Es ist unübersehbar, daß sich auch in unserer aufgeklärten Gegenwart religiöse Such- und Erneuerungsbewegungen einer anhaltenden Konjunktur erfreuen. Universitäre Mauern sind ihnen kein Hindernis. Die Religionsgeschichte ist mit der Moderne beileibe nicht beendet, sondern nur in eine neue Phase getreten. Heute gilt die Neugier eines Studienanfängers weniger dem Zusammenhang von Ökonomie und Geschlechterkampf, wenn er sich den Mysterien um Demeter und Persephone nähert, als der dunklen Inspiration weiblicher Naturmacht und der heilversprechenden Erde. Wie begegnet das Fach Religionswissenschaft dieser wiedererwachten Religiosität in moderner Verpackung?

Bei der Entstehung der Religionswissenschaft im 19. Jahrhundert lassen sich vornehmlich zwei Intentionen voneinander unterscheiden: eine kirchlich-theologische und eine aufklärerische. Die kirchlich gebundene Religionswissenschaft entsprang vor allem den Bedürfnissen der Mission; sie wandte sich den fremden Religionen in der Suche nach einem gemeinsamen - eigentlich schon immer monotheistischen - Urgrund aller Religionen zu. Die aufklärerische Religionswissenschaft hingegen verfuhr sowohl anthropologisch (Feuerbach) als auch geschichtsphilosophisch (Hegel). In Spannung zu diesen Religionstheorien entstand das Universitätsfach Religionswissenschaft vor allem aus dem romantischen Impuls nach Selbstvergewisserung und nationalem Ursprung im "Volksgeist" (Herder). Von hier gingen die bis heute maßgeblichen Methoden und Profile der Religionswissenschaft aus: Der historische Ansatz mit seiner Ablehnung jeder geschichtlichen Teleologie, der Ansatz der vergleichenden Religionswissenschaft und schließlich der phänomenologisch-hermeneutische Ansatz. Besonders für Rudolf Otto und Mircea Eliade, beide Vertreter des phänomenologischen Ansatzes, ist Religion das "ganz Andere" zur profanen Kultur, in der "die Begegnung des Menschen mit dem Heiligen" (Otto) oder "das Zerbrechen alltäglicher Wirklichkeit" (Eliade) stattfinde.

Unter dem Eindruck der gesellschaftspolitischen Probleme, die mit der Verbreitung moderner Heilsbewegungen entstehen, sieht sich die moderne Religionswissenschaft gezwungen, sich von dieser Tradition zu distanzieren. Eine Reise zu einigen der interessantesten religionswissenschaftlichen Instituten in Deutschland lehrt jedoch, daß diese ehemalige Hilfswissenschaft auch das Ghetto der Theologien längst verlassen hat. Jetzt präsentiert sich an vielen Orten eine emanzipierte Religionswissenschaft, die sich mehr und mehr mit den veränderten, aktuellen Gegebenheiten der modernen Gesellschaft auseinandersetzt.

Tübingen

Für Burkhard Gladigow, den Graecisten und Ordinarius des Tübinger Instituts für Religionswissenschaft, ist die Vermittlung von "kultureller Kompetenz" oberstes Gebot für eine Religionswissenschaft, die sich nicht mehr ausschließlich an traditionellen Religionen orientiert. Kulturelle Kompetenz bedeutet dabei vor allem die Fähigkeit, in ausdifferenzierten Kulturen mit pluralen, oft in Konkurrenz stehenden Sinnsystemen, Weltanschauungen und Religionen umgehen zu können. "Denn die Differenzierungen, die wir gewohnt sind", so Gladigow, "sind zum Teil ideologische, koloniale Muster und zum Teil einfach überholt und eher kontraproduktiv zum Verständnis unserer gegenwärtigen Situation."

Schon seit einigen Jahren arbeitet das Tübinger Institut am Forschungsschwerpunkt einer Europäischen Religionsgeschichte der Moderne. Einmalig in Deutschland ist dabei die Tatsache, daß hier auch die Religionssoziologie mit einem Lehrstuhl vertreten ist, die der Adorno-Schüler und empirische Sozialforscher Günther Kehrer inne hat. Bisher war es üblich, die europäische Religionsgeschichte seit der Christianisierung schlichtweg zur Kirchengeschichte zu erklären und die Analyse den Theologen zu überlassen. Die Tübinger versuchen nun eine selbstkritische, historisch fundierte und von keinem Glaubensurteil geleitete Analyse. Sie nimmt auch die große Rolle der antiken, mediterranen Religionen und ihre Transformation in der Kultur der europäischen Renaissancen ernst. Daneben vertritt Heinrich von Stietencron mit seiner Arbeit zum Hinduismus den außereuropäischen Schwerpunkt.

