Do you see anything?" - "No!" antwortete Mr. Dam, der als einziger Journalist dem Würzburger Physiker ein Interview für eine amerikanische Monatsillustrierte abluchsen konnte, nachdem die Nachricht von den sensationellen X-Strahlen mit den neuen Telegraphen um die Welt gekabelt worden war. Er saß in einem stockfinsteren Kasten, während Wilhelm Conrad Röntgen bei Licht mit Hochspannung und Hochvakuum hantierte. Und dann berichtet er, daß in dem Moment, als er die Hochspannung lärmen hörte, ein mit Bariumtetracyanoplatinat präpariertes Papier in seiner Hand zu leuchten begann - ein gelblich-grünes Licht, das sich als Wolken, Wellen und Flackern über dessen ganze Fläche verbreitete, im Takt mit der spratzenden Hochspannung. "Und dann blickte ich mit den Augen in Richtung der Strahlen, doch es gab nur Finsternis, ich sah oder spürte rein gar nichts. Die Entladung lief auf Hochtouren, und die Strahlen flogen durch meinen Kopf und nach allem, was ich wußte, seitlich zum Kasten hinaus. Doch sie waren unsichtbar und unmerklich."

Die Entdeckung der Röntgenstrahlen vor hundert Jahren in einer Novembernacht 1895 hatte vor allem dank der Photos Röntgens, der als Amateurphotograph Motive zu suchen gewohnt war, sofort überzeugt. Wegen des gewaltigen Presseechos bat schließlich auch Kaiser Wilhelm zur Audienz. Denn dies war ein Triumph der reichsdeutschen Wissenschaft, die dabei war, den deutschen Minderwertigkeitskomplex allmählich zu heilen, der durch das amerikanische Verdikt "billig und schlecht" und die britische Brandmarkung "Made in Germany" für die preiswerten deutschen Imitatwaren entstanden war.

Da ist es schon eine leise Ironie, daß ausgerechnet ein Holländer mit mäßigen Deutschnoten, wenngleich am 27. März 1845 in Lennep bei Remscheid geboren, zu diesem Durchbruch verhalf. Willem, wie er bei den Konsemestern gerufen wurde, hatte am neuen eidgenössischen Polytechnikum in Zürich Maschinenbau studiert, weil dort keine Altsprachenkenntnisse verlangt wurden. Der Monatswechsel vom Vater muß gestimmt haben, denn der schlaksige Student kompensierte seine Schüchternheit durch ostentatives Herumkutschieren mit einem Vierspänner, dem damaligen Statussymbol nicht nur der Pferdenarren.

An der Universität Zürich wirbt der neuangekommene Physiker August Kundt - klein, quirlig, die Seele auf der Zunge - den unentschlossenen Maschinenbautechniker für die Physik, indem er ihm die Promotion in Aussicht stellt. Röntgen hat seinen Mentor gefunden und Kundt seinen ersten Assistenten, der ihm erst nach Würzburg, dann an die neugegründete deutsche Universität in Straßburg folgt und durch ihn seinen ersten Ruf an die Landwirtschaftliche Akademie in Hohenheim bei Stuttgart erhält, den man bekanntlich nicht ausschlagen darf. Zuvor hatte er Anna Bertha Ludwig, die sechs Jahre ältere Tochter des Wirts "Zum grünen Glas" von Zürich, geheiratet - in den Augen des Vaters wohl eine Mesalliance, denn die finanzielle Unterstützung aus Apeldoorn wurde erst einmal eingestellt.

Physiker war damals kein sonderlich aussichtsreicher Beruf, außer den paar Dutzend Lehrstühlen im deutschsprachigen Raum gab es kaum Unterkommensmöglichkeiten. Das Fach hatte hauptsächlich die wenig motivierten Studierenden anderer Fachrichtungen zu lehren, bei der Forschung im Ordinarienlabor halfen nur der Assistent und die Fachstudierenden mit. Röntgen entwickelte sich zu einem gewieften Experimentator, der zusammen mit Kundt saubere Arbeit leistete und sich dabei in Straßburg habilitieren konnte. Die Eltern zogen, nunmehr im Ruhestand, ihrem Einzelkind nach, erst nach Straßburg, dann nach Gießen, wo alle begraben sind.

Nach dem kurzen Intermezzo in Hohenheim und wieder in Straßburg bekommt Röntgen aufgrund seiner Arbeiten nun mit 35 Jahren ein richtiges Ordinariat für Physik in Gießen. Es geht aufwärts; seit dem Tod des Vaters ist er zweifacher Millionär. Da die Ehe kinderlos bleibt, nimmt die leidende Frau Röntgen ihre kränkelnde sechsjährige Nichte, das "Bertheli", bei sich auf. Röntgen selbst hat eine Jagd gepachtet und sich einen Hund zugelegt. In den Semesterferien fährt das Ehepaar zweimal im Jahr ausgiebig auf Erholung in den Süden. Und warum auch nicht? Die Gesellschaft lohnt den Grundlagenforschern die Entbehrungen und Frustrationen nur selten. Ihre Familien sehen sich zudem alle paar Jahre mit dem Umzug in eine fremde Stadt konfrontiert, bis das akademische Karussell endlich zur Ruhe kommt. In den acht Gießener Jahren wringt Röntgen immerhin achtzehn Veröffentlichungen aus seinem Labor, darunter die Grundlage für die heute verbreitete photoakustische Spektroskopie.

Und er dreht sich weiter auf dem Berufungskarussell. Denn nur so, entweder über Bleibeverhandlungen oder Ortswechsel, ließen sich Verbesserungen bei Mitarbeitern und Räumlichkeiten erkämpfen. Rufe aus Jena und Utrecht nutzt er zu Bleibeverhandlungen, den Ruf aus Würzburg aber nimmt er an, weil er dort ein eigenes Institutsgebäude plus Wohnung und mehr Gehalt und Kolleggelder erhält. Mit bald zwei Assistenten treibt er nun Hochdruckphysik von Flüssigkeiten. Frau Röntgen kann über zwei Hausangestellte verfügen. 1893 ließ sich Röntgen gar zum Rektor wählen und unterzeichnete bald die Erstberufung des Zoologen Theodor Boveri, woraus sich eine enge Freundschaft entwickeln sollte.