Noch siebzig Tage bis Pillau, aber das wußte an jenem 16. Januar 1945 keiner von uns. Wir, das waren zwölf Soldaten, vom Oberleutnant bis zum Kanonier, im Forsthaus, das ein Gefechtsstand geworden war, der Gefechtsstand der Batterie. Zehn Tage vor Weihnachten hatten wir es bezogen, ein leerstehendes Haus, der Förster und seine Familie hatten es verlassen. Vom Waldrand bis zur früheren deutsch-polnischen Grenze war es ein Steinwurf weit. Dahinter begann der Suwalkizipfel, seit 1939 Sudauen genannt und Teil des Großdeutschen Reiches.

Jenseits der alten Grenze war das Land eben und baumlos. Bei wolkenlosem Himmel war in der Ferne eine Hügelkette zu sehen. Die Frontlinie verlief etwa in der Mitte dieser Ebene. Und wie im Ersten Weltkrieg hatten sich hier beide Seiten eingegraben: Erdbunker, Schützenlöcher, Laufgräben, alles stacheldrahtgeschützt. Hier und da lagen die Grabensysteme nur sechzig Meter auseinander. In der Nacht waren Stoß- und Spähtrupps unterwegs, Leuchtkugeln verwandelten das frosterstarrte Land in das Bild eines Surrealisten, und immer blieben Tote zurück, Deutsche und Russen.

An keiner Wand im Forsthaus hing ein Abreißkalender; daß die Welt den 16. Januar schrieb, bestätigte uns das Funkgerät, mit dem die im Dreistundentakt übermittelten Wetterdaten aufgenommen wurden: Temperatur, Windgeschwindigkeit und -richtung, Luftfeuchtigkeit und so weiter, alles Daten, die für Artilleristen wichtig sind, wenn die aus den Geschützen abgefeuerten Granaten das Ziel erreichen sollen. In diesem Wetterbericht gab es keinen Hinweis auf ein Gewitter. Doch als die Nacht zur Dämmerung geworden war, grollte es im Norden. Ein dumpfes Rollen, ein Jahrhundertgewitter. Über Stunden.

Für uns gab es weder einen Befehl noch eine Nachricht. Das Grollen im Norden währte zwei Tage. Auch ohne daß man uns informierte, wußten wir, daß dort oben die Rote Armee vor zwei Tagen zur Offensive angetreten war. Das Ziel der Russen, die ihre Kräfte in Litauen formiert hatten, war zunächst Insterburg. Keiner von uns zweifelte daran; wir waren kriegserfahren. Als der Donner verstummte, wurde uns befohlen, die Stellung nachts und lautlos zu räumen. Es gelang uns, obwohl die Nacht sternenklar und in der klirrenden Kälte das Rollen unserer mit Haubitzen bestückten Panzer auf dem frosterstarrten Boden meilenweit zu hören war. Kein Rotarmist setzte sich auf unsere Fährte.

Als der Morgen graute, sammelten wir uns auf dem Marktplatz von Treuburg: die Batterie, der Troß, ein Teil des Stabes, denn wir gehörten zu einer Artillerie-Abteilung, die mal aus drei Batterien, einem Stab und einem Troß bestand. Es waren die Reste, die sich hier versammelten, ein Teil der Abteilung war im sogenannten Kurlandkessel geblieben; die einzig noch intakte Batterie war die, der ich angehörte.

Der Marktplatz von Treuburg, kopfsteingepflastert, von nicht sehr aufwendigen Bürgerhäusern umgeben und vom Rathaus gekrönt, war der größte in preußischen Landen. Sieben Hektar groß, mehr also, als mancher Bauer in Preußen unter dem Pflug hatte. An diesem Morgen war die Tür des Rathauses verschlossen, doch eine Aufforderung war aufgeklebt oder angenagelt worden, gestempelt mit Reichsadler und Hakenkreuz, und da war in Schreibmaschinenschrift zu lesen, daß und auf welchen Wegen die Bewohner die Stadt zu verlassen hätten.

Die Aufforderung war ein Befehl. Zumindest einer der Bewohner hatte ihn nicht befolgt. Aus einem der Häuser und zwar im oberen Stockwerk schaute ein alter Mann hinter vorgeschobener Gardine auf uns, als wir an der Gulaschkanone standen, um uns Kaffee in die Metallbecher füllen zu lassen, ein Gebräu, das nicht einmal aussah wie Kaffee, doch heiß war und wärmte. Wann immer einer von uns dorthin blickte oder er glaubte, gesehen zu werden, ließ er die Gardine los und verschwand hinter dem Tüll.