Leipzig

Neben Jena und Ostberlin, wo sie auf kleiner Flamme überlebte, war Leipzig die einzige Stadt der DDR, in der Religionswissenschaft an einer Universität als autonomes Fach präsent blieb. Eine Bedingung für die Kontinuität der Arbeit nennt der Leipziger Fachvertreter Holger Preissler, der 1985 als Semitist und Islamwissenschaftler berufen wurde: "Wir haben uns immer nur mit außereuropäischen Religionen beschäftigt und uns jeder Aussage zu Europa und zur Kirchengeschichte enthalten. Daher hatten wir immer etwas Spielraum. So haben wir in kleinster Größe überlebt."

Vor allem durch den damaligen Institutsleiter Kurt Rudolph wurde Leipzig zu einem anerkannten Forschungszentrum für die Gnosis, besonders ihres letzten Ausläufers, der Mandäer. Es stärkte so die bis heute vorbildliche Leipziger Orientalistik. Der aus Hannover berufene Institutsleiter, Hubert Seiwert, sieht in dieser Einbindung das besondere Profil des Leipziger Institutes: "Die Leipziger Religionswissenschaft deckt durch ihre Schwerpunktbildung - Holger Preissler mit dem Vorderen Orient und dem Islam, Heinz Mürmel, der den Theravada-Buddhismus Indiens und Sri Lankas untersucht, und ich selbst für Ostasien mit dem Gewicht auf volksreligiöse Sekten in China - geographisch diesen ganzen Raum ab." Zudem beschäftigen sich alle drei Fachvertreter mit der neuzeitlichen Religionsgeschichte ihrer Regionen, vornehmlich mit dem 19. und 20. Jahrhundert.

Hubert Seiwert plädiert für eine Religionsgeschichte, die angesichts der aktuellen Tendenzen die alten Epochenraster aufgibt: "Spätestens seit der islamischen Revolution müssen wir erkennen, daß wir heute vor einer grundlegend neuen Epoche der Religionsgeschichte stehen, in der sich religiöser Austausch und Kampf nicht mehr regional begrenzen, sondern global abspielen." Für Holger Preissler muß die Untersuchung des modernen Islam vor allem die kulturelle Dimension umfassen. Seine Fragen lauten: "Wie werden religiöse Konzepte heute verbreitet? Wie funktionieren die traditionellen Gehalte in modernen Medien? Wie entsteht heute und wie entstand früher, etwa im Mittelalter, so etwas wie eine Massenreligion?"

Für den Buddhismusspezialisten und Durkheim-Forscher Heinz Mürmel geht es um ganz ähnliche Probleme. So spürt er in Sri Lanka den Einwirkungen des buddhistischen Modernismus und der sich gegen diesen Modernismus wendenden Orthodoxie nach.

Bremen

Manchmal entsteht in der deutschen Religionswissenschaft auf ganz eigentümliche Art der Spielraum für Experimente. So geht die Konzeption des Bremer Doppelfachs Religionswissenschaft/Religionspädagogik letzten Endes auf die heftigen, innerprotestantischen Religionskämpfe Ende des 18. Jahrhunderts zurück. Ein um Frieden und "neutrale" Bildung bemühter Senat hat, nach Einschätzung des Religionspädagogen Jürgen Lott, jeden kirchlichen Religionsunterricht aus den Schulen verbannt und führte einen nichtkonfessionellen Unterricht mit dem heute mißverständlichen Titel "Biblische Geschichte auf allgemein christlicher Grundlage" ein. Für Hans G. Kippenberg gehören Religionen keinem von der Theologie gepachteten jenseitigen oder inneren Sonderbereich an. Religionen interessieren ihn vornehmlich im Rahmen und als Regulatoren von sozialen Prozessen. Seine Arbeit in Bremen gilt besonders dem Forschungsschwerpunkt "Lokale Religionsgeschichte".

Der andere Teil des Schwerpunkts ist der Themenbereich der Migrantenreligionen "Religionen unterwegs". In den letzten vier Jahren hat die Institutsmitarbeiterin Sabine Offe einen Lehr- und Forschungsschwerpunkt "Neuzeitliches Judentum" aufgebaut, der sich auf die Zeit des 19. und 20. Jahrhunderts konzentriert. Ihre Arbeit widmet sich besonders Fragen nach der Präsentation und "Produktion" jüdischer Geschichte in Museen und Gedenkstätten.

Berlin

In Berlin werden Religionswissenschaft und Religionsgeschichte an der Freien Universität an zwei Orten gelehrt, die zugleich durch zwei bekannte Fachwissenschaftler ihr Profil erhalten: den Religionswissenschaftler und Philosophen Klaus Heinrich und den Religionshistoriker und Iranisten Carsten Colpe. Dieser vertritt die Allgemeine Religionsgeschichte und Historische Theologie seit den achtziger Jahren innerhalb der Evangelischen Theologie. Seine Forschungstätigkeit zum antiken Synkretismus, zur iranischen Mythologie, zur Gnosis und zum Messianismus wird ergänzt durch Arbeiten zur religionsgeschichtlichen Methodendiskussion. Neuere Arbeiten zur Faszination des "Heiligen", zum "Problem Islam" und zum "Heiligen Krieg" greifen ein in die Diskussion um den Begriff der Moderne.

