Nun spüren Frauen wie die Gutachterin Elisabeth Fey einen Stimmungsumschwung: "Die Richter saugen die Gegenbewegung regelrecht auf. Es sind Männer, die in der Hierarchie ganz oben sitzen, oft nur die Akten kennen und nichts von Kindern verstehen. Die Gegenbewegung kann nur Fuß fassen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Und dann heißt es sofort: Es ist nicht wahr." Die Fachkräfte fühlen sich diffamiert. "Sie gehören in die Psychiatrie", sagt man zu Elisabeth Fey, die die Gegenbewegung inzwischen offen als "Täterschutzmafia" tituliert. Angriffe und Anzeigen wegen Ehrverletzung und Rufmord sind an der Tagesordnung. "Sie erleben Weihnachten nicht mehr", wird einer Kindergärtnerin, die an einer Aufdeckung sitzt, offen ins Gesicht gesagt. "Sie mit ihrer dreckigen Phantasie."

Der Streit um den Mißbrauch des Mißbrauchs ist hochideologisch und hochemotional - und hat schlechte und gute Folgen. Einerseits ist den wirklich mißbrauchten Kindern - und es gibt viele - nicht gedient, wenn sie wieder ins Dunkel der Unglaubwürdigkeit zurückgestoßen werden. Andererseits werden nun die Aufdeckungsprofis gezwungen, behutsamer und vorurteilsfrei ans Werk zu gehen.

Im Augenblick sind die Experten erst einmal bemüht, verläßliche Zahlen über das Ausmaß von Mißbrauch zu ermitteln. Die gründlichste Untersuchung hat der Kölner Diplompädagoge Dirk Bange angestellt. Er hat sämtliche amerikanischen und deutschen Arbeiten zum Kindesmißbrauch ausgewertet. Resultat aller Erhebungen: Etwa jede dritte bis fünfte Frau hat in ihrer Kindheit sexuellen Mißbrauch erfahren, bei dem Körperkontakt stattfand.

Das deckt sich mit dem Ergebnis einer Befragung, die Bange selbst bei 874 Studenten der Universität Dortmund durchgeführt hat. Acht Prozent der Männer, 25 Prozent der Frauen gaben an, als Kinder mißbraucht worden zu sein, die Hälfte davon einmal. Bei 5 Prozent aller befragten Frauen war ein Angehöriger der Täter, bei nicht einmal 2 Prozent der Vater oder Stiefvater. Die Zahl der durch die (Stief-)Eltern belästigten Jungen liegt bei einem Prozent. "Durch die Medien hat sich in den Köpfen festgesetzt, jedes vierte Mädchen werde über Jahre von ihrem Vater mißbraucht", sagt Dirk Bange. "Das ist natürlich Quatsch." Trotzdem sind es zigtausende Fälle in Deutschland, die gegen Frau Rutschkys hundert belegte Falschverdächtigungen stehen.

"Jedes vierte Mädchen vom Vater mißbraucht! Das haben wir damals als politische Zahl benutzt", sagt die Diplompädagogin Katharina Larondelle von der Beratungsstelle Wildwasser Berlin. "Wir haben Pionierarbeit geleistet, da macht man Fehler." Und man lernt dazu. "Wir wissen jetzt, daß ein Mann auch fälschlich beschuldigt werden kann", kommt es mühsam. "Wir gestehen uns ein, daß auch Frauen Täterinnen sind. Wir müssen den Feminismus neu definieren."

Der bewegte Mann

In den meisten Hilfs- und Beratungsstellen spielen die Täter, die Männer, nach wie vor keine Rolle. Die Mädchenzentren weigern sich seit je, zu fragen, welch verworrene Motive und dunkle Triebe einen Mann zum Mißbraucher werden lassen. Das Berliner Krisenzentrum Lara, das sich parteilich für vergewaltigte Frauen einsetzt, ist eine gänzlich männerfreie Zone. Männer dürfen nicht einmal über die Türschwelle, wenn sie eine Polizeiuniform tragen und helfen wollen: "Die Männer setzen sich mit der Gewalt, die von ihnen ausgeht, selbst nicht auseinander", sagt die Geschäftsführerin Margret Tönnessen, "und wir nehmen es ihnen nicht ab. Das ist nicht unser Bier."