Peter Huber und Knut Jöchle vom Forschungsschwerpunkt Radiologie des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) haben sich zur Vorstellung ihrer neuen Behandlungsmethode bei bösartigen Geschwulsterkrankungen einen für die Medizin eher ungewöhnlichen Platz ausgesucht: die Industrieausstellung auf der Hannover-Messe 1995. Im Gewimmel am Ausstellungsstand des DKFZ erklärten der Physiker Jöchle und der Krebsarzt Huber ihr einleuchtendes und in Tierversuchen bereits erfolgreich erprobtes Konzept: die Ultraschalltherapie.

Auf den Gedanken, mit Hilfe von Ultraschallwellen die Krebstherapie zu verbessern, sind die Wissenschaftler vom DKFZ aufgrund bitterer Erfahrungen gekommen: Sehr vielen Kranken kann nämlich mit den drei traditionellen Säulen der Krebstherapie, Operation, Röntgenbestrahlung und Chemotherapie, nicht wirksam geholfen werden. Mehr als 100 000 Menschen sterben jährlich in Deutschland an Krebsmetastasen, das heißt an Tochtergeschwülsten, die aus einigen wenigen Krebszellen entstehen, aber bei der Operation nicht entfernt, von der Bestrahlung nicht erreicht oder durch Chemotherapie nicht abgetötet wurden. Treten nach Wochen oder Monaten Metastasen auf, dann ist eine erneute Bestrahlung oft nicht mehr möglich, weil das die Tochtergeschwulst umgebende gesunde Gewebe bereits strahlengeschädigt ist. Häufig ist auch die Wiederholung einer aggressiven Chemotherapie nutzlos, weil die Krebszellen gegen die Medikamente unempfindlich geworden sind.

Jetzt sollen Ultraschallwellen helfen, allerdings nicht die energiearmen schwachen, wie sie von Ärzten zur Diagnostik verwendet werden (Sonographie). Auch die sehr hochenergetischen Ultraschallwellen der Lithotriptoren kommen nicht in Frage, die zur Zertrümmerung von Gallen- oder Nierensteinen dienen und in Bruchteilen von Sekunden mit einem Druck von tausend Bar Steine aufbröseln. Die auf einen Tumor gerichteten Schallwellen sind sanfter und könnten die Arbeit der Krebschirurgen enorm entlasten. Denn Ärzte und Patienten scheuen vor Operationen von tief im Körper verborgenen Metastasen aus guten Gründen zurück: Um die Geschwulst freizulegen, muß häufig viel Gewebe zerstört werden. Entsprechend gefährlich sind die Komplikationen bei den meist ohnehin schon geschwächten Patienten.

Mit Schallwellen lassen sich gefährliche Schnitte ganz umgehen. Sie erzeugen einen Druck von hundert Bar und erwärmen innerhalb von zehn Sekunden das Gewebe auf rund achtzig Grad Celsius. Diese Hitze ist durch die präzise Bündelung der Schallwellen auf einen Brennpunkt lokal eng begrenzt, so daß jeweils nur wenig Zellmaterial verkocht. Schritt für Schritt wird der Brennpunkt dann durch den Tumor geführt.

Ein elegantes Verfahren: Keine blutige Operation ist mehr erforderlich. Auch keine Röntgenbestrahlung, die bei aller Fertigkeit der Strahlentherapeuten und der ausgebufften, dennoch oft ungenauen Bestimmung der Dosierung nicht nur die kranken, sondern auch die gesunden Organe in gefährliche Mitleidenschaft ziehen kann.

Das Problem der Überwachung und der Ultraschallbehandlung haben die DKFZ-Forscher mit einem raffinierten Verfahren gelöst. Ein computergestütztes Magnetresonanzgerät (MNR) hilft ihnen, die im Körper verborgene Tochtergeschwulst zuverlässig zu orten und damit die Ultraschallwellen so genau ins Ziel zu bringen, daß nur der Tumor, nicht aber umgebendes gesundes Gewebe zerstört wird. Die Koagulation der Krebsnester geschieht unter ständiger Sichtkontrolle. Die Schallwellen werden bei jedem Schritt auf ein neues Areal gerichtet, das zigarrenförmig rund einen Zentimeter lang und drei Millimeter breit ist. In knapp zehn Minuten ist einer Wucherung mit einer Größe von drei bis vier Zentimetern der Garaus gemacht.

Nebenwirkungen durch den Gewebezerfall wie Abszeßbildung oder Blutungen hat Peter Huber bei den Tierexperimenten nicht beobachtet. Blutgefäße werden durch die Hitzeentwicklung koaguliert und verschlossen. Da für den Angriff mit den Ultraschallwellen die Geschwulst nicht operativ freigelegt werden muß, finden auch Bakterien keine Eintrittspforte.