Der Tatort, die Côte d`Azur, wo am Himmel die Sonne lacht, in der Politik jedoch ein bräunlich-rechtes Lüftchen weht. Hier wohnt manch einer, der seine Schatullen nicht auf die feine Weise gefüllt hat. Viele im örtlichen Wirtschafts- und Polit-Establishment haben allergrößtes Interesse daran, den Fall Omar möglichst elegant und schnell über die Bühne zu bringen.

Der Anwalt der Trauerfamilie, Maitre Henri Leclerc, hat zeitlebens "linke Fälle" vertreten. Als Vizepräsident prägt er die französische Menschenrechtsliga. Wer, wenn nicht Maitre Leclerc, bot Gewähr, daß keiner behaupten konnte, hier finde ein rassistischer Prozeß statt. Bloß: Wieso hat der Anwalt der kleinen Leute die Vertretung der großbürgerlichen Familie von Ghislaine Marchal übernommen? Und warum hat er deren Wunsch akzeptiert, auf jeden Fall die Ehre der Toten und der Überlebenden unangetastet zu lassen?

Der Verteidiger Omars schließlich, Maitre Jacques Vergès, ist Frankreichs schillerndster Anwalt. Genial nennen ihn seine Bewunderer, diabolisch schimpfen ihn seine Feinde. Deren gibt es viele. Immerhin verteidigte Vergès 1987 den Lyoner Gestapochef Klaus Barbie und heute den Terroristen Carlos. Der brillante Darsteller verpaßt keine Gelegenheit, einen gewöhnlichen Prozeß zur Anklage gegen Frankreich umzumünzen. So offenkundig war diesmal seine Absicht, daß sich Beobachter des Verdachts nicht erwehren konnten, Vergès gehe es weniger um das Schicksal Omars. Sein Schlußplädoyer fiel lau aus. Entsprach etwa das Urteil just Vergès` Plan, den Prozeß als Skandal erscheinen zu lassen? "Hätte", so der wortgewaltige Anwalt, "Omar Raddad beispielsweise Olivier Dupont geheißen, sähe alles ganz anders aus." Vergès spricht von einem "rassistischen Urteil" und hat auch einen deftigen Vergleich zur Hand: "Vor hundert Jahren hat Frankreich einen Hauptmann verurteilt, weil er Jude war . . ." Der Fall Omar als neue Affäre Dreyfus?

Auch zur Feder griff der Maitre flink: Sein Buch (Titel: "Omar m`a tuer - Geschichte eines Verbrechens") fand seinen Weg in die Bestsellerliste. Wichtiger und spannender ist hingegen das fast zeitgleich erschienene und ebenso gut verkaufte zweite Werk, das dem Fall gewidmet ist. Jean-Marie Rouart, der geachtete Literaturchef des Figaro, ist der Autor; "Omar - ein Schuldiger wird konstruiert" lautet der Titel. Wichtiger ist es, weil Rouart unvoreingenommen berichtet, spannender, weil er schildert und fragt, statt zu polemisieren.

Aufschlußreich war die Reaktion im Land auf die beiden Bücher: Sie wurden gelesen, sie wurden besprochen. Aber die politische Klasse zögerte, auf sie einzugehen, beizupflichten oder wenigstens zu widersprechen. Die Sache scheint peinlich zu sein, anrüchig, kein Ruhmesblatt für die Erben der Revolution.

In einem Punkt stimmten die beiden Buchautoren überein: Omars Fall muß neu aufgerollt werden. Ob nun wegen eines skandalösen Fehlurteils (Vergès) oder aus völligem Mangel an Beweisen (Rouart) - der Marokkaner soll nicht achtzehn Jahre sitzen müssen. Im vergangenen Sommer konnte Maitre Vergès überdies eine neue Entlastungszeugin präsentieren, eine neuseeländische Anwohnerin. Sie hat am Tag des Mordes und danach allerhand Seltsames beobachtet: einen geparkten Lieferwagen vor dem Haus des Opfers, der plötzlich verschwand. Eine blutbeschmierte Tüte mit einem metallenen Gegenstand, der sehr wohl die Tatwaffe sein könnte . . . Warum bloß hat sie sich nicht früher gemeldet? Sie hat! Allein, die Polizei schien überhaupt nicht interessiert. Gründe gibt es somit reichlich, damit sich jetzt die Berufungsinstanz des Falls annimmt.

Wird nun der "ideale Schuldige" doch noch für unschuldig erklärt - so sehr das die Ruhe in Mougins stört? Also doch noch Aufsehen, doch noch ein Skandal? Ermutigend ist immerhin, daß laut einer Umfrage 64 Prozent der Franzosen die Wiederaufnahme des Verfahrens begrüßen: Gerechtigkeit für Omar - und koste es ein paar einflußreiche Leute schlaflose Nächte.