Über die Stärke der beiden Kontrahenten sollte es eigentlich keine Unklarheiten geben. Beide haben sie schon gegen den Schachweltmeister Gari Kasparow gespielt, und das mit höchst unterschiedlichem Erfolg.

Der eine, Dieter Steinwender, war einer von zehn Kandidaten, die 1985 in Hamburg gleichzeitig gegen Kasparow antraten. Der Weltmeister spielte blind und gewann dennoch acht von zehn Partien. Unter den Verlierern: Dieter Steinwender.

Ganz anderes brachte "Chess Genius 3", Steinwenders heutiger Gegner, zuwege. Dieses Computerprogramm warf im vergangenen Jahr im Achtelfinale des Londoner Intel Grand Prix in nur fünfzig Minuten den Weltmeister aus dem Wettbewerb. Der Sieg der Software mit dem hochtrabenden Namen schockte nicht nur den Verlierer Kasparow, sondern die ganze Schachwelt. Mehrere von Computern geschlagene Großmeister forderten ein Spielverbot für die Rechner auf großen Turnieren. Der WM-Finalist Nigel Short: "Beim 100-Meter-Rennen fahren ja auch keine Ferraris mit."

Der Kleinmeister Steinwender aber zuckt nur die Schultern und meint: "Die verstehen nichts von Computern. Ich schlage Genius."

Eine gewagte Ansage, bedenkt man, daß Kasparow auf der internationalen Weltrangliste mit 2800 sogenannten Elo-Punkten an erster Stelle steht, Chess Genius mit 2431 Punkten etwa auf Platz 1000 und Steinwender mit einem geschätzten Elo-Wert von 2000 vielleicht auf Platz 15 000. Trotzdem erreichte der 39jährige im vergangenen Jahr beim Aegon-Turnier in Den Haag, bei dem sich menschliche Spieler aller Klassen mit den besten Computern maßen, einen Platz in der Spitzengruppe. Damit nicht genug: Er schlug Programme, die zum Beispiel den ehemaligen Weltmeisterkandidaten David Bronstein mattsetzten und gegen die normalerweise 99,99 Prozent aller Schachspieler keine Chance haben. Steinwender aber spielte, als sei er mit einem Zaubertrank ausgerüstet. Was ist sein Geheimnis?

Schon als Informatikstudent hat Steinwender an der Hamburger Universität mit Kommilitonen ein Schachprogramm namens "Murks" geschrieben, das 1983 die Amateurweltmeisterschaft in Budapest gewann. Heute ist er Unternehmensberater für EDV und nebenberuflich Herausgeber des Magazins Computer, Schach und Spiele, in dem er auch seine Erfahrungen vom Haager Aegon-Turnier abdruckte. Die Partien sind in der Tat beeindruckend und spiegeln die erbarmungslose Verwirklichung von Steinwenders Konzept wider, das er aus seinem genauen Wissen um den Charakter, die "Denkart" der Schachcomputer entwickelt hat.

Deren Vorteil ist bekannt: In ihrer "Brute-force-Methode" prüfen die Computer zu jeder Stellung Millionen von möglichen Zugfolgen - davon freilich 99,99999 Prozent unsinnige, die der Mensch gar nicht erst in Erwägung zieht. Aber bei diesem vollständigen Durchrechnen entdecken die Schachprogramme Kombinationen, die selbst Großmeister bisweilen übersehen.

Der Nachteil der Methode liegt auf der Hand. Irgendwann muß auch der schnellste Computer die Vorausberechnung aufgeben - alle Zeit der Welt reicht nicht, um ein Spiel beliebig weit vollständig auszuspähen. So herrscht hinter dem Horizont der Schachprogramme, der oft nur acht bis neun Halbzüge entfernt ist, schwarze Nacht, auch wenn moderne Programme einzelne erfolgversprechende Varianten zwanzig Halbzüge weit durchrechnen.

Der Mensch hingegen verschwendet keine Zeit mit dem Analysieren idiotischer Varianten, sondern nutzt seine Minuten zum Pläneschmieden. Er erkennt, welche Möglichkeiten in einer Stellung liegen; er faßt einen Plan und denkt einige wenige Wege durch, die aber bei guten Spielern weiter reichen als jene der Schachprogramme. Der Mensch ist der bessere Stratege, der Rechner der bessere Taktiker.

Im Aufeinanderprall der beiden Systeme haben sich mittlerweile längst die Computer durchgesetzt. Nur noch etwa 500 Großmeister unter den 500 Millionen Schachspielern können sie besiegen - wenn sie nicht unaufmerksam sind und eine versteckte Chance des Computers übersehen. Für Steinwender hat das einen einfachen Grund: "Die meisten Menschen verstehen die Rechner nicht." Sie wunderten sich immer, daß ein Programm manchmal geniale Züge, dann wieder haarsträubende Patzer mache.

Um schlagkräftig zu ziehen, muß der Computer Konsequenzen innerhalb seines Berechnungshorizonts erkennen. Wenn es aber innerhalb der acht Halbzüge nichts besonders Günstiges (oder Gefährliches) zu sehen gibt, wenn das Programm keinen Ansatzpunkt für eine vorteilhafte Kombination findet, dann macht es sinnlose Züge.

Es gibt Schachcomputer, die in solchen Situationen hilflos den Turm zwischen a8 und b8 pendeln lassen. Aber kaum erkennen sie innerhalb ihres Horizonts eine gegnerische Schwäche, die sie nutzen, oder eine Stärke, die sie bekämpfen können, dann überraschen sie mit brillanten Kombinationen, die Großmeister erbleichen lassen. Steinwender: "Den Menschen erscheint der Computer immer unberechenbar. In Wirklichkeit ist er genau berechenbar."

So gilt es, dem Computer keinen Ansatz für Kombinationen zu geben und ihn so zu belanglosen Zügen zu verleiten. Das erreicht Steinwender, indem er die Stellung seiner Figuren geschlossen hält, Bauern blockiert und verzahnt, keine Linien öffnet. Damit ist die Wahrscheinlichkeit, taktisch überrumpelt zu werden, verhältnismäßig gering.

In einer solchen Stellung, die freilich auch dem Menschen nur sehr beschränkte taktische Möglichkeiten gibt, kann dieser klammheimlich einen Angriff vorbereiten: Er schiebt - ohne direkte Drohungen - seine Figuren herum, bis sie so gut stehen, daß er seinen Gegner überrumpeln kann, eventuell mit einem Opfer, dessen Wirkung für den Computer nicht zu erkennen ist, weil sie außerhalb seines Horizonts liegt.

Steinwender öffnet das Spiel, wenn es für den Computer zu spät ist, wenn es für ihn keine Verteidigung (und keinen Angriff) mehr gibt.

In einer Probepartie schlug der Computerkiller Steinwender seinen elektronischen Gegner in 24 Zügen - eine geradezu prototypische Bestätigung seiner selbstbewußten Thesen (siehe Kasten).

Weltmeister Kasparow hält nichts von dieser Methode: "Das ist nicht mein Schach. Dieses Computergeschiebe sollen die ohne mich machen." Aber am 20. Mai will Kasparow in einem Fernsehschaukampf des WDR Revanche an "Genius" nehmen: "Dann schlage ich ihn mit meinem kreativen Schach."