KAUFBEUREN. - Es war nicht das Zentrum des Schreckens, doch der Schrecken war gegenwärtig: Das Außenkommando Kaufbeuren, organisatorisch und logistisch mit dem Konzentrationslager Dachau verbunden, galt vielen Häftlingen zwar als "eine weniger schmerzliche Etappe" (so lautet eine Formulierung in dem vorliegenden Bericht), doch auch hier herrschten Willkür und Unmenschlichkeit, nicht zuletzt durch die schwer kalkulierbaren Ausbrüche des wachhabenden SS-Personals. Gleichwohl erschien vielen Häftlingen die Verlegung von Dachau nach Kaufbeuren als ein erster Hoffnungsschimmer, durften sie hier doch das Gefühl haben, sich nicht mehr direkt im Zentrum der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie zu befinden. Tatsächlich gab es bei den Ermittlungen nach Kriegsende auch keine Anhaltspunkte dafür, daß in der Außenstelle Kaufbeuren, die ohnehin nur von Mai 1944 bis April 1945 bestanden hatte, Häftlinge ermordet worden wären.

Daß das "Kommando Kaufbeuren" überhaupt wieder ins Gedächtnis rückt, liegt an einer kleinen Publikation, die zum 50. Jahrestag der Auflösung dieses Lagers Ende April im Verlag an der Säge in Blöcktach erscheinen wird. In ihr berichten erstmals französische Lagerinsassen über ihre Erfahrungen. Fabien Lacombe, ein Journalist und damals als Mitglied der Résistance in Dachau interniert, hat die teilweise sehr persönlichen Erinnerungen und Notizen seiner Kameraden zusammengetragen und unter dem Titel "Kaufbeuren - Kommando de Dachau" 1985 veröffentlicht. Lange Zeit war das Buch nur in der französischen Fassung zu kaufen, bis der Herausgeber der deutschen Übersetzung, Anton Brenner, zufällig durch eine Radiosendung auf ein Gedicht von Fabien Lacombe aufmerksam wurde, das sich als poetischer Begleittext in ebendiesem französischen Erinnerungsband fand. Fabien Lacombe hatte freilich damals schon auf den gleichsam diskreten Charakter der Veröffentlichung hingewiesen: "Dieses Buch ist ein Denkmal, zudem nicht das Werk eines einzelnen, sondern einer Gemeinschaft; gleichzeitig eine Summe ehrfürchtig wachgerufener Erinnerungen, ein Zeugnis, das wir unseren Nachfahren und ihren Familien übermitteln möchten sowie all jenen, die es wissen wollen."

Daher dauerte es auch einige Zeit, bis Anton Brenner in Paris die Zustimmung der Witwe von Fabien Lacombe erhielt, das Buch in deutsch zu publizieren. Erst durch die Vermittlung der Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau gelang es, die französische Seite vom Wert einer deutschen Übersetzung zu überzeugen. Tatsächlich nimmt "Kommando Kaufbeuren", "ein Memorial", wie es im Untertitel heißt, innerhalb der zahlreichen Veröffentlichungen über die Konzentrationslager des NS-Regimes eine Sonderstellung ein: Es ist ein Journal der leisen Töne und kleinen Beobachtungen, ein Vademecum in schwerer Zeit, dem die Häftlinge ihre ganz persönlichen Sorgen und Nöte anvertraut haben.

Gleichzeitig schließt das Buch eine Lücke in der Kaufbeurer Geschichtsschreibung.

Zufall oder nicht, das auf dem Fabrikgelände einer ehemaligen Spinnerei untergebrachte Lager war bis dato im Bewußtsein der Allgäuer Bevölkerung faktisch nicht präsent. "Das ist ein unbekannter Teil der Geschichte", hat Ernst Hader bei der Vorbereitung seines Buches erfahren. Daran hatte offenbar

auch Gernot Römers Recherche zu seinem Buch "Für die Vergessenen" nichts Wesentliches zu ändern vermocht - die Außenstelle des KZs Dachau war bis zum heutigen Tag kein Thema in Kaufbeuren gewesen.

Das Arbeitslager Kaufbeuren war im Mai 1944 als Zulieferbetrieb für die Rüstungsindustrie eingerichtet worden. Zwischen 300 und 600 Häftlinge, in der Mehrzahl Franzosen und Russen, mußten hier - in einer von BMW ausgelagerten Werksfiliale - Teile für Kampfflugzeuge produzieren, zum Beispiel Propellerachsen und Planetengetriebe. In je zwölfstündigen Schichten, oft bei großer Kälte und chronisch schlechter Verpflegung, durften die Häftlinge als Arbeitssklaven (einen Lohn für ihre Arbeit erhielten sie nicht) für den Nachschub der Kriegsmaschinerie schuften. Quälender war freilich noch die Ungewißheit über den weiteren Verlauf des Krieges, zudem drohte jederzeit der Abtransport ins gefürchtete Dachau.