Es war einmal ein kleines braunes Reh namens Bill T. Jones, das tanzte mit seinen Freunden in einem Wald, der hieß Brooklyn. Einige von Bills Freunden hatten Aids und lebten in entlegenen Gegenden, deshalb nahm Bill sie auf Video auf, damit sie auch mittanzen könnten. Und wenn Bill und seine Freunde tanzten, kamen alle Tiere des Waldes herbei, um sie anzusehen. Alle - außer einer Bärin namens Arlene Croce.

Arlene lebt auf einem Stern, der heißt The New Yorker. Sie kommt in den Wald und sieht den Tänzern zu, und danach erzählt sie dem König, was sie gesehen hat. Aber über Bills Tanz wollte sie dem König gar nichts erzählen. "Bills Tanz ist überhaupt kein Tanz!" rief die Bärin empört. "Diese Videobänder sind ja wirkliches Leben. Sie zeigen Aids-Opfer, und ich kann doch dem König nichts vom richtigen Leben erzählen. Dem König erzähle ich immer nur von der Kunst."

Alle Tiere im Wald hörten auf die Bärin und achteten nicht mehr auf Bills Tanz. Ein Bussard namens Hilton Kramer sagte: "Arlene hat recht: Bills Tanz ,ist ein lärmender Versuch, dem künstlerischen Prozeß politische Normen aufzupfropfen.` Kopf ab!" Der Pfau Camille Paglia sagte: "Arlene hat recht! ,Die Sentimentalisierung von Krankheit und Tod hat sich zu einem schalen Surrogat künstlerischer Erkenntnis entwickelt.` Aber Arlene hat auch unrecht! Wir brauchen mehr ,Warholismus, der die Grenzen zwischen Hoch- und Volkskultur, Künstler und Publikum, Kunst und Leben einschmolz`." Ein niedlicher Panda namens Tony Kushner (er hat das Stück "Angels in America" geschrieben) sagte: "Bill und seine Freunde ,kämpfen um Freiheit, Gleichheit, Überleben.` Arlene ist bloß ,neidisch`."

Und alle Tiere redeten so laut, daß niemand die kluge alte Eule Robert Withers hörte (ein unabhängiger Filmemacher), die da sagte: "Künstler folgen ihrer Einsicht, genauso wie Kritiker. Arlene sollte Bills Tanz ,nach ihren Maßstäben und Werten beurteilen und auf ihr besonderes Anliegen verzichten`." Und die Moral von der Geschichte lautet: Das eigene Geschwätz macht immer den größten Spaß.

Aber es gibt noch eine zweite Moral von der Geschichte: Die Wechselfälle des Lebens kann jeder einrahmen, bearbeiten und zurechtstutzen - wie ich es in meiner kleinen Fabel gerade getan habe. Für die Zuschauer ist dann nur noch interessant, ob dabei etwas herauskommt, was sie so noch nie gesehen haben.

Meine kleine Fabel zeichnet einigermaßen genau nach, was kürzlich im New Yorker abgelaufen ist. Die Kritikerin Arlene Croce hatte Bill Jones' neues Ballett "Still/Here" nicht gesehen. Sie schrieb, die Rezension einer Zurschaustellung wirklicher Opfer, die nur eine politisch korrekte Elite befriedige, sei ihr unmöglich - woraufhin die Elite Leserbriefe über politische Korrektheit schrieb. Diesem Aufwand an Druckerschwärze dürften zwei Fragen zugrunde liegen: Was spricht für Croces Argumentation - und warum findet sie überhaupt Beachtung, da sie doch nicht gesehen hat, worüber sie schreibt?

Der Opfertrend in der Kunst, schrieb Croce im New Yorker, habe seinen Ursprung in den normensprengenden Sechzigern. Angefangen habe alles 1964 mit Susan Sontag und ihrem Essay "Against Interpretation", und daraus habe sich eine Zeitlang eine simplistische, gegen das (politische wie kulturelle) Establishment gerichtete "Volkskunst" entwickelt, die dann im Utilitarismus geendet sei: Kunst müsse nicht mehr klar umrissenen ästhetischen Normen genügen, sondern brauche nur noch ihren sozialen Nutzen zu erweisen.