Es hat die ganze Nacht hindurch geregnet. Bei Tagesanbruch zeigten sich einige hellblaue Streifen am Himmel. Inzwischen ist es kurz nach acht Uhr, und es regnet wieder. Bei Regen ist dieses Rennen die Hölle. Das trifft noch nicht ganz den Kern, weil es auch bei Sonnenschein die Hölle ist.

Das klassische Straßenrennen Paris-Roubaix ist 270 Kilometer lang. Bis zum Kilometer 98,5 ist es beinahe ein Radrennen wie jedes andere. Doch dann kommen die Steine.

Von nun an führt die Strecke über hundertjährige Feldwege, gepflastert für Pferdefuhrwerke mit eisengefaßten Rädern. Auf 22 Abschnitten, der kürzeste 1200, der längste 3900 Meter lang, rollt das Rennen in die Steinzeit des Straßenbaus zurück. Rollt über kaum mehr als zwei Meter breite, von ihren abgesunkenen Rändern zur Mitte hin gewölbte Straßen ohne Nummer, ohne Namen, für die alle dieselbe Bezeichnung gilt: pavé - Pflasterstein.

Es sind grob behauene Granitblöcke, Kantenhöhe zwanzig Zentimeter, Kantenlänge vierzehn Zentimeter. Ein täuschendes Gleichmaß. Über Jahrzehnte sind die Steine unregelmäßig in die lehmige Erde abgesackt, sind geborsten oder fehlen ganz, so daß in den Straßen breite Risse, tiefe Löcher klaffen. Bei Regen und noch Tage danach steht das Wasser darin bis über den Rand. Wo kein Wasser steht, ist die Oberfläche vom Schlamm überzogen. Man sieht den Grund nicht, über den man fährt.

Falls es nicht zu morastig ist und die Räder nicht tiefer als eben bis über die Felge einsinken, fahren die Rennfahrer auf den schmalen, lehmsandigen Seitenstreifen, die die Feldwege gegen mannshohe Erdwälle, Viehzäune, Entwässerungsgräben abgrenzen. Dort hängen sie aufgereiht über dem Dreck auf der Windkante, vergeblich hinter dem Rücken des Vordermanns Schutz suchend vor dem Wind, der beständig aus Nordost über die Rübenfelder weht.

Nächstes Jahr wird dieses Rennen hundert Jahre alt. Aus verkehrstechnischen Gründen mußte der ursprüngliche Startort um einige Dutzend Kilometer weiter nördlich nach Compiègne verlegt werden, das Rennen ist jedoch dasselbe geblieben. "Pa-ris-Rou-baix" - ein viersilbiger Cantus firmus vom Leiden auf der Landstraße.

Seit dem frühen Morgen präparieren die Mechaniker die Rennmaschinen. Bei einem normalen Rennen werden die Reifen mit 8 atü aufgepumpt, sie sind dann hart wie Buchenholz und haben geringsten Rollwiderstand. Bei 8 atü würde das Rad wie ein im Galopp ausschlagender Maulesel über die Steine hopsen. Deshalb werden nur 5,5 atü gepumpt. Die Reifen fühlen sich dennoch an, als wären sie mit Hartgummi gefüllt.