Fritz J. Raddatz: Ihr Hölderlin-Essay, 1944 geschrieben, beginnt mit einem für Stephan Hermlin wichtigen Satz: "Einer der schrecklichsten Aspekte der Kunst besteht in ihrer Verwendbarkeit, die um so größer ist, je mehr wir es mit bedeutender Kunst zu tun haben. Man kann sich gegen diese Evidenz wehren, man kann von Mißverständnissen reden, leugnen kann man sie nicht. Auf kuriose Art hat die Kunst da etwas gemein mit gewissen Fahnen, gewissen Nationalhymnen." Chiffriert das auch eine Position, eine Gefährdung von Stephan Hermlin?

Stephan Hermlin: Nein. Er beschreibt nur etwas, was in meinem Kopf seit vielen, vielen Jahren, jetzt also seit Jahrzehnten, herumwandert.

Die Verwendbarkeit, bis hin zu Nationalhymne und Fahne. Ist da auch das Risiko Ihrer eigenen Position formuliert?

Hermlin: Ich habe nicht an mich gedacht und an meine Position, als ich das geschrieben habe. Es ist möglich. Das sollen andere beurteilen. Ich selbst habe auf diese Frage eigentlich keine Antwort. Doch es ist durchaus möglich, daß das auch mich betrifft. Verwendbar ist alles.

Beschleicht Sie heute gelegentlich rückschauend Angst, daß Sie selber verwendbar waren, vielleicht für Falsches?

Hermlin: Angst ist mir ziemlich fremd. Unbehagen schon. Auf der anderen Seite sehe ich das wenige, was ich von mir gegeben habe, immer unter dem Gesichtspunkt, daß Kunst eben verwendbar ist und daß ich auf meine Weise auch unvermeidlich Irrtümer ausgedrückt habe, da ich mich - im Gegensatz zu vielen, zu den meisten meiner Zeitgenossen - in schweren Kämpfen befunden habe.

Wollten Sie verwendbar sein, bewußt, oder ist es Ihnen passiert? Das ist die Frage nach einer Art Filtersystem. Eines Ihrer großen Gedichte heißt "Die Asche von Birkenau". Es gibt aber kein Gedicht von Ihnen über Mandelstam oder Isaak Babel. Warum nicht?