Wie Federico Fellini sei er am 20. Januar geboren. An diesem Tag habe der liebe Gott bestimmt: "Du wirst Fellini werden. Und du nicht." So erzählt es mit köstlicher Selbstironie der italienische Regisseur Gianni Amelio, der zur Zeit durch Deutschland reist, um seinen neuen Film "Lamerica" vorzustellen.

Gianni Amelio, fünfzig Jahre alt, gehört zur Generation nach Fellini. Lange Zeit hat er nur Fernsehfilme gedreht. Und dann in den achtziger Jahren einige Kinofilme, die mittlerweile zu den interessantesten aus Italien gezählt werden.

Zum Beispiel "Porte aperte", "Offene Türen", ein Film, der sich gegen die Todesstrafe wendet: Während des Faschismus weigert sich ein Richter aus ethischen Gründen, einen geständigen Mörder zum Tode zu verurteilen, und opfert dafür seine Karriere.

"Colpire al cuore", "Ins Herz getroffen", ein Film über eine Hexenjagd in bleierner Zeit: Ein Jugendlicher verdächtigt seinen Vater als Terroristen und meldet ihn der Polizei.

Aber erst 1992, mit seinem vorletzten Film "Il ladro di bambini", "Gestohlene Kinder", machte sich Amelio auch international einen Namen: Ein Carabiniere muß zwei Kinder aus Mailand, die ihrer Mutter auf richterliche Anordnung hin weggenommen wurden, nach Süditalien in ein Heim bringen; die Mutter hatte die Tochter zur Prostitution gezwungen. Der Film hatte in Italien und im Ausland großen Erfolg - seiner erbarmungslosen, nicht melodramatischen Handlung zum Trotz. Amelio macht kein cinema paradiso, er zieht die Hölle auf Erden vor. Er zeigt sich versöhnlich gegenüber den Verdammten. "Gestohlene Kinder" errang in Cannes den Grand Prix Special du Jury, vielleicht weil ein normaler Preis unangemessen gewesen wäre.

Wenn man Gianni Amelio danch fragt, spricht er lieber über andere Formen von Anerkennung. Über die Aufsätze, die ihm vierundzwanzig australische Schüler geschickt haben. In denen sie "Gestohlene Kinder" fortgeschrieben haben.

Noch speziellere Anerkennung als in Cannes wurde ihm in San Pietro Magisano zuteil. Ein kalabrisches Dorf mit 400 Bewohnern, Amelio wurde hier geboren. "GRAZIE GIANNI!" stand auf Plakaten überall, als er den Grand Prix gewann.

Aber es gab auch Kritik. Von der neunzigjährigen Großmutter, bei der Amelio seine Kindheit und Jugend verbracht hatte. Sie war gerade im Kino gewesen, um die "Gestohlenen Kinder" zu sehen, als der Enkel sie anrief. Der Regisseur wollte hören, wie ihr der Film gefallen habe und ob sie sich an etwas Besonderes erinnere?

Die Frage zielte auf die Rolle der Großmutter in dem Film, die der wirklichen nachgebildet war. Am Telephon befragt, wollte die Großmutter zunächst keine Antwort geben. "Hast du schon wieder alles vergessen?" warf ihr der Enkel vor. - "Nein", erwiderte die Großmutter. "Du hast etwas vergessen. Du hast vergessen, wie ich meine Haare trage."

Gianni Amelio erzählt gerne Familiengeschichten. Er hatte eine Mutter, die erst fünfzehn war, als sie ihn zur Welt brachte; einen Onkel und eine Tante, die in Argentinien acht Mädchen bekamen, tutte bellissime, alle wunderschön; einen auch nach Argentinien ausgewanderten Großvater, der Frau und drei Kinder in Italien zurückließ und niemals zurückkehrte; von dem sie irgendwann erfuhren, daß er Frau und Kinder nun auch in Amerika habe.

Amelio war nicht mal zwei Jahre alt, als auch sein Vater sich auf den Weg über den Atlantik machte. Fünfzehn Jahre später mußte ihm Amelios Mutter das Geld für die Rückfahrt nach Italien schicken. Argentinien hatte ihm kein Glück gebracht.

Viele Jahre später, er drehte längst schon seine Filme, erinnerte sich Amelio an diese Heimkehr. Er stand mit seinem Bruder, der Staatsanwalt in Palermo ist, in der sizilianischen Stadt und sah afrikanische Straßenhändler Krimskrams verkaufen. "Mein Bruder wurde plötzlich dunkel im Gesicht und sagte: ,Ich bin sicher, daß unser Vater wie sie gelebt hat.`"

Lange schon habe er sich gewünscht, einen Film über seine Familie zu drehen, sagt Amelio. Er dachte an eine Geschichte über die Vergangenheit Italiens und über das Schicksal von Millionen seiner Landsleute, die vor allem nach Amerika ausgewandert waren. In den Briefen, die sie nach Hause geschickt hatten, hatten sie das Land "la Merica" oder "Lamerica" statt "l'America" geschrieben.

