Als ich die Memoiren von Felix Somary vor ziemlich genau 35 Jahren, im Februar 1960, anzeigte, kam ich zum Ergebnis, sie seien wohl neben die Schriften Max Webers zu stellen. Das wird heute so leicht keiner verstehen. Weber ist zum Säulenheiligen der bundesrepublikanischen Politik geworden. Niemand, der im Establishment etwas werden will, darf versäumen, sich auf Webers "Verantwortungsethik" zu berufen. Somary ist so gut wie vergessen.

Das war damals anders. Ich hatte noch die alte Soziologie der Gumplowicz, Salomon, Franz Oppenheimer im Kopf. Ihr zufolge ist der Staat formal eine Rechtsinstitution, die von einer siegreichen Minderheit einer Mehrheit auferlegt wird, um sie inhaltlich zu bewirtschaften. Genauer gesagt, sich den Arbeitsertrag der Mehrheit mit möglichst geringem eigenen Aufwand auf Dauer anzueignen.

Unter diesem Gesichtspunkt haben natürlich die Memoiren eines großen Bankiers einen anderen Stellenwert als das Bretterbohren eines deutschen Professors und Parlamentariers, der sich nicht gerade durch Agilität und Weitsicht ausgezeichnet hat. Letztere war Somarys Vorzug, und das "neben Webers Schriften Stellen" sollte auf Ergänzungsbedürfnisse eingehen.

1960 waren schließlich die politischen Bankiers Pferdmenges, Abs, McCloy noch einigermaßen populär und Schacht unvergessen. Ihm hatte Somary nach Hitlers Ernennung durch Hindenburg am 30. Januar 1933 geschrieben: "Ich kann nicht verstehen, daß Du in diese Regierung eingetreten bist. Mir ist es klar, daß diese Situation durch eine neue Völkerschlacht bei Leipzig entschieden werden wird, wo sich die Russen mit Engländern, Franzosen und Amerikanern zum gemeinsamen Kampf gegen Deutschland treffen werden - und was wird dann das Schicksal Deutschlands und was das von Europa sein?" Auch die Antwort hat Somary überliefert: "Schacht antwortete, er bewundere, daß ich die Dinge der Zukunft in solcher Klarheit vor mir sehe, er hoffe aber, daß der Zusammenstoß sich außerhalb Deutschlands vollziehen würde." Anschließend berichtet der Autor von seiner Rede in Leipzig, wo ihm ein Brauner 1933 das Mikrophon wegnahm und der Oberbürgermeister Goerdeler sich dem ihm persönlich unbekannten Somary gegenüber eindeutig über den Verbrecher Hitler äußerte, als er den Gast in seinem Autor zum Bahnhof begleitete.

Zwischenräume und Zwischenzeiten spielen in diesem Lebensbericht überhaupt eine große Rolle. Die europäische Etikette ließ der Vertraulichkeit viel Spielraum. Es war Somarys Glück, daß er als Sohn eines "Hof- und Gerichtsadvokaten" 1881 in sie hineingeboren wurde. Die Familie lebte in der "inneren Stadt" Wiens: "Als wir Kinder waren, waren der Vorplatz der Burg und der anschließende Volksgarten unsere Lieblingsspielplätze. Noch ehe ich das zehnte Lebensjahr erreichte, wurde meiner Schwestern und mein Interesse an dem rege, was die anderen Bauten enthielten." Die aufgeweckten Kinder tauchten in das historische Gedächtnis der k. u. k. Monarchie. Somary wurde 1932 Schweizer Bürger, von vielen Regierungen zu Rate gezogen, ein Geheimrat der Weltpolitik des 20. Jahrhunderts, aber Wiener Ursprungs. Daß Leute "ohne Hintergrund", wie Hitler, diese Oberklasse hassen mußten, versteht sich von selber.

