DAMBECK. - Die Propstei ist unbewohnt, ebenso der Taubenturm. Die Fenster der Klosterkirche sind zerborsten. Die Gebäude verfallen. Immerhin, im Klostergarten wächst Grünkohl, auf der Leine trocknet Wäsche, was bedeutet, daß das südlich von Salzwedel gelegene Kloster wieder belebt ist, diesmal nicht von Benediktinerinnen, für die es Anfang des 13. Jahrhunderts gebaut wurde, sondern von der evangelischen Joseph-Bruderschaft. Ende 1993 zogen Bruder Jens und Bruder Timm hier ein, voller Pläne und Tatendrang: Ein Ort der Stille soll das spätromanische Backsteinkloster werden, von klostereigenen Handwerksbetrieben restauriert, zur Pflege bedürftiger und kranker Menschen, die gesunden sollen an dem, was aus ökologischer Landwirtschaft, betrieben auf den Klosterländereien erwirtschaftet wird. Doch dieses Idyll ist bedroht von 6300 Schweinen.

Eigentlich ist die DDR mit ihrer landwirtschaftlichen Gigantonomie an dem Desaster schuld. Sie nämlich einverleibte das Kloster samt Ländereien dem volkseigenen Gut Büssen, das hier massenweise Schweine hielt. Die Büssener Stallungen kaufte 1994 der Bremer Augenarzt Eggert von der Treuhand, um sein Geld steuergünstig anzulegen. Zu DDR-Zeiten waren höchstens, wenn überhaupt, 3000 Zuchteber und Sauen in Büssen. Nun sollen es 6300 Mastschweine werden in einer neuen Riesenanlage. Die Schweine soll Bauer Seeger aus dem Oldenburgischen versorgen - ein Landstrich, berüchtigt durch zahlreiche Massentierställe -, als Betreiber ist der Futtermittelhersteller Schaumann vorgesehen. Und weil das Büssener Land nach umwelt- und steuergesetzlichen Bestimmungen nicht ausreicht für das Gülle-Endlager von 6300 Schweinen, verpachtete die Treuhand für zwölf Jahre zusätzliches Land, unter anderem 290 Hektar Klosterländereien.

Den Mönchen wurde als Trostpflaster die Klosteranlage pur von der Treuhand angeboten, ansonsten guckten sie in die Röhre. Nun versuchen sie, das Beste aus ihrer Lage zu machen. Der niedersächsische Tischlermeister Jens Bauer, seit 1991 Bruder Jens, kennt sich aus; er hat jahrelang Heidehöfe restauriert, Lehrlinge an der Berufsschule ausgebildet. Er weiß, wie Kloster Dambeck, von Denkmalsschützern als eine der interessantesten Klosteranlagen der Altmark bezeichnet, wiederherzurichten wäre, dieser Komplex aus 24 Gebäuden, wenn man Schnitterhäuser, Stall- und Speichergebäude mitrechnet. Seine Vorstellung: Er will dafür arbeitslose Handwerker aller Baugewerbe im Kloster ansiedeln, mit sozial gefährdeten Jugendlichen als Lehrlingen, will insgesamt 156 Arbeitsplätze schaffen. Bruder Timm, früher Diplomingenieur Timm Offeney, spezialisiert auf Wasserbau, mit zusätzlicher landwirtschaftlicher Ausbildung, ist für ökologischen Landbau und artgerechte Tierhaltung zuständig. Noch sind es nur zwei Mönche, zwölf sollen es einmal werden, dazu Lehrlinge, Bauern, Handwerker und Menschen, die in Not sind. Der Anfang ist gemacht. Im Gutshaus des Klosters, zu DDR-Zeiten Lehrlingswohnheim des VEG Büssen, leben die beiden Mönche und eine Handvoll Helfer. Bärbel Henning aus Salzwedel kümmert sich um sozial schwache Jugendliche, die im Kloster aufgenommen wurden, und um wechselnde Gäste aus der Ukraine. Die Bruderschaft wurde vom ukrainischen Außenministerium um Hilfe für die Landwirtschaft gebeten. Die Mönche bettelten in der Umgebung um alte Erntemaschinen, Fahrzeuge, Ersatzteile aus DDR-Produktion. In einer ehemaligen Ziegelei nördlich von Salzwedel mieteten sie eine Werkstatt, wo die alten Landmaschinen und Busse repariert wurden, um dann mit freiwilligen Helfern zur Partnergemeinde Ossikowo gebracht zu werden. Im Sommer erholten sich in Dambeck strahlengeschädigte Kinder aus der Umgebung von Tschernobyl. Die laufenden Kosten werden von Spenden gedeckt. Obst und Gemüse kommen aus dem Garten, Milch von zwei Kühen. Für Kühe, Ziegen, Schafe aber ist Weideland nötig, für Getreide Äcker. Das Kloster braucht also Land. Land, das die Treuhändler dem Bremer Zahnarzt angedient haben.

Seit dem Regierungswechsel in Sachsen-Anhalt scheint das Blatt sich zu wenden. Ministerpräsident Höppner sicherte den Mönchen in einem Brief Unterstützung zu, zum Beispiel will er bei der Koordinierung zwischen den verschiedenen fürs Kloster zuständigen Ministerien helfen: zwischen Landwirtschaft, Kultur (wegen Denkmalsschutz), Arbeit und Sozialem (wegen der Arbeitsplätze), Umwelt (wegen der Gülle), Finanzen. Der neue Salzwedeler Landrat hat ABM-Kräfte genehmigt: für humanitäre Hilfe für die Ukraine und zur Betreuung von Kindern im Kloster, was beides vorher mit ehrenamtlichen Helfern bewältigt wurde. Sachsen-Anhalts Umweltministerin will Landrat und Kreistag ermuntern, sich - der wertvollen Biotope der Gegend wegen - hinter die Gemeinde Büssen zu stellen, die bisher den Neubau einer Schweinemastgroßanlage nicht genehmigt hat. Und Sachsen-Anhalts Landwirtschaftsministerium hat dem Benediktinerkloster inzwischen schon mal dreißig Hektar Land zugesprochen, vielleicht der erste Schritt zum Happy-End.