Dann kam der Sommer 1991, und mit ihm kamen zehntausend Albaner auf einem vollgepackten Schiff nach Bari. Hungernde Gestalten in zerlumpten Kleidern, die mit großen Augen einer ungewissen Zukunft entgegensahen. "Die Bilder der Albaner haben mich an etwas anderes erinnert." Amelio sah wieder die Familie seines Onkels vor sich, die acht schönen Mädchen und den inzwischen geborenen Jungen. Wie sie damals mit ihren leichten Kleidern aus dem argentinischen Sommer zurückkamen und im kalten Winter Neapels von Bord gingen. Amelio und sein Vater, die gekommen waren, ihre Verwandten abzuholen, mußten ihnen schnell warme Kleidung besorgen, damit sie nicht froren.

Genau so kamen die Albaner nach Italien. Nicht einmal einen Pappkoffer besaßen sie. An Land wurden die Albaner eingezäunt. Wie den Tieren im Zoo warf man ihnen Brot in den Käfig. Um ihren Durst zu löschen, wurden Wasserwerfer eingesetzt. Zwölf Albaner starben auf der Flucht bei dem Versuch, eine Autobahn zu überqueren: "Sie hatten noch nie eine Autobahn gesehen."

"Was treibt ein ganzes Volk dazu, die Heimat zu verlassen?" fragte sich Amelio. Und er fuhr nach Albanien, um es zu verstehen. Dort kam er auf die Idee, "Lamerica" zu drehen. Es brauchte keinen Kostümfilm, um die Vergangenheit des italienischen Südens und seiner Familien nachzuempfinden. In Albanien fand er das Kalabrien seiner Kindheit, ein Italien der Armut, einer würdevollen Armut.

"Albanien", sagt der Regisseur, "ist eine merkwürdige Mischung von Grausamkeit und Luan." Luan ist der junge Albaner, der Amelio auf seiner Tournee durch Deutschland begleitet, der seit Ende der Dreharbeiten als Gast des Regisseurs bei ihm in Italien lebt.

Luan hat an Amelios Film mitgearbeitet. Er war zum Drehort gekommen, die Taschen voller Obst aus seinem Garten, das er an alle verteilte.

Luan ist das lächelnde Gesicht, als am Schluß des Films jenes Schiff erscheint. Ein Dutzend anderer Albaner hatte ihrer schlechten Zähne wegen vor der Kamera nicht lächeln wollen.

"Viele denken, Luan sei mein Leibwächter", sagt Amelio amüsiert. Lieber solle man ihn "meinen Schutzengel" nennen. "In Albanien findet man Menschen wie Luan, die wundervoll, offen, aufrichtig, gut sind; Menschen, wie es sie in Italien nicht mehr gibt." Amelio fand in Luans Dorf eine Art von Zuhause, im Vater des jungen Albaners traf er den eigenen Vater wieder. Albanien habe nicht nur den Regisseur, sondern das ganze Team verändert. "Am Ende des Tages kamen wir ins Hotel zurück, es war kein Wasser da, aber es war uns egal."

Dagegen stellt Amelio den Charakter der Italiener. Ihre Menschlichkeit ersticke im materiellen Überfluß. "Sie sind hochmütig, grausam, rassistisch. Sie halten sich für die Mitte des Universums."

Im Film kommen solche Italiener nach Albanien, um eine Schuhfabrik zu eröffnen. Aber in Wirklichkeit ist das ganze Unternehmen ein ausgemachter Betrug mit dem Ziel, vom italienischen Staat Entwicklungshilfe zu kassieren.

Was in Albanien heutzutage geschieht, zeigt sich in zwei Begebenheiten: Ein Lastwagen verschwand, und eine Bar machte auf. Der Lastwagen gehörte der Filmgesellschaft, er war beladen mit Kameras. Der Polizist, der ihn bewachen sollte, hatte ihn gestohlen. (Ein Vorfall, der einer Szene des Films zum Vorbild wurde.)

Und dann die neue Bar: Sie tauchte in der Hauptstadt Tirana so plötzlich auf wie Ampeln, Jeans und Cola. Ihr Name: "Berlusconi" - benannt nach dem mächtigen Mann, dessen Fernsehprogramme den Albanern ein Bild von "Lamerica" vermitteln. In einem Bilderrahmen auf dem Tresen der Bar lachen, mit wunderschönen Zähnen, Signora Berlusconi und ihre Kinder.