schriftstellers". Sowjetische Dostojewskij-Ausgaben waren bis in die späten sechziger Jahre zensiert und unvollständig. Der Umschwung erfolgte mit der dreißigbändigen kritischen Akademie-Ausgabe (Leningrad 1972 bis 1990), die - unter Mitarbeit westlicher Forscher - ein editorisches Glanzstück darstellt. Im Zuge dieser Ausgabe gedieh eine komplexe, vermehrt auf poetische Probleme ausgerichtete Sekundärliteratur und zum Beispiel in der DDR, die Dostojewskij nach russischem Vorbild "rehabilitieren" durfte, die Arbeit an einer neuen Dostojewskij-Übersetzung.

Womit wir beim Thema, der Übersetzung, wären. Wenn zutrifft, daß Klassiker immer neu übersetzt werden müssen, dann gilt das für Dostojewskij in besonderem Maße. Sein Werk ist auf vielfältige Interpretierbarkeit geradezu angelegt und fordert dauernd zum Dialog heraus. Als Gebot der Stunde erscheint es (mit Bachtins Theorie im Kopf), Dostojewskij als Künstler ganz und gar ernst zu nehmen. Das meint Respekt vor seinem (zu Unrecht als nachlässig verschrieenen) Stil, vor Wortwiederholungen ebenso wie vor den individuellen Sprechweisen der Figuren und vor der Interpunktion.

Mit diesem Anspruch hat Swetlana Geier die Neuübersetzung der großen Romane Dostojewskijs in Angriff genommen. "Verbrechen und Strafe" ist bereits erschienen, "Der Idiot" folgt in diesem Jahr (beide im Ammann Verlag). Und wie die Verkaufszahlen verraten, stößt das Unternehmen beim Publikum auf großes Interesse. Zu Recht.

Wie aber steht es um die dreizehnbändige Edition des Aufbau-Verlags, die vom Verlag als Jahrhundertausgabe angepriesen wird und sich nun ebenfalls in blaurotem Gewand präsentiert? Wir erinnern uns an manche Bände aus DDR-Zeiten, da waren sie noch silbergrau und schwarz: "Der Doppelgänger. Frühe Prosa I" 1980, "Weiße Nächte. Frühe Prosa II" 1981, "Die Brüder Karamasow" 1981, "Onkelchens Traum. Das Gut Stepantschikowo" 1982, "Aufzeichnungen aus einem Totenhaus" 1983, "Die Dämonen" 1985, "Der Idiot" 1986. Mittlerweile ist die Ausgabe, begonnen im Zeichen einer seriösen Dostojewskij-Rezeption in der DDR und auf der russischen Akademie-Ausgabe fußend, auf dreizehn Bände angewachsen, drei Bände, unter anderem "Schuld und Sühne", wurden jetzt neu übersetzt. Die Ausgabe enthält das gesamte belletristische Werk, jedoch keine Publizistik und keine Briefe. Daß viele Übersetzer beteiligt waren - namentlich Margit Bräuer, Werner Creutziger, Günter Dalitz, Hartmut Herboth, Wilhelm Plackmeyer, Dieter Pommerenke und Georg Schwarz -, sorgt für ein insgesamt hohes übersetzerisches Niveau, läßt aber einen durchgehenden Ton vermissen. Einen solchen hat, trotz mancher Ungenauigkeiten und Eigenmächtigkeiten, E. K. Rahsin, die legendäre Übersetzerin der Gesamtausgabe bei Piper, von Buch zu Buch gehalten. Nivelliert ist hier nichts, die Sogwirkung eines fiebrigen Erzählkosmos allzeit präsent.

