In der DDR galt Buchenwald als historischer Ort eines heroischen kommunistischen Widerstands, dessen Höhepunkt die Selbstbefreiung des Konzentrationslagers darstellte. Manfred Overesch verdeutlicht in der vorliegenden Publikation, daß dies nicht schon immer so gewesen ist, sondern daß die Legendenbildung von seiten der SED erst in den fünfziger Jahren einsetzte. Ausführlich wird rekonstruiert, wie die KPD/SED vor 1953 mit dem sperrigen Erbe des Konzentrationslagers Buchenwald und mit dem Verdacht der Kollaboration von Genossen umging.

Nachdem die Befürchtung, daß ehemalige kommunistische Funktionshäftlinge im amerikanischen Buchenwaldprozeß in Dachau im April 1947 angeklagt werden könnten, sich als unbegründet erwiesen hatte, schlugen 1950 die Russen zu. Sie verhafteten zwei führende Kommunisten aus Buchenwald, den Kapo des Krankenbaus Ernst Busse, der zugleich Mitglied der Parteileitung im Lager war, und den Lagerältesten Erich Reschke. Als Kriegsverbrecher wurden sie zu lebenslänglicher Haft verurteilt und nach Workuta deportiert, wo Busse umkam. Zahlreiche andere ehemalige kommunistische Funktionshäftlinge wurden danach von der SED bis 1954 aus ihren Nachkriegsfunktionen entfernt.

Schon 1949/50 wurde von der SED der Plan forciert, der antifaschistischen Widerstandskämpfer im ehemaligen KZ Buchenwald durch eine Mahnstätte zu gedenken. Overesch beschreibt die vorbereitenden Maßnahmen, künstlerischen Entwürfe und parteiinternen Aktivitäten bis zur Einweihung der Gedenkstätte im September 1958.

Der Geschichte vorangestellt wird eine Sammlung von Dokumenten des Monats April 1945, die der Autor "ein kollektives Tagebuch" nennt. Die Texte gruppieren sich um Hauptthemen: die Lage im KZ unmittelbar vor der Befreiung, die Befreiung selbst, die Reaktionen der Alliierten und der Weimarer Bevölkerung auf die Zustände im Lager, das Verhalten der kommunistischen Häftlinge nach der Befreiung, das politische Erbe Buchenwaldes. Allerdings bleiben die meist kurzen oder nur im Auszug abgedruckten Texte Fragmente einer Wirklichkeit. Die Dramaturgie des Tagebuchs - die Chronologie - und die suggestive Kraft des Authentischen stiften noch keinen Interpretationszusammenhang. Einige der Dokumente sind seit längerer Zeit publiziert, andere haben im vergangenen Jahr den Weg aus den Archiven der SED in die öffentliche Debatte über das Konzentrationslager Buchenwald und den problematischen Umgang der KPD/SED gefunden.

Leider ist der Dokumententeil nicht frei von Fehlern. Im amerikanischen Bericht der Abteilung für psychologische Kriegführung vom 24. April 1945 zogen die Autoren Egon Fleck und Edward Tenenbaum unter anderem die Schlußfolgerung, daß die Kommunisten im Konzentrationslager sich auch deshalb zur Übernahme von Positionen innerhalb der von der SS eingerichteten "Häftlingsselbstverwaltung" entschlossen hätten, um das Leben in Buchenwald zu verbessern. Und sie beschrieben die Motive der Kommunisten als völlig human. In der Fassung Manfred Overeschs werden die Motive der Kommunisten als "völlig unmenschlich" bezeichnet.

Overesch bezeichnet es im Zusammenhang mit der parteiinternen Geschichtsarbeit der SED als bedauerlich, daß das "tatsächliche politische Erbe Buchenwalds verleugnet und statt dessen der Versuch eingeleitet wurde, Buchenwald in eine Affinität zur werdenden DDR zu bringen". Aber was ist das tatsächliche politische Erbe Buchenwalds? Der Autor ersetzt - ganz in der Heldenrhetorik der SED - den kommunistischen Widerstand durch die "großen politischen Leistungen sozialdemokratischer Häftlinge" und durch die Volksfrontpolitik vor und nach der Befreiung des Lagers, die Overesch als sozialdemokratisch dominiert überschätzt.

Hermann Brill verkündete unmittelbar nach der Befreiung des Lagers das "Buchenwalder Manifest", das im Geiste der Volksfrontpolitik entstanden war. Und die Exponenten der Volksfront stellten im kurzen Sommer der amerikanischen Besetzung Thüringens das politische Führungspersonal. Mit dem Besatzungswechsel Anfang Juli 1945 wurde jedoch diese politische Linie unter Billigung oder mit Hilfe der Sowjetischen Militäradministration in Thüringen zurückgedrängt. Und die Sozialdemokraten verloren ihre politische Führungsrolle bald an die Kommunisten.