Auch in NS-Sachen

pflegte die DDR taktischen

Umgang mit der Wahrheit

Ein Mord - seit vier Jahrzehnten ungesühnt", titelte das Neue Deutschland am 6. November 1985. Worüber sich das Zentralorgan der SED mit düsterem Pathos empörte, war der Fall Wolfgang Otto. Über Jahre hinweg stand Otto unter dem Verdacht, 1944 im Konzentrationslager Buchenwald den KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann ermordet zu haben. Als Otto 1988 in Düsseldorf wegen Mangels an Beweisen freigesprochen wurde, war die Bewertung in Ost-Berlin einhellig: "Ein Skandalurteil."

Was das ND damals nicht meldete, wurde nach der Wende offenbar, als westliche Forscher in Ostberlin damit begannen, ein früher der Staatssicherheit unterstelltes NS-Archiv auszuwerten. Die DDR hatte seit Jahrzehnten Anhaltspunkte dafür, wer Thälmann wirklich umgebracht haben könnte: der zweite Lagerführer des KZ Buchenwald, Erich Gust. Während die bundesdeutschen Behörden erfolglos nach Gust gefahndet hatten, war es der Stasi gelungen, ihn zu enttarnen. Doch statt dem Rechtshilfe-Ersuchen der Staatsanwaltschaft Köln nachzukommen, schützte die Stasi den mutmaßlichen Mörder ihres antifaschistischen Helden.

Der Fall Gust ist nur ein Beispiel für den doppelbödigen Umgang der DDR mit ihrem antifaschistischen Anspruch. Es zeigt, wie wenig der Mythos von der konsequenten Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der DDR-Realität standhielt. Zwar ermittelte die Staatssicherheit intensiv gegen NS-Täter, doch die Verwertung ihrer Erkenntnisse erfolgte allein nach den Kriterien des Machtkalküls. Auch in NS-Sachen pflegte die DDR den taktischen Umgang mit der Wahrheit. Einigen Tätern wurde demonstrativ der Prozeß gemacht, andere blieben, weil mittlerweile auch im SED-Staat gut zu gebrauchen, unbehelligt, wieder andere wurden mit ihrer dunklen Vergangenheit für Stasi-Dienste erpreßt.

Seit 1991 recherchiert die Ludwigsburger Zentralstelle für NS-Verbrechen in den Ostberliner NS-Akten nach strafrechtlich relevantem Material. Etwa zwanzig Verfahren können in nächster Zeit wiederaufgenommen oder neu eingeleitet werden. Doch, wie der Leiter der Zentralstelle, Oberstaatsanwalt Alfred Streim, eher zurückhaltend formuliert: "Der Zeitablauf macht sich bemerkbar." Will heißen: Obwohl die Staatssicherheit nicht nur NS-Akten, sondern auch umfangreiche Rechercheergebnisse hinterlassen hat, gehen die Ermittlungen gegen die siebzig- bis achtzigjährigen Täter eher schleppend voran. Nur eine Staatsanwältin, unterstützt von zwei Hilfskräften, bearbeitet derzeit die Ostberliner NS-Akten - insgesamt einen Regalkilometer. Im Mai, so stellt Streim in Aussicht, soll eine zweite Recherchegruppe eingesetzt werden. Gemessen an Umfang und Brisanz der Akten ist das ein mehr als bescheidener Aufwand. In Ostberlin befinden sich Unterlagen zur Räumung des Warschauer Ghettos, zu Mordtaten von Einsatzgruppen in der Sowjetunion, zu Wärtern und medizinischen Versuchen in verschiedenen Konzentrationslagern.