SANKT AUGUSTIN. - Die Ratsherren sind fassungslos: Keine fünf Monate nach der nordrhein-westfälischen Kommunalwahl haben sie sich selbst aus dem Stadtrat katapultiert.Oberkreisdirektor Fritjof Kühn, der die Kommunalaufsicht führt, teilte den Fraktionsvorsitzenden mit, daß "ein Rat in Sankt Augustin rechtlich und faktisch nicht mehr vorhanden" sei.Auch die Bürgermeisterin und ihr Stellvertreter verloren Amt und Würden.Denn da sie aus der Mitte des Rates "für die Dauer seiner Wahlzeit gewählt" wurden, der Rat aber nicht mehr bestehe, "endeten auch ihre Funktionen", begründete der Oberkreisdirektor. Seitdem ruht das politische Leben in der Stadt mit ihren 58 000 Einwohnern.Alle Sitzungen wurden abgesagt.Entscheidungen über Bebauungspläne und Tempo-30-Zonen, Stellenpläne und die Öffnungszeiten der Bäder, den Kauf neuer Fahrzeuge und den Verkauf städtischer Liegenschaften sind auf Eis gelegt.Kinderreiche Familien warten vergebens auf Bürgermeisterin Anke Riefers, die in Vertretung des Bundespräsidenten die Patenschaftsurkunde für den jüngsten Sproß der Familie übergeben sollte.Hundertjährig e feiern ihren Geburtstag ohne den stellvertretenden Bürgermeister Wilfried Wessel, und Bäume werden überhaupt nicht mehr eingepflanzt.Stadtdirektor Walter Quasten "ist nur froh, daß wir wenigstens den Etat schon verabschiedet haben". Die Freien Demokraten brachten den Stein ins Rollen.Bei der Kommunalwahl waren sie mit nur einer Stimme an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert. 4,997 Prozent lautete das amtliche Endergebnis für die FDP (CDU 45,865 Prozent, SPD 38,389 Prozent und Bündnis 90/Die Grünen 10,749 Prozent).Das war das Aus für die CDU/FDP-Koalition.Rot-Grün übernahm im Oktober 1994 das Ruder.Die Liberalen beantragten daraufhin, die Wahl zu überprüfen.Denn es hatte sich bereits am Wahltag herausgestellt, daß in e inigen Wahlbezirken Stimmzettel aus anderen Wahlbezirken ausgeteilt worden waren.Mithin hatten die Wähler Kandidaten angekreuzt, die nicht in ihrem Bezirk zur Wahl standen.Die Prüfung ergab dann bei 16 der insgesamt 26 Wahlbezirke Unregelmäßigkei ten, zumeist falsche Stimmzettel. Nach dem Kommunalwahlgesetz ist die Wahl in einem Wahlbezirk für ungültig zu erklären, wenn "bei der Wahlhandlung Unregelmäßigkeiten vorgekommen sind, die (. . .) auf die Zuteilung der Sitze aus der Reserveliste von entscheidendem Einfluß gewesen sein können".Für die FDP, der nur eine Stimme zum Einzug ins Parlament fehlte, traf diese Voraussetzung zu.Weil von diesen Unregelmäßigkeiten mehr als die Hälfte der Wahlbezirke betroffen war, beschloß der Stadtrat am 1.Februar, die Wahl für das g esamte Stadtgebiet für ungültig zu erklären.Und entzog sich damit selbst sein politisches Mandat, nachdem der Beschluß Anfang dieses Monats Rechtskraft erlangte. Jetzt ist der Katzenjammer groß."Ich bin auch weiterhin Ratsmitglied", trotzt der SPD-Ortsvereinsvorsitzende Andreas Nothelle.Wolfgang Köhler, der ehemalige Fraktionssprecher der Bündnisgrünen, fühlt sich von der Stadtverwaltung im Stich gelassen: "Obwohl wir immer wieder nachgehakt haben, hat uns keiner auf den Mandatsverlust hingewiesen."Das sei auch gar nicht nötig gewesen, gibt man sich bei der CDU mittlerweile gelassen: "Wir waren uns darüber im klaren, was passiert, denn wir haben das Kommunalwahlgesetz gründlich studiert."Ansonsten freuen sich Christdemokraten und Liberale auf die zweite Chance, sie setzen auf Sieg. Gewählt wird am 14.Mai, an dem die Nordrhein-Westfalen ihren Landtag neu bestellen.Bis dahin führt ein Beauftragter des Innenministers die Geschäfte.Mittlerweile beschäftigen die Unregelmäßigkeiten bei der Kommunalwahl auch die Bonner Staatsanwaltschaft.Ratsherr Andreas Nothelle stellte Strafanzeige gegen Unbekannt wegen Wahlfälschung.