Somary schildert seine "Sturmjahre der Universitätszeit 1899 bis 1904" als ein Durcheinander von sozialistischen und nationalistischen Gruppenkämpfen um Souveränität. Aber wie sollten Dogmatiker zu unabhängigen Urteilen gelangen? Somary hatte gut lachen. Noch vor dem ersten Semester durfte der Siebzehnjährige dem führenden Nationalökonomen Karl Menger assistieren. Er hatte ein kleines Buch über die Aktiengesellschaft in Österreich veröffentlicht, das der Professor Luigi Einaudi der Kritik wert befand. Von da an führte der Weg des Jurastudenten in die Soziologie und politische Ökonomie; das hing ja noch alles an einem Faden, Joseph Schumpeter (rechts) und Otto Bauer (links) zählten zu seinen Studienfreunden. "Staatliche oder gesellschaftliche Mißbilligung war mir gleichgültig." Somary interessierte sich wohl lebenslang mehr für eigene Kontakte als für Standesgenossen. Was ein Schweizer Bankier denke, glaubte er zu wissen, aber nicht, was die Menschen auf der Straße sich erzählten. Dabei verfiel er freilich nicht der demoskopischen Querschnittslähmung, sondern redete selber mit den Leuten.

Als selbstbewußter Lehrling bei Karl Morawitz von der Anglobank erlebte Somary die bosnische Krise 1908 und die Turbulenzen an den internationalen Börsen. Da die Investitionssucht des Kapitals Staatsgrenzen nicht respektiert, lesen sich Erfahrungen, wie sie Somary beim Plan der Sandschakbahn, der Balkanaspirationen Rußlands und des Erzherzogs Ferdinand sammeln konnte, höchst aktuell. Warum steckt niemand Arafats Palästinensern das versprochene Geld zu, damit seine Arbeiter sich nicht immer wieder durch israelische Aussperrung radikalisieren müssen?

Andere Kapitel, wie die Fehlkalkulationen zweier Weltkriege, geben dem Autor recht, er habe in keinem der beiden Kriege einen Menschen gesehen, der deren Aufgaben gewachsen war. Aber der Trost klingt schwach: "Wichtiger als die vorhandenen technischen Kräfte selbst ist im Krieg die Persönlichkeit. Wo nur Mittelmaß zur Verfügung steht, wird der Krieg ein Abenteuer." Schlimmer, ein Verbrechen an jeder Persönlichkeit. Aus der russischen Inflation sah Somary den Bolschewismus erwachsen, aus der deutschen den Erfolg Hitlers: "Aber noch ist bis heute (1955) kein einziger all der Demagogen, die dieses Mephisto-Gift in die Welt geschleudert haben, von gerechter Strafe erreicht worden." Seine Warnung im Verein für Socialpolitik (1920) hat Somarys Sohn Wolfgang mit anderen inhaltsschweren Texten seines Vaters im Anhang abgedruckt.

Zwischen Rapallo 1922 und der Schweizer Mission für Kriegsoptionsverträge im Frühjahr 1939 liegen im Buch nur achtzig Seiten; aber sie zeigen, wie tief sich Europa verändert hatte und wie "leichtsinnig" Washington dagegen wirkte. Insgesamt kündigt sich schon hier die später mehrfach wiederholte Warnung Somarys an Amerika an. Wer mit den Erzählungen und den Teildokumentationen im Anhang nicht genug hat, lese "Krise und Zukunft der Demokratie" nach, eine Broschüre von 148 Seiten, die Emil Oprecht 1952 in Zürich herausgebracht hat.

Dieser Felix Somary war ein außergewöhnlicher Mann. Er verband einen unbarmherzigen Blick für politisch-ökonomische Zusammenhänge mit seltenem Sinn für logisch stimmige Antizipation. Leider läßt sich derlei nicht züchten. Die Kombination ist auch nicht nur der untergegangenen Bildungswelt zu danken, als sich Ökonomieprofessoren um Stefan George scharten und andere ihn bekämpften. Vierzig Jahre nach Somarys unvollendeter Niederschrift verscherbeln die Erben des "Wirtschaftswunders" den Staat nach betriebswirtschaftlichen Rechnungen. Für Souveräne, die den Dualismus der ökonomischen und politischen Argumente betonen, ist auf dem Markt kein Platz mehr. Vielleicht regt es dennoch manchen zur Lektüre an, daß das Buch jetzt heißt: "Erinnerungen eines politischen Meteorologen". Seine Lehre: "Unheil wurde öfter aufgeschoben als verhindert."

Felix Somary:

Erinnerungen eines politischen Meteorologen

Mit einem Vorwort von Wolfgang Somary; Matthes & Seitz, München 1994;

475 S., 56,- DM