In den besten Übersetzungen der Aufbau-Ausgabe gelingt die Synthese von Präsizion und Vision. So hat Georg Schwarz den gogolesken Tonfall des frühen Kurzromans "Der Doppelgänger" glänzend getroffen. Die halluzinatorische Welt des kleinen Petersburger Beamten Goljadkin schillert ironisch-frenetisch, vor der Schwarzweißkulisse der Großstadt spielt sich ein groteskes Seelendrama ab. Nehmen wir eine Schlüsselstelle am Ende des siebten Kapitels: Goljadkin beobachtet seinen schlafenden Doppelgänger, den er, arglos und besäuselt, bei sich aufgenommen hat; ihm schwant nichts Gutes. Bei E. K. Rahsin liest sich der Passus so:

"Nun aber überkam ihn ein ganz sonderbares Gefühl, ähnlich wie Zweifel und Bedauern. ,Bist zu weit gegangen`, dachte er, ,jetzt brummt mir der Kopf und ich bin betrunken . . . und konntest nicht an dich halten, du Dummkopf, und hast drei Körbe voll Blech geredet, und dabei willst du noch feine Intrigen spinnen, du Esel! Freilich, Großmut und Vergeben ist eine Tugend, doch immerhin: es steht schlimm mit dir! Da liegt er nun!` Und Herr Goljadkin stand auf, nahm das Licht in die Hand und ging auf den Fußspitzen noch einmal an das Bett, um seinen schlafenden Gast zu betrachten. Lange stand er da, in tiefes Nachdenken versunken: ,Ein unangenehmes Bild! Geradezu ein Pasquill! Ein leibhaftiges Pasquill! Das steht nun mal fest!`"

Georg Schwarz gibt die russische Redewendung "drei Körbe Unsinn reden" (bei Rahsin "drei Körbe voll Blech") durch eine deutsche Entsprechung wieder ("einen Haufen Unsinn verzapfen"), ersetzt "Pasquill" durch "schmählich" und schwächt den kolloquial-vulgären Wortschatz nicht ab. Im umgangssprachlichen Bereich geht er gelegentlich einen Schritt weiter als Dostojewskij; aus "betrunken" wird bei ihm "einen in der Krone haben":

"Hier machte sich bei Goljadkin ein ziemlich sonderbares Gefühl bemerkbar, das an Zweifel und Reue erinnerte. Bin ganz schön in Fahrt gekommen, dachte er, und jetzt rumort es in meinem Kopf, und ich hab einen in der Krone; hast dich nicht beherrschen können, Dummkopf, verdammter! Hast einen Haufen Unsinn verzapft, wolltest dabei auch noch besonders schlau sein, du Halunke! Gewiß, das Vergeben und Vergessen ist eine ganz große Tugend, und dennoch war alles Unfug! Da hast du`s! Hier erhob sich Herr Goljadkin vom Bett, ergriff die Kerze und schlich auf Zehenspitzen zu seinem schlafenden Gast, um nochmals einen Blick auf ihn zu werfen. Er beugte sich über ihn und stand lange, in tiefes Nachdenken versunken. Ein unangenehmer Anblick! Schmählich, geradezu schmählich, und damit fertig!"

Schwarz` Übersetzung hat Tempo und Temperament, das richtige Timbre und Phantasie im Detail. Man kann sich den Kopf darüber zerbrechen, wie die russische Redensart "podnesti koku s sokom" zu übersetzen sei. E.K. Rahsin macht daraus "ein Bonbon mit Füllung verabreichen". Georg Schwarz hat eine kecke und wie im Original assonierende Lösung gefunden: "einen Kniff mit Pfiff beibringen". Auf Kniffe mit Pfiff versteht er sich, das sei ihm lobend bescheinigt.

In Margit und Rolf Bräuers neuer "Schuld und Sühne"-Übersetzung bleibt die so wichtige Figurencharakterisierung durch die Sprache weitgehend auf der Strecke. Was Swetlana Geier - bis auf einige wenige, leicht outriert wirkende Stellen - überzeugend gelingt, wird hier nur ansatzweise erprobt. Völlig glatt und fehlerfrei redet die deutsche Bordellbesitzerin Luisa Iwanowna, während sie bei Dostojewskij mit einem Akzent, "als würden Erbsen ausgeschüttet", radebricht. Und jener seltsame Dialog des Bösewichts Swidrigajlow mit dem kleinen jüdischen Feuerwehrmann, den er zum verdutzten Zeugen seines Selbstmords macht, verliert hier wesentlich an lächerlichmakabrem Zauber, da der Jude - anders als im Original - völlig korrekt und akzentfrei redet. - Sprachliche Figurencharakterisierung dient Dostojewskij nicht nur zu realistischen Zwecken, sondern auch zur karikierenden Überzeichnung. Als Stilmittel der "Polyphonie" - sind Dostojewskijs Werke nicht ein einziges Stimmentheater? - will sie unbedingt ernst genommen werden.

