Sarajevo. - Vor 1991 gehörten Ivan Ceresnjes und Jacob Finci zur professionellen Elite Sarajevos. Diese Männer, beide in den Vierzigern, verbrachten ihre Kindheit damit, sich im jüdischen Gemeindezentrum unweit des Zentrums herumzutreiben. Später wurde Ceresnjes ein erfolgreicher Architekt, und Finci wurde ein führender Anwalt. Sie hatten große Familien, geräumige Wohnungen und Ferienhäuser am Strand.

Aber als Juden in Sarajevo wurden sie im Schatten der Geschichte geboren. Fast 10 000 der ehemals 12 000 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde wurden während des Zweiten Weltkrieges ermordet. Fast alle anderen konnten nur deswegen überleben, weil andere ihr Leben für sie riskierten. Fincis Familie wurde von Italienern versteckt. Ceresnjes Vater kämpfte auf seiten der Amerikaner in Nordafrika. 970 Juden aus Sarajevo kämpften mit Titos Partisanen. 340 von ihnen sind gefallen.

1988 wurde Ceresnjes zum Präsidenten der 1200 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde Sarajevos gewählt. Jugoslawien fiel in der Folgezeit zügig auseinander. Alles andere als politisch naiv, stärkten er und Finci zügig die Bindungen zu jüdischen Organisationen im Westen. Gleichzeitig weigerten sie sich, sich von kroatischen, serbischen oder muslimischen Kreisen vereinnahmen zu lassen. Wenn jemand sie fragte, auf welcher Seite sie stünden, pflegten sie zu antworten: "Wir sehen nur das Gute, das sehr Gute und das sehr, sehr Gute." Mit Sicherheit haben sie anderes gesehen, aber sie haben solche Gedanken nie öffentlich geäußert.

Bis zur vollständigen Einkesselung Sarajevos im Mai 1992 waren die meisten Juden vom amerikanischen Joint Distribution Committee evakuiert worden. Gleichzeitig wurde jeder Winkel des jüdischen Gemeindezentrums gefüllt mit Lebensmitteln und Medikamenten.

Eine jüdische Hilfsorganisation entstand: La Benevolencija. Ihr Präsident wurde Finci.

Als die Bombardierungen begannen, ließ Ceresnjes die Fenster der Synagoge durch Plastik ersetzen. Im Eingangsbereich wurden mit Propangas betriebene Öfen aufgestellt. Eine Etage höher richtete man eine Klinik ein. Deren Ärzte tauschten Medikamente mit allen Krankenhäusern in der Stadt. Als sich der Krieg hinzog und Juden ausreisen wollten, nutzte Finci seine beachtlichen Verhandlungskünste im Umgang mit Muslimen, Kroaten und Serben. Tausend Juden haben seither die Stadt verlassen.

Finci verhandelte auch darum, Lebensmittel und Medikamente in die Stadt zu bekommen. Wann immer er sich mit den verschiedenen Fraktionen traf, hörte er sich an wie eine antike Gebetsmühle, die immer wieder neu aufgezogen wird. Er sagte allen: "Wir sind Juden. Das hier ist ein ethnischer Konflikt, der uns nicht betrifft. Wir können jedem helfen, wenn ihr uns nur laßt." Und aus irgendeinem Grund haben sie zugehört, und sie hören noch immer zu. Sie respektieren Sarajevos Juden und lassen ihre Hilfslieferungen passieren.