Ihre Majestät die Kaiserin erschien in blaßhimbeerfarbener Toilette, darüber eine mit Goldbrokat verbrämte Purpurpelerine. Seine Majestät der Kaiser trug die Uniform des Gardedukorps. Die vier ältesten kaiserlichen Prinzen kamen in schmucken weißen Anzügen mit blauen Kragen und hellen Strohhüten auf den blonden Köpfen. Ein freundliches Lächeln umspielte die gebräunten, sonst so ernsten Züge des Monarchen.

Kaum hatten sich die Majestäten auf den Prunksesseln niedergelassen, stieg am Kaiserzelt die Kaiserstandarte empor. Die donnernden Hurras der Schiffsbesatzungen, imposanter Geschützsalut und der brausende Jubel des Publikums erfüllten den ganzen Hafen. Seine Majestät sprach: "Zum Gedächtnis Kaiser Wilhelms des Großen taufe ich den Kanal Kaiser-Wilhelm-Kanal" und tat drei Hammerschläge.

Es war der 21. Juni 1895. An der Kieler Förde herrschte "Hohenzollernwetter", nachdem es eine Woche lang gestürmt und geregnet hatte. Kaiser Wilhelm II. legte während einer feierlichen Zeremonie in Holtenau den Schlußstein für die künstliche Wasserstraße von der Nordsee zur Ostsee, das Jahrhundertbauwerk, das sein Großvater 1887 im Alter von 91 Jahren begonnen hatte. Ein Traum war in Erfüllung gegangen. Statt um die sturmzerzauste Nordspitze Jütlands, durch Skagerrak und Kattegat, zu fahren, konnten die Schiffe nun gemütlich durch stille Wiesen von einem Meer ins andere schippern.

Mit einem ungeheuren Propaganda-Aufwand war diese Leistung publik gemacht worden, eine Imagekampagne ohnegleichen für das junge Deutsche Reich. Das Eröffnungsspektakel, das vom 19. bis zum 22. Juni 1895 dauerte, brachte das halbe Volk aus dem Häuschen. Der Kanal, der heute Nord-Ostsee-Kanal und in der internationalen Schiffahrt Kiel Canal heißt, wurde von Hamburg bis Kiel mit Gästen aus aller Welt eingeweiht. "Nun ist das große Werk beendet, / Der letzte Spatenstich gethan, / Was groß ersonnen, groß vollendet: / ,Die Furth vom Meer zum Ocean!` / Geschaffen zu des Reiches Wehre, / Vervielfacht sie der Flotte Kraft; / Nun grüßen sich die deutschen Meere / In engster Waffenbrüderschaft", dichtete ein Johannes Barbeck in seiner Lokalzeitung, dem Rendsburger Wochenblatt, und drückte damit aus, was damals jeder wußte: daß die drei Kaiser, die am Kanal bauten, keineswegs wirtschaftliche Gründe im Sinne ha tten, sondern ihre Kriegsmarine besser einsetzen wollten.

Hundert Jahre ist es her, daß die Reporter der Kieler Neuesten Nachrichten und General-Anzeiger für Schleswig-Holstein (Tageszeitung für Jedermann, Sprechstunde der Redaction: vorm. 11-12 Uhr), der Kieler Zeitung (zwei mal täglich, zwölf mal wöchentlich, Abonnementspreis Mark 4,50) und des Rendsburger Wochenblatts (Aeltestes und gelesenstes Blatt im Kreise Rendsburg, 3000 Abonnenten, 88ster Jahrgang) die eingangs zitierten Sätze niederschrieben. Die "neue Weltverkehrsader", die damals erschlossen wurde, ist heute der meistbefahrene Seekanal der Welt. Eine Bundeswasserstraße, die sich, knapp hundert Kilometer lang, von Brunsbüttel bis Kiel durch Schleswig-Holstein zieht und die Nordsee über die Elbe mit der Ostsee und der Kieler Förde verbindet. Mehr als doppelt so viele Schiffe als auf den beiden anderen großen Kanälen der Erde - dem älteren Sueskanal (1869 eingeweiht) und dem jüngeren Panamakanal (1914 vollendet) - passieren jährlich den Nord-Ostsee-Kanal.

Wenn die Ozeanriesen durch Rübenäcker und Rapsfelder gleiten, ihre Mastspitzen hinter Reetdächern aufblitzen und in Pulks kreischender Möwen verschwinden, ist das ein Fest fürs Auge, das Einheimische und Urlauber immer wieder beeindruckt. Auch damals war es eine tolle Feier. Bunte Uniformen überall ("Ihre Pracht zu schildern, ist eine kaum zu lösende Aufgabe"), ein überaus elegantes Festpublikum, "dessen Damen sich vielfach mit jenen außerordentlich großen, reich dekorierten Hüten zeigten, welche die neueste Pariser Mode uns beschert hat", so stand in den Zeitungen zu lesen.

Kiel war zur Weltstadt geworden in jenem Juni vor hundert Jahren. "Die alte Holstenstadt prangte im frischen Grün der Guirlanden und im Schmucke vielfarbiger Flaggen und Banner. Von nah und fern hatten die civilisirten Völker fast der ganzen Welt in Gestalt kanonengespickter Seeungethüme ihre Zeugen geschickt zu dem weltgeschichtlichen Vorgange, dessen ungeheure Tragweite sich zur Zeit nur ahnen, keineswegs aber in seinem ganzen Umfange auch nur annähernd bestimmt erkennen läßt."