Als der Krieg zu Ende war, dachte Henryk Grynberg nicht darüber nach, ob er bleiben könne oder gehen müsse. Der Zehnjährige tat, was die Eltern taten, und die Eltern wollten weg. Wie Tausende von Juden, die aus den Verstecken hervorgekommen, aus sowjetischer Emigration zurückgekehrt oder aus den KZ befreit worden waren, saßen sie auf gepackten Koffern und warteten auf den Tag der Ausreise. Machte sich ein Kibbuz auf den Weg nach Palästina, verschwanden aus Henryks jüdischem Kinderheim in Lódz nachts regelmäßig mehrere Mitschüler. Von den 260 000 Juden, die sich Mitte 1946 in Polen aufhielten, wollten weit mehr als die Hälfte das Land verlassen.

Henryk Grynberg pflegt zu sagen, es gibt keinen Zufall, sondern nur Schicksal. Und so war es wohl Schicksal, daß der Stiefvater, als er die Papiere nach Venezuela schon in der Tasche hatte, wegen illegaler Valuta-Transaktionen zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Als er nach zweieinhalb Jahren herauskam, waren die Papiere für Venezuela ungültig, Polens Grenze geschlossen und Henryks Leben für die nächsten zwanzig Jahre entschieden. Denn während die Mutter und der Stiefvater in Wartestellung blieben und das politische Tauwetter 1956 zur Ausreise nutzten, richtete sich der inzwischen erwachsene Sohn in Polen ein. "In Polen sein / polnisch sprechen / auf polnisch schreiben / auf polnisch gelesen werden - ein polnischer Schriftsteller sein - das ist das beste Leben", beschied er die Eltern in San Francisco. Fragte ihn die schwesterliche Freundin Ela, warum er ihr zurede, dem Vater zu folgen, selbst aber bleibe, erklärte er: "Ich bin etwas anderes. Einer muß bleiben . . ." - "Das redest du dir ein. Niemand braucht dich hier." - "Weiß ich", sagte Henryk, "aber sollen sie wenigstens wissen, daß ich existiere. Ich gebe mich nicht geschlagen."

Vom Krieg, den er mit "arischen" Papieren durchstand, war ihm der Wille zum Überleben, zum Durchhalten, zur Behauptung geblieben. "Laß den Kopf nicht hängen", hatte die Mutter den eingeschüchterten Jungen aufgefordert, als er im besetzten Warschau in jedem zunächst den Denunzianten vermutete.

Also ging Henryk mit aufrechtem Kopf und sah den Menschen in die Augen. Erst wegen der hellen Haare und der Kennkarte, die ihn als Krzyzanowski auswies, später, weil er wieder Grynberg hieß, den Namen auf keinen Fall ändern wollte und wußte, daß er gemeint war, wenn in der Bar jemand auf "Semiten" schimpfte. "Warum darf ein Flegel noch so etwas sagen?" wehrte er sich und schlug dem Flegel mit der Faust ins Gesicht, daß die Brillengläser barsten. Sollten sie wissen, daß er sich nicht geschlagen gab. Henryk spielte im Jüdischen Theater, beschrieb die Tragödie seiner Familie und hatte sogar Erfolg. Für die Erzählung "Der jüdische Krieg" erhielt er 1966 den Koscielski-Preis, und als Ausdruck des Glaubens an eine Zukunft in Polen investierte der Dreißigjährige die Preissumme von 3000 Schweizer Franken in einen gebrauchten Volkswagen. Das war im Frühjahr 1967. Ein halbes Jahr später hatte er sich bereits abgesetzt.

Grynberg erkannte die Zeichen schneller als andere. Noch vor dem Sechstagekrieg im Juni 1967 spürte er das Unheil in der Luft. "Ich schrieb nicht, ich übersetzte nicht, ich raffte mich zu keiner Arbeit auf", bekennt er in der Erzählung "Heimat". "Selbst lesen wollte ich nicht. Das Radio schaltete ich nur an, wenn es Musik gab, denn wenn sie zu reden begannen, wollte man einfach nicht mehr leben. Ich schaute auf die Vögel und überlegte, was ich hier in dieser dreckigen Bude im sechsten Stockwerk eigentlich mache, anstatt mich loszureißen und wie ein Vogel zu fliegen. Der Journalist aus dem Haus gegenüber flog. Nur hin - zurück brauchte er nicht."

Schon im Frühjahr hatte er in der Provinz gehässige Stimmen gehört, die nach dem Lebensrecht von Israel fragten, jenem Israel, das den Schulkameraden aus Lódz eine neue Heimat bot, das Mutter und Stiefvater drei Jahre lang aufgenommen hatte, nachdem sie aus Polen ausgereist waren. Israel konnte ihm nicht gleichgültig sein. Als nach dem Sechstagekrieg die Hetze gegen "Zionisten", "stille Verbündete des Aggressors" und die "fünfte Kolonne" sogar die Spalten des Zentralorgans füllte, verstand Henryk Grynberg, daß die ewig Gestrigen nicht nur in der Provinz, sondern auch in der Parteizentrale saßen. Daß ganz oben beschlossen worden war, Juden als fremd in diesem Land zu erachten. Als bürgerlich-liberal. Als unpatriotisch. Als nicht dazugehörend.

Die Erinnerung an die Nachkriegszeit wurde wach. Hunderte von Juden waren bei Pogromen in Kielce, Krakau, Parczew, bei Überfällen auf Züge mit Repatrianten aus der Sowjetunion umgekommen. Das jüdische Kinderheim, in dem er gelebt hatte, war zum Schutz mit einem hohen Zaun umgeben und von ausgemusterten Soldaten bewacht worden. Selbst der Lastkraftwagen, der sie täglich zur Schule nach Lódz brachte, war von bewaffneten Männern eskortiert worden.