Deep Throat: so hieß einmal ein Erzeugnis der Pornofilmindustrie. Davon sollten die Zeitungen nun eine späte Anleihe machen. Bereitwillig sperrt eine rosa Sexpuppe auf Anzeigenentwürfen ihren Mund auf. "Miteinander reden" heißt die dazugehörige Kampagne des Bundesverbandes der Zeitungsverleger und des Vereins Regionalpresse, mit der für mehr Gemeinsinn, Toleranz und gegenseitiges Verständnis geworben werden soll. Neben anderen Entwürfen wurde auch die Sexpuppe prämiiert - doch der Preis ist nicht überreicht worden.

Freilich war die Sexpuppe nur ein Motiv von fünfzehn. Glücklicherweise empfanden die Zeitungsvereine wenigstens nachträglich, nach den ersten Protesten gegen die Jury-Entscheidung, gegenüber diesem Motiv Skrupel und beschlossen, auf die Puppen-Werbung zu verzichten.

Das widerfuhr auch einem anderen Entwurf, der gleichfalls preisgekrönt und postwendend aus dem Verkehr gezogen wurde. Abgesehen davon, daß es den Verlagen ohnehin freisteht, welche Anzeigenmotive sie ins Blatt nehmen und welche nicht: Man ist schon froh, wenn sie gemeinsam richtig reagieren.

So wird also als Anzeigentext nicht zu sehen sein, was unter der Devise "Miteinander reden" den Lesern in Blocklettern quasi ins Auge springen sollte: "Mit Jürgen, mit Luden, mit Türken und Juden." Dieses Werk eines Gebrauchsdichters wurde von der Jury auf Platz eins gesetzt. Nur öffentlicher Protest verhinderte auch hier, wie im Deep-Throat-Beispiel, die Preisübergabe.

Man fragt sich gleichwohl, wie es zu einem solchen Knittelvers überhaupt hat kommen können. Er liest sich wie Hohn auf die Ziele der Anzeigenkampagne. Sie solle, so hieß es bei der Vorstellung der prämiierten Entwürfe in Bonn, die soziale Kultur in unserer Gesellschaft stärken, der zunehmenden Ellenbogenmentalität entgegenwirken und für soziale Verantwortung werben. Mein Gott.

Was also geht in den Köpfen von Textern vor, die Luden und Juden zusammenbringen? Gerade in diesem Jahr des Gedenkens an Schrecken und Massenmord? Es muß wohl eine neue Unempfindlichkeit und Abstumpfung im Spiel gewesen sein, der die Anzeigenkampagne doch eigentlich zu Leibe rücken soll. Die Provokation, sicherlich in guter Absicht, hat sich selbständig gemacht, über jede Grenze hinaus. Daß der Vorsatz, der sozialen Kultur aufzuhelfen, auch in politische Pornographie mündete, selbst wenn sie in letzter Minute verhindert worden ist - das bleibt ein sozialer Schock für sich.