WILFLINGEN. - Noch nicht Donautal und nicht mehr Schwäbische Alb, hundert Häuser hingewürfelt in eine Ebene. Viel Wald drumherum, der größtenteils den "von Stauffenbergs" gehört, "dem Baron" eben, wie man den Franz im Dorf nennt. Das Schloß, das Forsthaus, die Kirche, alles gehört dem Baron. Auch der kleine Park mit den Rosenrabatten am Dorfrand gehört ihm. Darum wiegt sein Wort viel in Wilflingen. Wieviel es wiegt, zeigt die Antwort, die Pfarrer Roland Niebel auf die Frage gibt, ob er etwas zu Herrn Jünger zu erzählen habe, und wenn schon das nicht, so doch wenigstens über die Geschichte des Dorfes. "Nein", sagt der Pfarrer, zu Jünger und auch sonst sage er nichts. "Es wird heutzutage zuviel mißverstanden oder falsch kolportiert." Vor kurzem hätte schon wieder etwas gegen Jünger in der Zeitung gestanden. "Darum sage ich nichts - oder nur in Anwesenheit des Barons."

Man muß den Pfarrer verstehen. Daß Worte in Wilflingen eine ganz andere Bedeutung haben, seit der Schriftsteller Ernst Jünger vor 45 Jahren ins alte Forsthaus einzog, hat man hier begriffen.

Ganz ausgebuffte Gegner Jüngers haben nämlich schon harmlose Äußerungen einfachster Dorfbewohner als Indiz für die Ewiggestrigkeit des berühmtesten Wilflingers gewertet. Deshalb weiß auch die Wirtin vom "Löwen", daß man vorsichtig sein muß, wenn man von Fremden etwas gefragt wird, und darum sagt sie: "Nix. I sag nix, ond die andere saget au nix." Das kollektive Schweigen der 360 Wilflinger ist nicht zuletzt die beleidigte Reaktion auf einen Artikel in der Illustrierten Tempo vom vergangenen Jahr. Darin war Wilflingen ein "schwäbisches Kuhdorf" genannt und seine Bewohner als "rotgesichtige Keltenköpfe" beschrieben worden.

Mit dem Artikel in der Hand zogen die Wilflinger empört zu ihrem alten Landrat Wilfried Steuer. Steuer und Jünger sind Herzensfreunde. Der inzwischen aus der Politik in die Wirtschaft gewechselte Steuer riet den Wilflingern, Journalisten gegenüber nichts mehr zu sagen. Freund Steuer stammt aus dem Nachbardorf, und welche Eigenschaften er an den Wilflingern besonders schätzt, hat er vor ein paar Jahren so formuliert: "Treue, Fleiß, Bescheidenheit, Sparsamkeit, Gottvertrauen, Heimat- und Vaterlandsliebe."

Man kann sich nun vorstellen, wie der Baron auf das Ansinnen regiert, einen Schnack mit ihm halten zu wollen über Wilflingen, die Stauffenbergs, Jünger und die Welt. Da sich die Antwort von allein ergibt, wenden wir uns dem Stammtisch im schon erwähnten "Löwen" zu. Seit 1556 trifft sich hier unter dem Kreuzgewölbe, wer nicht nach Hause will. Joseph zum Beispiel. Er kommt immer freitags abends und wechselt dann nach ein paar Gläsern Bier hinüber zum anderen Stammtisch im "Rössle", den beiden einzigen öffentlichen Orten in Wilflingen. Vorher klopft er noch auf den Tisch und wiederholt, ehe er geht: "Tausend Prozent." So sicher ist sich Joseph, daß Frankreichs Staatspräsident Mitterrand zum hundertsten Geburtstag nach Wilflingen kommen wird, schließlich war er wegen nichtigerer Anlässe schon mehrfach da. Am Stammtisch war darüber ein Streit entbrannt: "Nur wenn er noch kann", sagt Franz. "Der kann noch", sagt Wilhelm. "Tausend Prozent", sagt Joseph.

Keinen Laden, keinen Kiosk, keine Tankstelle gibt es hier, und die fünf Straßen und noch einmal so viele Nebenwege sind meist menschenleer. Die Häuser frisch gestrichen, die Höfe aufgeräumt. Samstags, wenn in Oberschwaben die Bürgersteige gefegt werden, sieht man bisweilen auch Einwohner. Mißtrauisch schauen sie drein, seit so viele Fremde suchend durch den Ort laufen. Vor der Stauffenbergstraße 11 bleiben die Schaulustigen einen Moment lang stehen. Ein ockergelbes, schönes Haus. Keine Gardine rührt sich, kein Rauch steigt aus dem Kamin. "Die sind oft verreist", sagt die Nachbarin und weiß noch, daß Frau Jünger ihren Mann in diesem Jahr dazu überredet hat, am Geburtstag endlich einmal in Wilflingen zu bleiben.

Dann können die Vereine dem Ehrenbürger sogar pünktlich gratulieren. In der Vergangenheit mußten die runden Geburtstage immer im Schützenhaus nachgefeiert werden. Das Zeremoniell steht fest: Ansprachen des Ortsvorstehers und der Vereinsvorstände, Auftritt des Musikvereins und abschließender Theaterschwank auf schwäbisch. Ob Jünger diesen rauhen Dialekt der Südalb versteht, weiß in Wilflingen niemand so genau. "Gelacht hat er jedenfalls beim letzten Mal", sagt Ortsvorsteher Werner Späth. Späth hat den Eindruck, "daß Jünger sich hier wohl fühlt". Zumindest im Wilflinger Wald. Dorthin sah man den alten Mann täglich laufen, ehe er im Sommer 1993 auf der Suche nach Insekten von einer Zecke gebissen wurde. Ortsvorsteher Späth benennt das distanzierte Verhältnis zwischen Einheimischen und dem prominenten Nachbarn diplomatisch so: "Er läßt uns in Ruhe und wir ihn."