Geradewegs kommt keiner zu ihr. Mal hat einer zufällig von ihrem Laden gehört. So unterderhand am Tresen von "Hack`s Bar" in der Auguststraße. Mal kommt wer und hat den Tip von einem Buchnarren geerbt. Ein nächster suchte gerade ein Katalogbuch von George Brecht. Und hörte auf einer Vernissage: Die Barbara Wien könnte das vielleicht haben. Mit etwas Mühe findet man ihn schon. Wiens-Verlag, Berlin. Von dem ist hier die Rede. Auch wenn es nicht gerade allererste Lage ist.

Der Weg zum Ort der Barbara Wien führt uns über ein mausgraues Stück Weg hinter den Winterfeldtplatz in die Gleditschstraße. Dort, wo die Laternen nachts gerne vom Ku`damm träumen. Nur spazieren geht der Berliner hier nicht. Nachts nie und am Tage sehr selten. Da geht man so durch. Da wohnt man herum, holt Brötchen vom Bäcker oder Gemüse vom Markt. Da kann es leicht vorkommen, daß man die Frau übersieht, die wochentags ab dreizehn Uhr hinter dem spiegelnden Fensterglas der Nummer 37 sitzt. Aber wer sie nicht übersieht, der geht zumindestens hinein. Barbara Wiens Verlag ist ein schöner Ort.

Normalerweise folgt dann für den Zufallsbesucher eine Schrecksekunde, in der sich die Furche aus der Richtung "Was ist das?" tief in die Stirn gräbt. Ist das nun ein Buch-Laden? Oder eine Galerie? Steht man hier schon im Büro des Verlages oder vor privaten Regalen? Aber das sind nur ein paar kurze Momente. Ein Teil der Kundschaft geht umher, sieht über die Bände und Broschüren auf den Bücherborden links, über den großen Tisch rechts, streift die Graphiken und Zeichnungen an der Wand mit einem Blick, behält die Hände in den Taschen und geht. Kling-Klong. Noch bevor er auf die Musik hörte, die im Hintergrund läuft.

Und der andere Teil wird herumstehen, blättern und mutig drauflosschauen, hier etwas anfassen und da über einen Einband streichen. Der beginnt zuweilen ein eifriges Suchen nach Büchern von guten Künstlern. Solchen noblen, streng limitierten, "richtigen Künstlerbüchern" mit feiner Prägung und mit herrlichen Handpressendrucken. Solche Art von Prächtigkeit ist hier kaum zu finden. So geht auch dieser Besuch. Aber er wünscht beim Gehen, nicht ohne Bedauern, dieser Frau an der Tür noch einen schönen Tag.

Auch der dritte Teil wird beim ersten Besuch vielleicht unschlüssig sein, womöglich nichts kaufen. Aber blättern und lesen, sich dabei auf einen Stuhl setzen oder auf die Treppenstufe fallen lassen und dann weiterblättern und weiterlesen und darüber die Musik vergessen. Und das sind jene, die wiederkommen. Die den Laden zum Leben bringen. Die irgendwann sogar anfangen, zu sammeln und zu kaufen, und mit dafür sorgen, daß der Laden dem Verlag die Mittel verschafft. Denn so nur kommt der Verlag seit der Gründung vor sechs Jahren über die Runden. Und nur so kommen von Zeit zu Zeit jene eigenwilligen Wiens-Verlag-Editionen heraus. Und die Ausstellungen zustande, die ihr Erscheinen begleiten. Und das ist schon eigentlich alles.

Die buchverlegende Galeristin Barbara Wien wurde 1953 in München geboren, studierte in Freiburg Germanistik und Kunstgeschichte, zog aber nach Berlin und arbeitete fortan als freie Autorin. Das war hartes Brot; hieß Schreiben über Kunst; dauerte am Ende sieben Jahre; bis zu jenem Interview mit Dieter Roth. Das war Zufall. Der hat sie "weggeholt", weitergetrieben, ins kalte Wasser geschmissen und einfach gesagt: "Los, mach - mach, was du kannst." Damit wurde sie Mitarbeiterin im Roths` Verlag (Basel). Sie lernte, daß es neben dem "Tu-Zwang" eine "Mach-Lust" gibt, brachte einige Nummern der Zeitschrift für Alles heraus, bis irgendwann das Geld ausging. Ende.

Da war sie fünfunddreißig. In Charlottenburg findet sich um diese Zeit ein Laden für sie. Es war noch im Oasen-Berlin zur Zulagen-Zeit: "Wer wollte, kam vor der Wende auch mit sehr wenig über die Runden." Sie nimmt also alles zusammen, schnorrt und bündelt, telephoniert herum und geht los und "macht einen Verlag". Langsam zieht sie für sich einen Kreis, vor allem um ihr Thema. Es ist ja nicht so, daß es keine Buchläden gäbe. Berlin hat sie: große, namhafte, traditionsreiche, gute. Also versucht sie von Anfang an beides, Bücher zu verkaufen und Bücher zu machen. Am Anfang sehen die Bücher noch aus wie Hefte und Broschüren. "Es funktionierte immer nur wie Hölzchen und Stöckchen. Aus der einen Idee wächst eine andere. Das Wartenkönnen, das lernt man eben auch."