Vielleicht hätte sie mich nicht empfangen, wenn ich ihre Telephonnummer nicht von einem Freund bekommen hätte, der wiederum seit Jahren mit ihrem Sohn befreundet ist: mit Rudolf Slánsky junior, dem tschechischen Botschafter in Moskau. Als dieser im Frühsommer 1994 zu Gastvorträgen an der Freien Universität Berlin weilte, scherzte er über seine funny situation. Er wurde noch von der Tschechoslowakei in die Sowjetunion entsandt und war plötzlich Diplomat eines Landes, das es nicht mehr gab, in einem Land, das es auch nicht mehr gab. Ganze sechs Zuhörer hatten sich zu seinem Vortrag eingefunden.

"Warum waren so wenig Leute da?" fragt mich Josefa Slánská, fassungslos. Ich weiß es nicht. Vielleicht ist der Name bei uns wirklich kein Begriff mehr: Slánsky. Slánsky-Prozeß. Höhepunkt der stalinistischen Verfolgungen in den sozialistischen Volksdemokratien nach dem Zweiten Weltkrieg.

Auch ihr Buch, ein Klassiker der Zeitgeschichte, ist bei uns nicht mehr im Gespräch. "Bericht über meinen Mann" ist 1968 im Europa-Verlag auf deutsch erschienen. Der Schriftsteller Pavel Kohout hatte Josefa Slánská ermutigt, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben.

Ihre Lebenstragödie: 1943 wurde ihre Tochter Nadja in Moskau entführt. Zweieinhalb Monate war das Kind damals alt. Es wurde nie wiedergefunden. 1951 wurde Josefa Slánskás Mann in Prag verhaftet: Rudolf Slánsky, seit März 1945 Generalsekretär der KPC, der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei. In einem Schauprozeß, in dem vierzehn führende Parteifunktionäre wegen angeblichen Hochverrats vor Gericht standen, wurde Slánsky zum Tode verurteilt und hingerichtet. Neun Angehörige seiner Familie wurden verhaftet. Das heißt, eher von Josefa Slánskás Familie. Fast alle engeren Verwandten Rudolf Slánskys waren in deutschen Konzentrationslagern ums Leben gekommen. Josefa Slánská und ihre beiden Kinder, der damals siebzehnjährige Rudi und die zweijährige Marta, wurden bis Mai 1953 interniert.

Im Dezember 1952, unmittelbar vor seiner Hinrichtung, durfte sie ihren Mann noch einmal im Gefängnis besuchen. Daß es die letzte Begegnung mit ihm sein würde, ahnte sie nicht. Sie wußte auch nicht, daß er gefoltert, daß er fast das ganze Jahr über wie ein Hund an die Wand gekettet worden war, daß er sich mit einem Kabel aufzuhängen versucht hatte.

Josefa Slánská war von der Außenwelt abgeschnitten, sie durfte weder Zeitung lesen noch Radio hören. Daß ein Prozeß stattgefunden hatte, daß ihr Mann nicht mehr am Leben war, das erfuhr sie erst kurz vor ihrer Entlassung, Ende April 1953. Da war Stalin schon gestorben. Da war auch Klement Gottwald schon gestorben. Klement Gottwald, Vorsitzender der KPC und Präsident der Tschechoslowakei, war 26 Jahre lang Slánskys Freund gewesen, der Patenonkel von Slánskys Tochter Marta. Im Prozeß hatte er sich als vorbildlicher Erfüllungsgehilfe Stalins erwiesen.

Prag. Patocka-Straße. Eine laute Schnellstraße. Keine angenehme Wohngegend für eine alte Dame. Wenig Geschäfte. Der einzige Lebensmittelladen in der näheren Umgebung ist einem Videogeschäft gewichen. Josefa Slánská, 82 Jahre alt, wartet zur verabredeten Zeit schon an der Haustür. Es macht ihr Mühe, die Treppen zu ihrer kleinen Wohnung hochzusteigen. Seit Jahren ist sie schwer asthmakrank.