Buber und Rosenzweig haben uns grundlegende Erkenntnisse darüber geliefert, wie wir dem anderen Menschen gegenübertreten können, ohne ihm sein Anderssein zu bestreiten und ohne unsere eigene Substanz zu gefährden. Erkenntnis, so lehren sie uns, ist nur im Austausch zwischen Verschiedenem möglich. Erst in diesem Austausch, im Dialog, erblüht das eigene Leben. Buber sucht kein Konvertieren des anderen, wovon das eigene Ich nichts gewönne, sondern ein Konversieren ohne Dominanz. Des einen Wahrheit ist nicht des anderen Unwahrheit. Mit ihrem Verständnis des Dialogs haben Buber und Rosenzweig zur christlich-jüdischen Zusammenarbeit maßgebliche Zeichen gesetzt.

Von solcher Ökumene zur praktischen Politik und Humanität in unserer Gesellschaft ist es ein weiter Weg. Das ist mir wohl bewußt. Aber wir sollten den inneren Zusammenhang nicht übersehen. Auch sollten wir die große Verantwortung und den konkreten Einfluß niemals unterschätzen, die jeder und jede von uns als Juden und als Christen und die wir gemeinsam auf das Zusammenleben bei uns in Deutschland haben können. Damit wir es besser lernen, Angst und Aggressivität beim Zusammenleben mit dem Fremden zu überwinden, ist schon unendlich viel gewonnen, wenn nur jeder von uns den gerade ihm möglichen Beitrag auch wirklich leistet - nicht so sehr durch einmalige Großtaten, sondern im ganz gewöhnlichen Alltag.

In seinen Erzählungen der Chassidim gibt Martin Buber die einfachen und wunderbaren Worte des Rabbi Sussja wieder: "In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: Warum bist Du nicht Mose gewesen? Man wird mich fragen: Warum bist Du nicht Sussja gewesen?" Also: Dank an Rosenzweig und Buber.

Auszug aus einer Rede, die der ehemalige Bundespräsident

Richard von Weizsäcker zur

"Woche der Brüderlichkeit"

in Oldenburg hielt.