Sensationsreporter hätten an ihm ihre besondere Freude gehabt: Da wurde, sagt eine Chronique anonyme, am 23. Mai 1304 in Paris jemand wegen Raubes, Mordes und "anderer Frevel" - Abtreibung und Entführung, verübt zudem an "mehreren Nonnen" - durch den Galgen hingerichtet; kein gewöhnlicher "bourgoiz" freilich, sondern ein Künstler - und zudem Kleriker: Je(h)an de L(`)Escure(u)l. Viel mehr wissen wir nicht über diesen honorigen Wüstling, als daß vierunddreißig Kompositionen einer Handschrift des seinerzeit berühmtesten literarischen Textes beigefügt sind, dem allegorischsatirischen Vers-Roman über den Hengst Fauvel, dessen Name sich zusammensetzt aus den französischen Anfangsbuchstaben der "Laster" Schmeichelei, Geiz, Zote, Abartigkeit, Neid und Feigheit. Vierunddreißig Liebeslieder: Rondeaux, Balladen, Virelais und dits entés für die Refrains, geschrieben in der neuen "mensuralen" Notenschrift. Bis auf ein dreistimmig notiertes Stück bekunden sie die offenbar von L`Escurel entwickelte "Satzkunst", ein in langen Noten fixiertes Melodiegerüst in anderen Stimmen mit kurzen Floskeln auszuzieren. Zwanzig Kompositionen wurden (Vergin veritas 5 45066) aufgenommen vom Ensemble Gilles Binchois, einer Gruppe von sieben Sängern und Instrumentalisten. Sie agieren fernab jeder vordergründigen Solisten-Attitüde, und so entfalten die "freien" Linien zunächst ihren fast "spontanen" Charme, als improvisiere da jemand vor sich hin, enthusiasmiert von den durchaus nicht nur keuschen Reizen der Angebeteten; dann aber auch einen Klang- und Liniencharakter, der doch sehr stark an außereuropäische Praktiken gebunden scheint. Die Zeilenanfänge des Virelai "Dis tans plus qu`il ne faudroit flours" nennen übrigens den Namen dessen, der hier seiner "Dame" musikalisch "zehnmal mehr Blumen schickt, als man braucht, einen Berg bis zum Himmel zu bauen" - auch wenn er dafür gehenkt wird.

Heinz Josef Herbort

Die jungen Musikerinnen des Jazz baden ihre schönen Füße gern in der modernen Schreib-Musik. Klangtrümmer-Frauen. Cage was here. Siehe: Corine Liensol (Trompete) von der Feminist Improvising Group und Elvira Plenar (Klavier), die mit der Sängerin Gabriele Hasler Oskar Pastiors Poesie in Töne setzte. Der swingende Jazz ellingtonscher Prägung aber ist fast ausschließlich Sache der Männer. Auf dieses verminte Gelände hat sich jetzt die kanadische Trompeterin und Flügelhornistin Ingrid Jensen vorgewagt. Das "Bebop-Abitur" hat sie glänzend bestanden: Ihre Aufgabe war, Charlie Parker instrumental und mental anzubeten, ohne ihm zu erliegen. Jensens makellose Technik, vor allem aber ihre Auffassung von Rhythmik und ihre Vermeidung von ausgekühlten Modernismen haben ihr zu dieser Leistung verholfen. Beweis: Ihr CD-Debut "Vernal Fields". Mit ihrem Sextett, fünf adäquate Männer mit dem feurigen Lenny White am Schlagzeug begleiten sie, spielt sie eine Art von muskulösem Jazz. Als wäre das Zartgliedrige, das Virginia-Woolf-Hafte, nie Domäne der Frauen gewesen. Kurz: Ingrid Jensen fetzt los (Enja-90132; Vertrieb über Enja-Records, München, 089/161777 oder 165172). Schon im ersten Stück der CD, einem Blues, der das Nadelöhr des Jazz ist. Die Trompeterin geht mühelos durch. Zu Recht lobt Flügelhorn-Altmeister die Absolventin der Berklee-School of Music, Boston. "Sie hat alles: Feeling, Swing, Drive, Geschmack und Anmut." Doch seltsam, was ein bestimmter Trompeten-Dämpfer bewirken kann. In "Skockum Spook" benutzt sie ihn und, schwupp, schon klingt sie wie Miles Davis. Ein Trost ist: Egal, wer sich dieses persönlichkeitsauslöschenden Dings aus Aluminium bedient, ob Mann, ob Maus, alles wird verwandelt in Miles Davis. Der Fluch des Pharao im Jazz.

Michael Naura