Was über Kaspar Hauser, den unglücklichen, nach nur fünf Jahren normalen Lebens im Alter von 21 Jahren ermordeten Findling geschrieben wurde, würde eine Bibliothek füllen - über 3000 Arbeiten. Seit 160 Jahren rätselt die Welt über die Hintergründe dieses Menschenschicksals, das Schriftsteller wie Heine, George, Rilke, Flake, Wassermann, Tucholsky, Handke zutiefst bewegt hat.

Die dunkle Geschichte aufzuhellen, mußten die irrsinnigsten Theorien herhalten, einschließlich der von interessierter Seite lancierten, wonach Kaspar Hauser lallend und stolpernd aus dem Dunkel aufgetaucht sei, sich mit seinem Höhlenkindgebaren Aufmerksamkeit und ein angenehmes Leben zu erschwindeln. Aufgrund des völligen Fehlens von Dokumenten, Zeugen, Hinweisen machte man Kaspar Hauser zum Waisenkind Europas, zu einem Sinnbild der rätselhaften Existenz des Menschen überhaupt. Und vergaß, daß er Opfer schwerster Verbrechen gewesen sein muß: Körperverletzung, Freiheitsberaubung, Kindesaussetzung, Urkundenunterdrückung, Begünstigung, Mordversuch, Mord - um in der Sprache des heutigen Strafrechts zu reden, die aber vor 160 Jahren ganz ähnlich klang.

Doch der Mensch sucht die Wahrheit selbst dann, wenn die Beweislage hoffnungslos erscheint. So setzte sich von selbst ein historischer Indizienprozeß in Gang, der jetzt zur Aufklärung des Falles führte. Zu einer Wahrheit der höchsten Wahrscheinlichkeit jedenfalls. Diese Einschränkung muß man machen, weil es die direkten, die lückenlosen Beweise nun einmal nicht gibt. Doch wer, wie der Jurist, gewohnt ist, Sachverhalte zu bewerten, darf das Rätsel Kaspar Hauser als gelöst betrachten. Es kann kein Zweifel mehr sein, daß die Täter im Hause Baden saßen, in jenem Fürstenhaus, das seine Legitimation von den Zähringern ableitete, dem Fürstengeschlecht, das die Städte Freiburg im Breisgau und Freiburg in der Schweiz gegründet hatte. Mit Kaspar Hauser starb diese Linie aus, und genau dies war von den Tätern beabsichtigt.

Ein neuerer Lexikoneintrag - in Meyers Universallexikon 1992 - zeigt, daß der Fall noch bis vor ganz kurzer Zeit als ungeklärt galt: "Hauser, Kaspar, geboren angeblich 30. April 1812, gestorben Ansbach 17. Dezember 1833, (ermordet), Findelkind unbekannter Herkunft. Tauchte 1828 in Nürnberg auf und bezeichnete sich als Kaspar Hauser; anscheinend in fast völliger Isolierung aufgewachsen, nach seinem Bericht in einem Kellerverlies festgehalten - wohl nur kurze Zeit. H. wurde Mittelpunkt gefühlvoller Salons und geriet seelisch völlig aus dem Gleichgewicht. Paul Johann Anselm Ritter von Feuerbach brandmarkte den Fall Hauser als Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben des Menschen und sorgte dafür, daß Hauser in Ansbach als Aktenkopist beschäftigt wurde . . ."

Zur Wahrheit zu gelangen war ein mühseliger Prozeß. Zu einem schlüssigen Ende gebracht hat ihn Ferdinand Mehle, ein Jurist und Volkswirt aus Karlsruhe, der erst im Ruhestand mit der Schriftstellerei begann. In seinem Buch "Der Kriminalfall Kaspar Hauser" (Morstadt Verlag, Kehl, 1994) hat Mehle zusammengetragen, was aufzuspüren war, und in einer scharfsinnigen Analyse die Lösung des Rätsels publiziert, mit gebührendem Hinweis auf die Verdienste jener, die an der Aufklärung ihren Anteil haben: Hermann Pies, der den Indizienbeweis für Hausers badisches Prinzentum erbracht hat, Fritz Klee, dessen Recherchen den Kindestausch aufgeklärt haben, Adolf Bartning, dessen Untersuchungen den Beweis für die Ermordung Hausers lieferten, Edmond Bapst, der den Spuren Stephanies, der Mutter Kaspar Hausers, nachgegangen ist.

Das merkwürdige totale Fehlen von Dokumenten erklärt sich heute selber als ein Indiz dafür, daß die Täter aus hohem Hause kamen. Neben den eigentlichen Urhebern des Verbrechens hat sich später vor allem eine Person effektiv als Urkundenunterdrückerin und -vernichterin bestätigt: Luise, Großherzogin von Baden, Tochter des deutschen Kaisers Wilhelm I. Die erst sieben Jahre nach Kaspar Hausers Ermordung geborene Hohenzollernprinzessin wurde als Badener Landesmutter von 1856 an bis 1907 zur fanatischen Parteigängerin des Hauses Baden. Sie wollte partout keinen Fleck auf der Ehrenweste ihres angeheirateten Fürstenhauses sehen. Ferdinand Mehle berichtet über sie:

"Sie ließ alle auf Kaspar Hauser bezogenen Unterlagen, derer sie habhaft werden konnte, vernichten und brachte diesen dadurch gleichsam zum zweiten Male um . . . Ihr Einfluß erreichte die Beseitigung französischer und österreichischer Aufzeichnungen, Briefe und Depeschen. Nur Bayern lehnte die gewünschte Aktenvernichtung ab . . . Henriette Feuerbach, die Schwiegertochter des Gerichtspräsidenten, war mit der Großherzogin Luise befreundet und verbrannte ihr zuliebe sämtliche Unterlagen zum Fall Kaspar Hauser, die sich in ihrem Besitz befanden. Bis zum Sturz der Monarchie war es ein gefährliches Unterfangen, sich mit diesem Problem zu befassen, denn die Großherzogin Luise bedrohte jeden Autor, der den Mut hatte, in Hauser den Thronfolger des Hauses Zähringen zu erkennen, mit strafrechtlicher Verfolgung."