Das bereits 1948 auf Anregung des Theologen und Religionsphilosophen Paul Tillich gegründete Berliner Religionswissenschaftliche Institut gehörte zu den ersten Fächern der Freien Universität. Es wurde ausdrücklich ohne theologische Bindung, dafür aber mit der erklärten Zielsetzung einer Aufarbeitung der jüngsten deutschen Vergangenheit eingerichtet. So wird das Fach durch die Frage nach Religion und Religionen bestimmt, wie sie sich in ihren säkularisierten Formen bis hin zum Nationalsozialismus als "Volksbewegung mit religiösem Anspruch" präsentieren. Daneben weist das Fach einen Antikeschwerpunkt auf, der sich Fragen der griechischen Mythologie und der römischen Religionsgeschichte widmet.

Für Klaus Heinrich ist der Gegenstand der Religionswissenschaft das Verdrängte der Philosophie: "Da, wo der Kult dem Zwang der Wiederholung ausgeliefert ist, erzählen die Mythen in ihren Variationen ganz realistisch von sehr aktuellen Erfahrungen - vom Zerrissenwerden zwischen widerstreitenden Mächten, von großen Verdrängungs- und Spaltungsunternehmungen, von kollektiven Tötungsprozessen. Es ist der Realismus der Mythen, der uns nicht nur Verdrängungsprodukte, sondern auch die Verdrängungsunternehmungen vorführt, so daß wir sie ganz realistisch ein Stück besser verstehen können."

Mit einer ganz aktuellen Wiederkehr religiöser Faszination beschäftigt sich Hartmut Zinser in seinen empirisch fundierten Forschungsprojekten zu "Religionen auf dem Markt" und zum Okkultismus. Er setzt sich seit Jahren für die Öffnung des Faches Religionswissenschaft beim Aufbau eines Lehramtsstudienganges Ethik/Philosophie in Berlin ein. Religionen, die ja auch ethische Lehren vermittelten, liefern seiner Ansicht nach nicht nur theoretische Entwürfe für Ethik und Moral, sondern müssen sich mit einer gelebten und lebbaren Praxis auseinandersetzen und entwickeln soziale Modelle von Konfliktlösung und -regulierung.

Potsdam

Eine ganz junge Gründung ist das Institut an der Universität Potsdam, an dem der aus Frankfurt am Main berufene Karl E. Grözinger seine Schwerpunkte auf die jüdische Religionsgeschichte legt. Die Arbeit des Faches ist eng verzahnt mit den nach amerikanischem Vorbild angelegten "Jüdischen Studien", die von Julius Schoeps an der Potsdamer Universität und im benachbarten "Moses-Mendelssohn-Institut" aufgebaut und geleitet werden. Besonders diese Einbindung, aber auch die Beteiligung des Institutes an der Fort- und Weiterbildung der zukünftigen Brandenburger "Lebensgestaltung/Ethik/Religion"-Lehrer, hat eine spezifische Ausweitung des klassisch judaistischen Kanons zur Folge. Grözinger erläutert: "Sehr oft ist es in der Landschaft der Religionswissenschaften so, daß die jüdische Religionsgeschichte nach dem Abschluß der biblischen Zeit, bestenfalls nach Abschluß der hellenistischen Zeit, faktisch nicht mehr vorkommt, als sei diese Religion ausgestorben. Doch die jüdische Religionsgeschichte hat eine so ungeheure Vielfalt an religiösen Möglichkeiten, daß sie als Ganzes genommen eine ganze Phänomenologie und Religionssoziologie bestreiten könnte. Für die Studenten ist diese Konzentration auf die jüdische Religion bis in die moderne Literatur hinein eine Chance, Theoriebildung anhand einer einzigen Religionsgeschichte zu erlernen." Sein Interesse galt und gilt der Analyse des Weiterwirkens religiöser Gehalte - insbesondere Figuren der Angstbearbeitung - in säkularisierten literarischen oder künstlerischen Formen. Grözingers Studie über "Kafka und die Kabbala" ist ein Ergebnis dieses Forschungsinteresses. Eine besondere Aufgabe und Möglichkeit sieht Grözinger in der Mitarbeit der Religionswissenschaft beim interdisziplinären Projekt der "Jüdischen Studien": "Dadurch wird die Religionswissenschaft endgültig aus ihrem theologischen Ghetto herausgeholt."