Ansonsten gibt es an der Aufbau-Ausgabe wenig zu kritteln. (Die diffizile Frage nach dem richtigen, nach dem konsequent durchgehaltenen Ton einmal beiseite gelassen.) Stichproben hier und dort, quer durch die einzelnen Bände, zeigen philologische Zuverlässigkeit und große Sorgfalt in der Wortwahl. Zur correctness der Ausgabe gehört auch der Anhang: Kommentarteil und Entstehungsgeschichte des jeweiligen Werkes. Michael Wegner hat die Informationen gewissenhaft zusammengetragen und sachlich referiert. Fragen der Interpretation, ebenso heikel wie reizvoll, sind sein Anliegen nicht. Diesbezüglich bieten die Nachworte der revidierten Piper- und der Winkler-Ausgabe (in Lizenz bei dtv) mehr.

Letzten Endes aber brauchen wir - jenseits von Erklärungen und Verführungen - nur den Text. Ist Dostojewskij nicht immer aktuell, ja superlativisch aktueller denn je? Heinrich Böll hat ihn den "ersten Autor der Großstadt" und einen "Theologen des Geldes" genannt, begabt mit einer "ungeheuer präzise arbeitenden kriminellen Phantasie und Zerstörungskraft". Manès Sperber sah in ihm einen Dichter der Extreme, der Unfertigkeit und der Phantasmagorie. Im Unterschied zu seelischen Prozessen sei das sinnlich Wahrnehmbare bei ihm "ohne Plastizität und verschwommen" (Marina Zwetajewa bemerkte einmal richtig: "ohne Farben"), der Körper "immer bekleidet oder nur melodramatisch nackt" und "keine Aussage über den Helden endgültig". Dostojewskij, so Sperber, "hat den unfertigen, doch komplexen Menschen in die erzählende Literatur und indirekt in die moderne Psychologie gebracht". Und Hans Erich Nossack ergänzt mit Camus: den Menschen "in der metaphysischen Revolte".

So nachzulesen in dem Bändchen "Wir und Dostojewskij" von 1972, in dem vier Autoren auf einen (von Manès Sperber ausgearbeiteten) Fragebogen zum Thema "Dostojewskij - heute" antworteten, unter ihnen auch Siegfried Lenz und André Malraux. Wäre das Fragespiel - mit neuer Besetzung - nicht wiederholenswert? Und was käme dabei heraus?

Frage I, 1: "Wann haben Sie zum ersten Mal den Namen Dostojewskijs gehört? Wann zum ersten Mal ein Buch von ihm in Händen gehabt? Welches?" Frage IV, 6: "Raskolnikow, Myschkin, Dolgorukij, Stawrogin, Iwan und Aljoscha Karamasow - wie, was wäre jeder von ihnen heute? - Diese törichte Frage zielt auf die Behauptung ab, daß es einen jeden von ihnen heute gibt, daß er unter uns weilt, jedoch völlig andere Ausdrucksformen und Erscheinungsformen - im Leben und in der Literatur - angenommen hat. Welche?"

Zu richten an Wolfgang Hilbig, Hans Christoph Buch, Thomas Hettche, Jürg Laederach, Elfriede Jelinek, Libuse Moniková und andere. Ein Vorschlag.

Vor allem aber: Dostojewskij lesen!

Fjodor Dostojewskij:

Sämtliche Romane und Erzählungen

Aus dem Russischen von Margit Bräuer,

Werner Creutziger, Günter Dalitz, Hartmut

Herboth, Wilhelm Plackmeyer, Dieter

Pommerenke, Georg Schwarz; Aufbau-Verlag,

Berlin und Weimar 1994; 13 Bände in Kassette (auch einzeln lieferbar); zusammen

2590 S., 498,- DM; ab 1.4.1995 580,- DM